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AUFTOUREN: 2011 – Das Jahr in Tönen


2011 war ein folkiges Jahr. Zumindest, wenn man nach den Nominierungen des Industriepreises Grammy geht, bei denen Bon Iver zwischen vier Erwähnungen – unter anderem „Bester neuer Künstler“ – breit vertreten ist. 2011 war auch ein punkiges Jahr, in dem ambitionierte Langzeiterzählungen ebenso aufrührten wie jugendlich energetische Sprints. Gewiss war 2011 auch ein Jahr, in dem HipHop und R&B Seitenwind aus dem Untergrund bekamen, munter dekonstruiert und rekontextualisiert wurden, von den Wirbeln um Casper und Odd Future mal ganz abgesehen.

Denn auch, wenn die Berichterstattung darüber unrentabel scheint: Die Nischen blühen. Kein Genre scheint unantastbar, keine postmoderne Vermischung, Mini- oder Maximalisierung zu abwegig, immer wieder schließen sich neue Perspektiven auf scheinbar Altbekanntes auf. Dass dabei ebenso wie abseits von Trends die Kohärenz nicht zu leiden hat, zeigt ein Blick auf unser Rezensionsarchiv. Viele Alben haben uns dieses Jahr dermaßen überrascht, überzeugt, überwältigt und verführt, dass sie an der intern stets hart debattierten 9er-Wertungsgrenze kratzen und sie sogar in drei Fällen erreichen konnten.

Hat James Blake mit seiner souligen Neugestaltung des Dubstep-Raums den Konsens-Bestenplatz erreicht? Die kunterbunte Klangwelt von Gang Gang Dance? Oder vielleicht doch St. Vincent mit ihrer metallgesplitterten Artpop-Eleganz? Oder hat sich, wie nicht selten in dieser Liste geschehen, an der Spitze ein anfangs unterschätztes Werk mit der Zeit als absoluter Favorit entpuppt? Seid mit dabei, wenn wir euch in den folgenden Tagen unsere Top 50 ebenso präsentieren wie ab Donnerstag die „Geheime Beute“, 30 Werke zu abwegig oder nischenhaft für den großen Konsens, die wir aber für nicht minder großartig halten. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen, Entdecken und regen Diskutieren. Auf geht’s:

50

EMA

„Past Life Martyred Saints<"

[Souterrain Transmissions]

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Erika M. Anderson singt von blau geschlagenen Augen, aufgequollenen Lippen, aufgeritzter und verbrannter Haut. Nicht weniger unbequem ist ihr Drone-Folk. Sie nutzt Schwälle aus knarzigem Gitarrendröhnen für feedbackgeladene Spannungsräume, begleitet Gefühlsbrüche mit Harmoniebrüchen oder zerrt die eigene Stimme im peitschenden „Milkman“ in ein monströses Digitalheulen. Doch gerade, wenn die Anspannung unerträglich und der Katharsispunkt überdehnt zu werden drohen, schiebt sie eine gebrochene Schönheit wie „Marked“ oder Erlösungsmomente wie in „Anteroom“ ein: “If this time through we don’t get it right / I’ll come back to you in another life.” Ein Album, von dem man sich auch im Diesseits immer wieder abholen lässt. (Uli Eulenbruch)


49

Locas In Love

„Lemming“

[Staatsakt]

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Im deutschsprachigen Indiepop, in dem es zwischen politisiertem Diskurs und Befindlichkeitslyrik mit gefährlicher Nähe zu Schlager und stumpfen Durchhalteparolen ja nicht unbedingt viele Nischen gibt, wirken Locas In Love stets wie ein Fremdkörper. Vielmehr in amerikanischer oder schottischer Tradition zwischen Noisepop und Twee verhaftet, erzählen diese auf “Lemming” von den Widersprüchen, gleichzeitig zu lieben und die ganze, schlechte Welt um einen herum zerstören zu wollen. Musikalisch oppulenter und ausgereifter als je zuvor verbirgt sich hinter der knuffigen und mit allerhand nerdigen Verweisen ausstaffierten Fassade große Bitterkeit und Tiefe. Hier hat sich niemand in harmloser Melancholie gemütlich eingerichtet, hier ist alles wirklich “so schlimm, wie es scheint.” (Bastian Heider)

48

Katy B

„On A Mission“

[Columbia]

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Es ist nicht alles Dubstep was danct: Als hätte sie die völlige Konfusion des Begriffes zwischen Blake und Skrillex kommen sehen, ist das D-Wort auf Katy Briens erstem Album – abgesehen von ihren Kollaborationen mit Magnetic Man – doch eher eine Randerscheinung. Stattdessen glänzt „On A Mission“ verwirrungsfrei mit zeitgemäßem Dance-Pop aus Funky House, Disco- oder auch Breakbeat-Impulsen. Elegante Arrangements gehen stets Hand in Hand mit Briens einnehmender Stimme und ihren trefflich beschreibenden Texten über Verzückungen auf der Tanzfläche und Tiefgänge abseits des Clubs – und das mit einer Ohrwurm-Konsistenz, dass es kaum noch verwundert, dass dieses Album bis dato sieben Singles hervorbrachte. (Uli Eulenbruch)

47

13&God

„Own Your Ghost“

[Alien Transistor]

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Wie schön, dass die Verbindung von HipHop, klassischer Bandbesetzung und Elektronik durch 13&God, bestehend aus Themselves und The Notwist, im Jahr 2011 keiner grundsätzlichen Einführung mehr bedürfen sollte. Musikalisch und textlich vereinen sie auch auf ihrem zweiten gemeinsamen Album „Own Your Ghost“ Bestes aus den jeweiligen, sehr weitläufigen Welten, ohne dass gesagt werden könnte, wer genau was beigetragen hat. Mit „Old Age“ gibt’s einen recht stringenten Hit, „Et Tu“ ist ein kleines, per Motorikbeat ins Kraut kriechendes Biest, auch „Sure As Debt“ zappelt rhythmisch, musikalisch wie auch sprachlich. Übermäßig bollerig wird es dabei nie, das wäre auch dem Thema unangemessen. Denn „Own Your Ghost“ befasst sich mit der Vergänglichkeit unser aller Lebens, ist ein geschmackvolles, aber unverblümtes Memento mori. (Lennart Thiem)


46

The Caretaker

„An Empty Bliss Beyond This World“

[History Always Favours The Winners]

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Wer sich von einer allzu verkopften Herangehensweise an Musik abschrecken lässt, der sollte bei Platz 46 kurz weghören, denn James Leyland Kirby ließ sich für dieses Album von einer medizinischen Studie inspirieren. Diese bescheinigte Alzheimer-Patienten, sich besser erinnern zu können, wenn Informationen mithilfe von Musik vermittelt würden. Und so begibt man sich mit „An Empty Bliss …“ auf eine muntere Zeitreise und schlendert gedankenverloren durch die verlassenen Flure eines Tanzlokales der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Kirby fügt Streicher-, Bläser- und Pianoschnipsel, aber auch das Rauschen und Knistern originaler Grammophonaufnahmen zu einzigartigen Kompositionen zusammen – Erinnerung als kreativer Prozess und noch dazu wunderschön anzuhören! (Constantin Rücker)


45

Kurt Vile & The Violators

„Smoke Ring For My Halo“

[Matador]

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Anders als das etwas lautstärker instrumentierte Matador-Debüt „Childish Prodigy“ setzt Kurt Viles Nachfolgewerk vermehrt auf Zurückhaltung. Auf eine bisweilen sehnsüchtige Stimmung, durch seine warme Akustikgitarre in Szene gesetzt; dazu schwebende Arrangements und eine Stimme, die sich ähnlich wie Springsteen auf „Nebraska“ irgendwo in den unendlichen Weiten verliert. Weiten, die auf „Smoke Ring For My Halo“ zu verträumten Rauchwölkchen in den eigenen vier Wänden runtergekürzt werden. Man ist genügsam. Zufrieden mit sich und dem Moment: “I know when we got older, I’m dying. But I got everything I need here now and that’s fine now. That’s fine.” Was will man mehr? (Pascal Weiß)

44

When Saints Go Machine

„Konkylie“

[!K7]

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Da Antony Hegarty ja nun leider nicht mehr bei Hercules & Love Affair am Mikrofon steht, müssen in Fragen exhaltierten Falsettgesangs für den Tanzflur eben andere ran. Das Herausragende an When Saints Go Machines Elektropop-Entwurf ist dabei sicherlich ihr Perfektionismus und Mut zum Artifiziellen. Zwischen queerem Club und “Minimal Music” tänzeln hier schwelende Streicher und verschachtelte Rhytmusfiguren hin und her, ohne dabei in eine verkopfte, konzeptionelle Strenge zu verfallen. Voll Überschwang und Spaß an der Sache zelebrieren die vier Dänen ihren unangestrengten Kunstwillen und zaubern dabei immer wieder elegante und luftige kleine Hits wie „Kelly“ aus dem Hut. Ähnlich natürlich und selbstverständlich verschmolzen Pop, Tanzflur und “Art” in jüngerer Vergangenheit höchstens noch bei The Knife. (Bastian Heider)


43

Matana Roberts

„Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres“

[Constellation]

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Matana Roberts ist nicht der erste, aber zweifellos der mutigste Versuch des kanadischen Labels Constellation, sich abseits vom Post-Rock breiter aufzustellen. Das Experiment ist ein Erfolg auf ganzer Linie. Zwischen krachendem Avantgarde-Jazz und besonnenem Spoken Word setzt sich Matana Roberts mit der Geschichte ihrer Familie seit dem 19. Jahrhundert auseinander. „Coin Coin Chapter One“ funktioniert wie ein Schauspiel: Coin Coin wird in die Sklaverei geboren, benutzt und ausgebeutet. Über all dies singt sie so beeindruckend und einnehmend, dass man glauben könnte, hier eine Zeitzeugin zu hören, was durch die Live-Einspielung des Albums noch verstärkt zur Geltung kommt. Die stärkste Frau 2011. (Felix Lammert-Siepmann)


42

Bill Callahan

„Apocalypse“

[Drag City]

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Er ist und bleibt eine Bank in Sachen Songwriting. Wagemutig, bisweilen gar tolldreist beschwört Callahan in 7 Episoden die „Apocalypse“. Die Harmonie des Vorgängers weicht einer knorrigeren Grundstimmung und ist durchweg lauter, aufregender, stärker instrumentiert. Callahan reizt sein Spektrum zwischen Vehemenz und Vorsicht komplett aus, kann aber auch wie im fabelhaften „Riding For The Feeling“ zart und elegant werden. Hintergründig, ja nicht ohne Hauch garstiger Ironie kommt hingegen „America!“ daher, und genau in diesen Grenzen bewegt sich das Album, das sich irgendwo zwischen Politik und Poesie wiederfindet und nahtlos einreiht in den denkwürdigen Kanon des ehemaligen Smog-Masterminds. So überraschend wie möglich und so kalkulierend wie notwendig. (Carl Ackfeld)

41

Kuedo

„Severant“

[Planet Mu]

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Was hätte „Severant“ für eine überragende Alternative zu Daft Punks mäßigem letztjährigem Tron-Soundtrack abgegeben! Kuedos Debütalbum versprüht Breitbildfuturismus, ohne sich in einen naheliegenden Retrorahmen zu flüchten, die ehemalige Hälfte des Dubstepduos Vex’d hat sich im Heute und Gestern nach Inspiration umgeschaut. Wie Blitz und Donner zuckt über weite Zukunfslandschaften tight versträngte Perkussionsrhythmik, inspiriert von belebtem HipHop und von hochbeschäftigter Footwork-Clubmusik aus Chicago, wie sie Planet Mu auch auf zwei Compilations vorbildlich im Original dokumentierte. Dazwischen harmonisch evokative Synth-Epik à la Tangerine Dream oder Vangelis, maßgeschnitten zu Funkelriffs, die in einem Drahtseilakt mit den Beats elektrifizierte Cybervisionen heraufbeschwören. (Uli Eulenbruch)


Zu den Plätzen 40-1:

40

Iceage

„New Brigade“

[XL/Beggars Group]

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Iceage aus Kopenhagen liefern mit „New Brigade„ eine verdammt clevere Variante davon ab, wie Post-Punk im Jahr 2011 klingen kann. Die glatte Ästhetik von Wire trifft auf die Ungeschliffenheit der frühen US-Hardcore-Szene. Und auch hier spielt der Gesang nur eine Nebenrolle: Das Album ist durchzogen mit bis zum Anschlag verzerrten Gitarren und gnadenlosem Drumming, wie man es so zuletzt zum Beispiel bei No Age hören konnte. Iceage versuchen zu keinem Zeitpunkt, annähernd ihre Talente in Bahnen zu lenken, in ihrem jugendlichen Elan verschießen sie ihr Pulver in gerade einmal 24 Minuten. 24 Minuten jedoch, die voller Explosivität und Hingabe stecken. (Felix Lammert-Siepmann)


39

Julianna Barwick

„The Magic Place“

[Asthmatic Kitty]

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Am Anfang hängt nur die entrückte Stimme Julianna Barwicks im Raum. Erst alleine, dann zweifach, drei-, vierfach – gut 90% ihres zweiten Albums sind A-capella-Gesang, den sie in geschichteten Loops zu andersweltlich schönen Chören sequenziert. Ob mit oder ohne spärlich augmentierenden Begleitinstrumenten, Barwick verwebt ihre minimalistische Palette aus Melodiefäden zu sanft-komplexen Ambientwelten, in denen man bis zur Kopfspitze versinken kann. Und die selbst dann eine erhebende Sakralität vermitteln könnten, wenn sie nicht himmelhoch nachhallten als würden sie in der größten Kathedrale der Welt aufgeführt. (Uli Eulenbruch)

38

The Weeknd

„House Of Balloons“

[Eigenveröffentlichung]

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Die Verneinung von Geschmacksgrenzen nimmt neue Formen an: Der Untergrund hat 2011 den 90er-Jahre-R’n’B wiederentdeckt, diese dauererigierte und verkitschte Form des musikalischen Geschlechtsverkehrs. Abel Tesfaye aus Toronto hat mit diesem vollends dekadenten Gratis-Mixtape gewiss textlich kein Wunderwerk vollbracht, aber alleine für die musikalische Innovation gebührt dem Protegé von Drake allerhöchster Respekt. Auf neun Tracks dekliniert er Zerrissenheit. Mit einer Ästhetik, die scheinbar zunächst bloß Oberfläche liefert: Aufgeräumte Beats, kristallklare R’n’B-Vocals und dröhnende Bässe. Das Schillernde wird permanent gebrochen, bei aller polierten Eleganz sind die Songs durchnässt von Abgründen. Dumpfer Hall durchzieht die Autotune-Gesänge, die Atmosphäre trägt tiefe Augenränder und schleift diesen Hangover-Pop eigenständig. Die Zukunft mag The Weeknd zwar nicht alleine gehören, die Gegenwart aber sehr wohl. (Markus Wiludda)


37

Roman Flügel

„Fatty Folders“

[Dial]

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Roman Flügel kommt nicht einmal ins Schwitzen, obwohl „Fatty Folders“ quasi das Zirkeltraining der Klubmusik ist. Vom Sitzen in die stehende Position, rein in die Disko, direkt wieder auf die Couch. Tanzen, träumen und dabei immer so tun, als wäre all das nun wirklich keine Anstrengung. Romans reifstes Werk vereint ganz unterschiedliche Eskalationsstufen schwingender Beine, generiert Überschwang und ist doch nicht getrimmt auf die maximale Funktionstauglichkeit. Trockene Technobeats prallen auf unverblümt poppige Melodielinien, sind mal fruchtig, mal eher steril und voll klirrendem Geläut. Sein Debüt unter bürgerlichem Namen schüttelt spielend alle Biederkeit ab und verwirft die Grenzen zwischen Techno und House und allem drum herum. Gerade diese enorme Bandbreite elektronischer Clubmusik überzeugt. Hoffentlich hält das Deo. (Markus Wiludda)

36

DELS

„Gob“

[Big Dada]

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Auch nachdem das Kapitel Grime von wesentlichen Leitfiguren wie Dizzee Rascal nun schon seit Längerem für beendet erklärt wurde, wuchern im britischen Niemandsland zwischen HipHop und Electronica immer wieder ungemein resistente und durchschlagskräftige Bastarde aus der Betonwüste. Der junge MC Kieren Dickens zum Beispiel vereint auf seinem Debütalbum höchst unterschiedliche Produzenten wie Micachu, Kwes und Hot Chips Joe Goddard zu einem ebenso comichaft bunten wie windschiefen Soundpotpourri. Doch nicht nur musikalisch ist „GOB” ein Clash von scheinbar Unvereinbarem. Textlich resultiert der Gegensatz von komischen Kindheitsfantasien und düsterer Sozialbeobachtung in einem eindrucksvollen Feuerwerk schräger Sprachspiele. Radikaler und vor allem substantieller war auch der vieldiskutierte Odd-Future-Häuptling Tyler in diesem Jahr nicht. (Bastian Heider)


35

Radiohead

„The King Of Limbs“

[XL/Beggars Group]

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Viel wurde „The King Of Limbs“ angelastet: Acht Tracks seien zu wenig, das Album ja beinahe ein Yorke-Solowerk, der Schlagzeuger wohl gar nicht mehr in der Band, es gebe nicht genügend Gitarren … All das ist ziemlicher Quatsch. Die Spielzeit entspricht der klassischen LP-Länge, wer genau welchen Sound beisteuerte, ist bei Radiohead nie genau zu sagen und live präsentierten sich die Oxforder mit bis zu drei Gitarren und zwei Schlagzeugen. Das Album erweitert den Bandkatalog um auf Rhythmus fixiert Kleinode, wurzelartig Wucherndes wie hr size=“1″„Bloom“ und „Feral“, aber auch in luftige Regionen Strebendes wie „Codex“ und „Seperator“. Dass Radiohead damit nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind, sollte 11 Jahre nach „Kid A“ nur Ewiggestrige zu Unkereien veranlassen. (Lennart Thiem)

34

Rustie

„Glass Swords“

[Warp]

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Elektronische Musik läuft oftmals Gefahr, zu bloßer Gebrauchs- und Hintergrundmusik degradiert zu werden. Gut, dass es Künstler wie den aus Glasgow stammenden Russell Whyte gibt. Unter seinem Pseudonym Rustie produziert er flirrende, grellbunte Landschaften, die eine gewisse Nintendo- und Sega-Sozialisation keineswegs leugnen. Es fiept also, es blubbert, sein Album „Glass Swords“ ist weit mehr als der Soundtrack für den Fahrstuhl. Musik, die den Hörer in 2D-Welten beamt, ohne Rücksicht auf Verluste. Seine Songs eignen sich prima für den alltäglichen Jump’n’Run zur Arbeit oder zur Uni, vorbei an fiesen Endgegnern und miesen Fallen. „Glass Swords“ kreiert eine kleine Welt um den Rezipienten, vereinnahmt und lässt einen nur schwer wieder los. File under: Wonky-Electro für Menschen, die immer noch gerne mit Legosteinen und Gameboys spielen und dabei selbstzufrieden Hubba Bubba kauen. (Kevin Holtmann)


33

The Field

„Looping State Of Mind“

[Kompakt]

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Axel Willner alias The Field loopt sich um seinen State Of Mind, oder besser: Der Loop ist sein State Of Mind. Er war es schon immer und er wird es immer mehr: Mehr Hypnose, mehr Sogwirkung, mehr lichtdurchstrahlte Größe, mehr Soundschichten. Kurzum: Mehr Loop. Minimal Techno, wie er kaum krautiger sein könnte und wie er sich immer wieder neu zu elegant kreisenden und tief ausholenden Klanggemälden zusammensetzt. Nicht bloß die Alben untereinander ähneln von Cover bis Inhalt, auch die Tracks innerhalb der Werke setzen auf Wiedererkennung und Endlosreproduktion ihrer selbst. Alles dreht sich. Alles fließt. (Sebastian Schreck)


32

Josh T. Pearson

„Last Of The Country Gentlemen“

[Mute]

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Trauriger, flehentlicher, resignierender als Josh T. Pearson kann kaum jemand musizieren. Auf dem ersten eigenen Album sorgt der Musiker für permanente Tränenziehermomente, die so tief unter die Haut gehen, dass Mitfühlen und Mitleiden in jeder sich bietenden Gelegenheit vorprogrammiert sind. Gitarre, eine Stimme, die sich nicht so recht entscheiden kann, ob sie bebt oder barmt und Texte voller innerer Zerissenheit: Kein Sänger kämpft auf solch intime Weise mit seinen eigenen Dämonen und zerfleischt sich so gekonnt selbst vor seinem Publikum. Der Hörer aber schwelgt in Demut vor dem Letzten seiner Art und neigt sein Haupt in Ehrfurcht erstarrt. (Carl Ackfeld)


31

Tim Hecker

„Ravedeath, 1972“

[Kranky]

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Tim Hecker ist einer der wenigen Stars in der heutigen Drone- und Noiseszene. Seit inzwischen fast 10 Jahren veröffentlicht er in schöner Regelmäßigkeit die wundervollsten Alben dieses recht unpopulären Genres – nur Christian Fennesz, William Basinski oder Philip Jeck könnten dies überhaupt von sich behaupten. Und auch „Ravedeath, 1972“ setzte in diesem Jahr wieder Maßstäbe in Sachen Ideenreichtum und Einzigartigkeit, ohne dabei völlig zu verstören. Denn trotz der schneidenden und bohrenden Noiseattacken bleiben Heckers Stücke immer auf der guten Seite, laufen nie Gefahr, die Schönheit zu verachten. Gleiches gilt im Übrigen auch für „Dropped Pianos“, das zweite 2011 auf Kranky erschienene Album Tim Heckers. (Constantin Rücker)


La Dispute

„Wildlife“

[No Sleep]

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Wie das Weitergeben einer Fackel wirkte es, als Thursday jüngst in Hochform ihren Abschied verkündeten. Zeigte sich doch 2011, dass die Zukunft des Post-Hardcore in guten Händen ist, gerade in den Alben der von Thursday beeinflussten und geförderten Bands Touché Amoré und La Dispute. Letztere zeichnen mit „Wildlife“ das niederschmetternde Porträt eines wirtschafts- und sozialdeprimierten Amerikas, endlos verbos sprechschreit die erschütterte Stimme Jordan Dreyers, während sich um ihn Gitarrenläufe ineinander winden und von ungemütlicher Leiserkeit in stockendes Röhren steigern. Eine herrlich trockene, mitunter gar engräumige Produktion sorgt dafür, dass selbst die schönmelodischen Momente einen grau-rauen Anstrich bekommen und bei aller mitreißenden Kraft nie vergessen wird, dass dieses einnehmende Werk alles andere als Partypunk ist. (Uli Eulenbruch)


The Antlers

„Burst Apart“

[Frenchkiss/Cooperative]

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Die Klauen des Hype in der Rockmusik treiben oftmals unvorhersehbare Blüten: Die Bekanntheit der Antlers aus New York z.B. wuchs mit ihrem Zweitwerk „Burst Apart“, das auch nicht weniger traurig und sehnsuchtsvoll verkopft ist als das Debütalbum „Hospice“, immens an. Der Indie-Rock hier wie dort hat allemal alle Aufmerksamkeit verdient: Sänger Peter Silbermans Stimme schwebt über Wolken aus schwirrender Elektronik, knarzigen Gitarren, verschleppten Rhythmen. Post-Rock, weil Burst Apart weit mehr im Sinn hat als zu rocken. Langsam und stolz schreiten warme Geisterstimmen (wie in „No Windows“) und filigrane Gitarrenhits („Every Night My Teeth Are Falling Out“) gemeinsam auf das anscheinend nach Melancholie lechzende Herz der Masse Mensch zu. Trauer macht gern groß und eint … Nein, lieber Konsens, du weißt ja doch, was du tust! Gratulation! (Sebastian Schreck)


Cult Of Youth

„Cult Of Youth“

[Sacred Bones]

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Ungestüm war gestern? Cult Of Youth beweisen das Gegenteil. Musikalische Hilfsgenres wie Shanty-Krach oder Berserker-Pop sind für die Jungs aus Brooklyn mindest genauso zusammengeschustert wie die Einflüsse auf ihr selbstbetiteltes Album. Hier trifft martialische Neofolk-Romantik auf New-Model-Army-Geigen, bellender Sprechgesang auf dauerfeuerndes Trommelgewitter und vergessenes 80er-Lieblingsliedgut auf prasselnde Energie. Beim ersten Hören verstörend, am Ende des Jahres ein überraschendes Lieblingsalbum. (Carl Ackfeld)


John Maus

„We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“

[Upset! The Rhythm]

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Ein echtes Chamäleon: Auf den ersten – und wahrscheinlich auch zweiten – Blick ist „We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“ ein lupenreines Synthpop-Album. Die Synthesizer erscheinen derart dominierend, dass alles andere, was sich ihnen nähert, einfach verschluckt wird. Vieles kommt nur teilweise zum Vorschein, seien es der unaufdringlich hallende Gesang oder die angedeuteten Lo-Fi-Anleihen. Doch nach und nach wird klar, dass John Maus hierdurch seine Vision von einer anderen, zukünftigen Welt vermitteln will. Es sind eben nicht die berechenbaren, kalten Beats, die den Takt angeben. Vielmehr erschafft Maus eine mysteriös anmutende Intimität, in der das zuvor Verschluckte wieder an die Oberfläche gespült wird. Eine schöne Vorstellung. (Felix Lammert-Siepmann)


Oneohtrix Point Never

„Replica“

[Software/Cooperative]

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An Aufmerksamkeit mangelte es dem Soloprojekt Daniel Lopatins in diesem Jahr nicht. Es wurde viel geschrieben über „Replica“, sei es schwärmerisch wie im New Yorker oder ausschweifend wie Diederichsen in der TAZ – fasziniert waren sie alle. Und auch wenn man ernsthaft befürchten muss, dass dieses Album sich als klassischer Kritikerliebling entpuppt, ist es ein Unikat wie es 2011 nur wenige gab. Kaum jemand, der in diesem Jahr seine eigene musikalische Sprache so perfektionierte, wie der New Yorker Soundtüftler Lopatin. Soweit das Auge reicht, verdichten 80er-Jahre-Samples sich zu Stücken. „Replica“ ist die Vergangenheitsbewältigung eines Visionärs. Und trotz seines synthetischen Anstriches wirkt dieser ureigene, nebelverhangene Kosmos zu keinem Zeitpunkt seelenlos. Gestern unvorstellbar, heute ein Meisterwerk, in 50 Jahren vielleicht sogar ein Meilenstein der elektronischen Musik. (Constantin Ruecker)


Wild Beasts

„Smother“

[Domino]

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„Wilde Bestien“: Der Name der Band wirkt beim Erstkontakt mit dem schleichenden, ja fast schwebendem Artpop von „Smother“ wie pure Ironie. Erst nach und nach eröffnen sich einem die knisternde Spannung und schwüle Ekstase, die sich hinter diesen Liedern verbergen. Da wären zum einen die Texte, die uneindeutig und verschworen von erotischer Abhängigkeit und sündigen Verlockungen erzählen, zum anderen aber auch die Musik selbst, die sich erst beim zweiten oder dritten Hören vom ruhig daher fließendem Flüsschen zum wilden, schäumenden Strom entwickelt. Neben den beiden großartigen Sängern sind dafür vor allem auch das synkopisch klöppelnde Schlagzeug sowie eine Produktion verantwortlich, die Smother in dichtem Nebel schweben lässt ohne dafür einfach platt aufs derzeit so angesagte Shoegazer-Effektpedal latschen zu müssen. Zweideutiger, verwegener und undurchschaubarer klang in diesem Jahr kein zweites Album. (Bastian Heider)


Ghostpoet

„Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“

[Brownswood]

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„Desorientierung“ war im nordamerikanischen HipHop das Zauberwort 2011. Doch während z.B. Clams Casino dafür zu skalierten Vocals und massiver Verzerrung greift,
suggeriert das Debüt des Briten Ghostpoet auch in räumlichem Klarklang eine befremdliche Sinnesverschwimmung. Mit brodelnd intensiver Ruhe vermitteln seine Stücke eine neblig-atmosphärische Großstadtvision, in der die Stimme Obaro Ejimiwes inmitten pulsierender Electro-Lichter und knisternder Echoclaps keinen rechten Anschluss zu finden scheint. Und so besticht „Peanut Butter Blues And Melancholy Jam“ lange Zeit durch eine schwer zu fassende Verwirrungswirkung – bis dann zum Finale mit „Liiines“ doch noch eine astreine Popnummer unter Gitarreneinsatz den Weg aus dem Dunkel bahnt. (Uli Eulenbruch)


Kate Bush

„50 Words For Snow“

[Noble & Brite Ltd]

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Ein Duett mit Elton John, ein anderes Stück, in dem die ebenso britische Ikone Stephen Fry fünfzig verschiedene Wörter für „Schnee“ artikuliert, überhaupt ein Konzeptalbum über die Himmelsflocken – das klingt schon alles potentiell etwas furchtbar. Aber Kate Bush wäre nicht Kate Bush, wenn solche vermeintlichen Extravaganzen nicht alsbald zur Nebensächlichkeit gerieten. So ist das aufs Sommeralbum „Aerial“ folgende Winterwerk „50 Words For Snow“ erneut ein unscheinbar sanftes geworden, das Hörende ohne Eile nach und nach in seine eigene Welt entführt. Für solche Musik, die sich Zeit nimmt um ihre unalltägliche Winterpoesie mit gebührlicher Behutsamkeit, Albernheit und Sinnlichkeit auszubreiten, nimmt man sich schließlich auch selbst gerne Zeit. (Uli Eulenbruch)


Atlas Sound

„Parallax“

[4ad/Beggars]

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Alles wie gehabt: Jedes Jahr im Wechsel ein offizielles Album mit den Kollegen von Deerhunter oder allein als Atlas Sound – und zwischendurch gern Quadrupel-Alben zum freien Download, weil man ja sonst nichts von sich hören lässt. Nein, Bradford Cox kann sich nach wie vor nicht über mangelnde Ideen und Output beklagen, im Gegenteil. Doch gibt es bislang glücklicherweise keinen Trade-Off zwischen Quantität und Qualität. Wo man anderen Künstlern gern mal eine zweijährige Schaffenspause wünscht, ist es hier genau umgekehrt: Der lässige Crooner auf dem Plattencover kommt den ebenfalls mit jedem Werk besser werdenden Deerhunter auf „Parallax“ jedenfalls so nahe wie nie zuvor. (Pascal Weiß)


Dominik Eulberg

„Diorama“

[Traum]

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Es ist verständlich, dass der Wald nicht nur seit jeher Romantiker zu dichterischen Auswüchsen inspiriert, sondern auch den Ruf einer Märchenkulisse anhängen hat. Alle paar Meter führt ein kleiner, mysteriöser Pfad ins Ungewisse, verlockt zur Entdeckungsreise, auf der man eine Unmenge an großen wie kleinen Naturwundern finden kann. 11 derartige Wunder, ob Ameisenstaat oder an Blättern abperlenden Regen, zelebriert Dominik Eulberg wortlos auf „Diorama“. Bestechend elegant entwirft sein warmer Kopfhörertechno einen Mikrokosmos aus Motiven, die alle eigenen Charakter und gar eigene Dynamik zu haben scheinen. In unterschiedlichen Tempos und Bewegungsmustern springen sie, kriechen, schwingen oder pulsieren starr auf der Stelle, letztendlich kommen sie aber als harmonisch interagierendes Ökosystem zusammen – zum Genuss aller Hörenden. (Uli Eulenbruch)


Veronica Falls

„Veronica Falls“

[Bella Union/Cooperative]

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Veronica Falls waren schon als Sexy Kids verlockend, wenn auch kurzweilig. Nun, da ihr Atem für ein ganzes Album reicht, machen sie nichts weniger als die perfekte Platte für den Pop-Hipster in uns. Velvet-Underground-Schrammelgitarren und Vaselines-Boy-Girl-Wechselgesänge füttern schnelllebige Songs und feinsinnig produzierten Lo-Fi-Rock, so dass die 12 Stücke – ehe man sich versieht – zu Hits werden, zu dunklen Ahnungen von Stimmungen der Langeweile und der Melancholie, zu denen sich je nach Vorliebe genauso wild tanzen wie emphatisch seufzen lässt. In diesem Jahr gab es keine besseren insanely catchy songs about love and death. Auf einem 2011er Album mehr potentielle Singles zu finden, dürfte schwer fallen. (Sebastian Schreck)


Nicolas Jaar

„Space Is Only Noise“

[Circus Company]

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Ein Seufzen, mehr nicht. Nur zögerlich entwickelt sich in gleichmäßigen Schritten so etwas wie Struktur. Fast gleichgültig, aber eindringlich doziert der gerade mal 20-jährige Nicolas Jaar aus New York in „Space Is Only Noise If You Can See“ über eben jene faszinierenden Zusammenhänge. Ohne tatsächlich zu einem Höhepunkt zu kommen, löst es sich am Ende genau so abstrakt auf, wie es sich zu Beginn angeschlichen hat. Dass das Titelstück das bei weitem zugänglichste auf Jaars Debütalbum ist, zeigt vor allem eines: Nicolas Jaar lebt nicht für dreiminütige Songs, er unterwirft vielmehr die einzelnen Fragmente einer einheitlichen Klanglandschaft zwischen Electronica, Post-Dubstep und ambientem Rauschen. Auch einzelne verspielte Ansätze werden hierdurch sofort abgewehrt, der Mikrokosmos ist unangreifbar. (Felix Lammert-Siepmann)


Real Estate

„Days“

[Domino]

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Auch wenn „Anecken“ gewiss nicht ihr vorderstes Prinzip ist: Ganz so leichtfüßig, wie die Songs und die saubere Produktion vermuten lassen, ist das Zweitwerk von Real Estate dann doch nicht. Denn neben Zeilen wie „All those wasted nights / All those aimless drives through green aisles / Our careless lifestyle, it was not so unwise“ finden sich wie in „Three Blocks” durchaus Zweifel: „Monday morning dirty sidewalks waiting for me outside the door / Walking slowly on those three blocks things won’t be like they were before”. Allen voran mit Songwriter Martin Courtney und Gitarrist Matt Mondanile hat die Band so innerhalb von gut zwei Jahren einen gewaltigen Satz gemacht, den Welpenschutz entschlossen abgestreift. Solch eine Fülle von Jangle-Pop-Hymnen von dem unwiderstehlichen „Out Of Tune” bis „Wonder Years” ist erstaunlich. Da mussten selbst R.E.M. einpacken. (Pascal Weiß)


Robag Wruhme

„Thora Vukk“

[Pampa]

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2011, das war auch das Jahr von Pampa Records, DJ Kozes Label gewordenem, feuchten Traum, der den neurotischen Eigenbrötlern der deutschen House- und Technoszene als grenzenlose Spielwiese dient. Auf Albumlänge wurde das nirgends so deutlich wie auf Robag Wruhmes „Thora Vukk“, das schon in der Namensgebung der Tracks sein beliebtes und äußerst komisches Verwirrspiel treibt. Hinter einem dezenten Gerüst aus geradlinigen Beats verstecken sich hier Schnipsel aus Xylophon, aneinander reibenden Metallstücken, Kinderstimmen und allerhand anderen analogen Quellen, deren Ursprung man letztendlich nie vollständig entschlüsseln kann. So entfaltet das Album unter seiner entspannten Oberfläche einen geheimnisvollen und eigentümlichen Sog, der den nächsten und übernächsten Hördurchgang quasi unabdingbar macht. Endgültig enträtseln wird man „Thora Vukk“ dadurch wohl nicht, nur soviel scheint klar: Der Unterschied steckt hier in den Details. (Bastian Heider)

Eleanor Friedberger

„Last Summer“

[City Slang]

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So schwierig auch der Umgang mit Neben- und Soloplatten von Bandmusikern ist, so gelungen ist das Soloalbum der Sängerin der Fiery Furnaces, Eleanor Friedberger. Einerseits ist „Last Summer“ nämlich dem Geist ihrer Band verbunden, also eigensinnig, schamlos im Einsatz von Effekten und Stilismen, wild. Andererseits ist es ihrer persönlichen Vorstellung verpflichtet, soll heißen: eingängig, melodiebeseelt, poppig. Ein großes Stück 70er-Pop mit Saxophon, Bläsern und Gitarrensoli, zusammengeschnürt zu Hits wie dem funky „Roosevelt Island“, „My Mistakes“ oder „I Won’t Fall Apart On You Tonight“. Eleanor Friedbergers dunkle Stimme verschifft New York ins Radioland der 70er, wo pleasures noch nicht guilty waren und Songs noch etwas galten. Sie ist mehr Boss als wir je für möglich hielten. (Sebastian Schreck)


Fucked Up

„David Comes To Life“

[Matador]

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Eine Hardcore-Punk-Oper in vier Akten, knapp achtzig Minuten. Jede Menge Futter, das erstmal für so manchen Winterschlaf reichen muss. Denn der Tim Harrington von Les Savy Fav nicht ganz unähnliche Fucked-Up-Frontmann Damian Abraham ist inzwischen Familienvater – das verträgt sich nicht so mit den gewohnt ausufernden Touren. Spekulationen um die Zukunft kursierten zum zehnjährigen Bandjubiläum zuhauf, allein: Abraham war sich wohl selbst noch nicht ganz schlüssig – die Unsicherheit konnte er wiederum auch nur wenige Tage mit sich rumschleppen. Es geht also weiter, irgendwann. Bis dahin darf man gespannt sein, wie sie das ebenso fordernde wie leichtläufige „David Comes To Life“ mit all seinen Hits um „Queen Of Hearts“ noch mal toppen wollen. (Pascal Weiß)

Tom Waits

„Bad As Me“

[Anti-]

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„Welcome ladies and gentlemen, welcome to the outlaw circuit“. Nichts Neues also bei Waits? Doch, denn „Bad As Me“ ist mehr als nur „das neue Album“. Mehr Einblick in seine zahlreichen Verwandlungen kann kaum geboten werden, so dass „Bad As Me“ eher einem zufälligen Best-Of-Album gleich kommt. Ob zerdepperter Walzer, einsamer Nachtfalke, streunender Hund oder ewiger Wanderer. Ob im Zirkus, auf der Landstraße, in der neonlichtverblendeten Bar oder in der Enge der Stadt: Waits hat’s immer noch drauf. Klingt so wie immer? Ist auch so. Und das ist so, wie es ist: eben Waits. (Carl Ackfeld)


Wilco

„The Whole Love“

[Anti-]

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Die beiden vorletzten Alben Wilcos wiesen eine gewisse Reife, vielleicht sogar Vorhersehbarkeit auf. Das konnte, musste beinahe gemocht werden, begeistert brauchte aber niemand mehr zu sein. Es schien, als hätte die ganze Leidenschaft der Band einst mal mehr umfasst. In diesem Jahr aber kam sie wieder, „The Whole Love“, aufgeteilt in 12 Songs, die alles enthielten, was an Wilco liebenswert ist: zärtlich Zerstückeltes mit Elektronik („The Art Of Almost“), Beatle-eskes („Sunloathe“), Rockmusik für Popfans („Dawned On Me“), ausgefuchste Gediegenheit („Open Mind“) und Weitläufiges mit viel Gespür für feinen Sound („One Sunday Morning (Song For Jane Smiley’s Boyfriend)“). Zusammengehalten wird all das nicht nur durch Tweedys alterslose, weil niemals jung gewesene Stimme, sondern die gesamte Band. Besser wurden Geschmack und Virtuosität 2011 im „herkömmlichen“ Pop von niemanden vereint. (Lennart Thiem)


Shabazz Palaces

„Black Up“

[Sub Pop]

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Veteranen haben es im HipHop schwer. Die Helden der Golden Era scheinen heutzutage allesamt längst vom Zeitgeist überholt. Musikalisch relevante Statements erwartet man bis auf einige Ausnahmen immer nur von der Jugend. Was aber, wenn diese nunmal gar nicht soviel hervorzubringen hat? Gut, dass es Typen wie Ishmael “Butterfly” Butler gibt. Das einstige Mitglied der über einigermaßen Kultstatus verfügenden Jazz-Hopper Digable Planets setzte sich in diesem Jahr gemeinsam mit dem afrikanischen Perkussionisten Tendai Maraire von Seattle aus ganz unverhofft an die Spitze einer musikalischen Bewegung irgendwo zwischen Def Jux und Brainfeeder. Psychedelisch vertrackt, düster und ganz zeitgeistig mit elektronisch blubberndem Dub spielend ist „Black Up“ locker das rundeste und kohärenteste Rap-Album des Jahres, und das obwohl es inhaltlich äußerst esoterisch um Themen wie Spiritualität und afroamerikanische Selbstfindung kreist. So etwas macht den in Würde gealterten Herren auch aus der jüngeren Generation so schnell keiner nach. (Bastian Heider)


Panda Bear

„Tomboy“

[Paw Tracks]

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Eines der schönsten Erlebnisse im letzten Sommer: „Benfica“ aus Noah Lennox‘ neuestem Streich bei Sonnenuntergang rauf und runter hören. Dabei ist dieser die Welt umarmende Closer eigentlich gänzlich untypisch für „Tomboy“, auf dem Lennox reservierter als zuletzt auftritt. Der Opener „You Can Count On Me“ gibt die Richtung in vielerlei Hinsicht vor. Selbstbewusst, dazu hat er nach den Erfolgen in den letzten Jahren guten Grund, aber dennoch eher abwartend tastet er sich durch die ersten Minuten des Albums. Sein Songwriting ist ernsthafter (und besser) geworden, sogar das mit Wellengeräuschen unterlegte „Surfer’s Hymn“ verbreitet mehr Melancholie als Sommergefühl. „Tomboy“ ist das imposante Alterswerk eines gerade einmal 31-jährigen. (Felix Lammert-Siepmann)


Liturgy

„Aesthetica“

[Thrill Jockey]

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Transzendenz, Repetition, Versenkung – nicht unbedingt die Worte die einem zuerst einfallen, wenn es um Blackmetal geht. Sunn O))) hatten diesem Genre vor Jahren die Tür zu den Feuilletons geöffnet, indem sie die genrespezifische Energie mit einer minimalistischen Herangehensweise kombinierten. Unter Glockengeläut wurden so ganze Grenzen eingerissen. 2011 betraten auch Liturgy diese große Bühne mit Bravour. In einem eigens verfassten Manifest betitelt Frontmann Hunter Hunt-Hendrix ihre Musik als „Trancendental Black Metal“. Und obwohl er aussieht, als wäre er den
Hansons entlaufen, kreischt er sich doch die Seele aus dem Leib, während im Hintergrund ein Schlagzeuggewitter nach dem nächsten aufzieht. Noch stehen Liturgy im Plattenschrank zwischen Krallice und Mastodon, verdient hätte „Aesthetica“ aber vielleicht sogar einen Platz in der Nähe von Steve Reich. (Constantin Ruecker)


Jamie Woon

„Mirrorwriting“

[Polydor]

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Es hätte auch großes Scheitern bedeuten können, denn Jamie Woon will alles: Romantik und Coolness, Beats und Songwriting, gospeligen Soul und die Nachwehen von klingelndem Dubstep. Er steht dabei mit einem Bein im Untergrund, mit dem anderen im ganz großen Pop. Ein Spagat, der bei anderen Musikern zumindest zu ein wenig Eierkneifen führen würde. Woon jedoch bleibt souverän und lässig und schüttelt nebenher sogar fünf lupenreine Hits aus der Hose. Seine samtig-dunkle Stimme wirkt dabei als Kitt, ist herzlich und ein bisschen gefühlsduselig zugleich. Auf eine ganz subtile Art versprüht „Mirrorwriting“ fast durchgehend majestätische Erhabenheit, was schlichtweg daran liegt, dass Woon ein fantastisches Gespür für die innere Balance von Songs hat. Warum dieser Typ mit diesem umwerfenden Album nicht zum Superstar aufgestiegen ist, gehört zu einem der Mysterien des Jahres. (Markus Wiludda)

Bon Iver

„Bon Iver“

[4ad]

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An Bärten gab es in diesem Jahr kein Vorbeikommen: Fleet Foxes, Josh T. Pearson, William Fitzsimmons und Konsorten ließen keine Möglichkeit aus, ihre Gesichtsfransen ins Griffbrett ihrer Gitarren zu hängen – und ernteten Zuspruch allenthalben. Der vielleicht erfolgreichste von ihnen heißt Justin Vernon. Mit illustren Gästen hat er ein Album aufgenommen, dessen Trackliste aussieht wie ein Tourplan. Kein Wunder, lauschen doch mehr als 3000 Zuschauer pro Konzert seinen angeflauschten Songs, die sich ihre Sehnsüchte und den intimen Gestus früherer Lieder bewahrt haben und immer mehr bieten, als das erste Ohr ausmachen kann: Da gibt es Saxophon-Soli, Marsch-Percussion und freundlich wedelnde Synthesizer. Vor allem aber ein fantastisch empathisches und erstaunlich zeitgemäßes Songwriting. Songs, ganz ohne Bart. (Markus Wiludda)


PJ Harvey

„Let England Shake“

[Island]

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Allzu oft signalisiert dieser Tage, gerade im vereinigten Königreich, die Verbindung von Folk und Gitarre eine pseudoauthentische Befindlichkeitsfixierung oder zelebriert altmodische Biederkeit. Doch Polly Jean Harveys meisterlich unschmeichlerische Ode an ihre Heimat verweigert sich jeglicher Klischees, ohne volkstümliche Instrumentierung verströmt das weit gespannte „Let England Shake“ klamm-historische Mystik. So emotional distanziert wie ihre Gitarre physisch etwas entfernt erklingt, intoniert Harvey verführerisch schöne Melodien zu Songs über Mord und Totschlag, statt verklärender Nationalismus-Romantik enthüllt sie ihr „Beautiful England“ als Imperium, das auf Leichenbergen gebaut wurde – damals wie heute. Im Realisieren künstlerischer Ambition und zugänglicher Songs auf gleich hohem Niveau war dieses Werk 2011 unübertroffen. (Uli Eulenbruch)


Fleet Foxes

„Helplessness Blues“

[Sub Pop]

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Ein Album des Erwachsenwerdens. Eines, das sich so viel mehr von dem Debüt unterscheidet, als manch einer wahrhaben wollte. Vorbei die Zeit des unbeschwerten Aneinanderreihens von zusammenhanglosen Worten, die „White Winter Hymnal” zum wohl bekanntesten Folk-Kanon der 00er Jahre verhalfen. Dafür der Druck, so groß, das Zweitwerk verschoben. Neue Songs sollten her, wieder zurück ins Studio. Nur loslassen, endlich loslassen können. Für „Helplessness Blues“ hat Robin Pecknold Teile seines Privatlebens eingebüßt, wie er nicht erst in dem 8-minütigen Trennungssong „Shrine / Argument“ preisgibt: „In the morning waking up to terrible sunlight / All diffuse like skin abuse the sun is half its size / When you talk you hardly even look in my eyes.” Dass es sich gelohnt hat, daran zweifelt keiner der Beteiligten. (Pascal Weiß)

Gang Gang Dance

„Eye Contact“

[4ad]

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Am Ende des Regenbogens erwartet man gewöhnlich den Goldtopf. Im vergangenen Jahr fand man an eben jener prominenten Stelle „Eye Contact“, das mittlerweile fünfte Album der New Yorker Experimental-Schlauberger Gang Gang Dance. In allen Farben des Regenbogens strahlt ihr verquer-getriebener Indie Rock, der im Grunde gar kein Indie Rock ist, sondern viel mehr Electro-Clash mit Weltmusik-Spurenelementen. Besonders großartig sind Gang Gang Dance vor allem immer dann, wenn sie sich komplett die Kante geben; wie im fantastisch nebulösen Opener „Glass Jar“, der sich erst minutenlang aufbaut, bevor sich die gesamte Spannung in einem infernalischen Kuddelmuddel aus Synthies, Drums und der Stimme von Sängerin Lizzi Bougatsos entlädt. Ähnlich ins Geniale kippt „Mindkilla“, der im Gegensatz zum Opener jedoch deutlich clubtauglicher ist. Nur welcher Club sollte solche Musik spielen? Zu bunt, zu grell, zu gut ist das. (Kevin Holtmann)

Ja, Panik

„DMD KIU LIDT“

[Staatsakt]

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Dieser Titel ist kein Manifest, sondern eine vielgestaltige Wahrheit: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“. Trotz dieser großen Worte findet sich in all den wie immer klugen, koketten und dekadenten Texte von Ja, Paniks vierten Albums so offensichtlich Privates wie noch nie. Aber wen kümmert’s? Hier ist das Private eh politisch, allerdings gänzlich ohne die Masche des „Wer will, schafft (auch die Veränderung)“, ein Dummfug, der im Kapitalismus nur zu gerne breitgeredet wird. Das Resultat dieser „Eigenverantwortlichkeit“ ist der vereinzelte, sich „für ein Handgeld““ ficken lassende Mensch. Ja, Panik ziehen die Kreise um sein elendig widersprüchliches Dasein so eng wie bisher nie, umgehen Phrasen, kritisieren ohne Lösungsvorschlag. Die Frage nach dem eigenen Leben kommt nach dem famosen Schlussstück von allein. (Lennart Thiem)

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James Blake

„James Blake“

[Polydor]

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Das Hype-Thema des Jahres. Und bei soviel Jubelarien folgte natürlich auch der obligatorische Backlash auf dem Fuße. Der könne
ja gar keine anständigen Songs schreiben und die zwei besten Stücke seien eh Coverversionen. Was diese Kritiker dabei allerdings missachteten war, dass es an Stelle der Songs etwas ganz anderes ist, was James Blakes Debütalbum in erster Linie auszeichnet. Der Mut zum Fragmentarischen, zur Leerstelle, zu Momenten der Stille, den der 22jährige hier an den Tag legt, verwandelt die maskuline Wuchtigkeit, die Dubstep naturgemäß anhaftet in etwas Neues, androgyn und zerbrechlich. Das Spiel hingegen, das Blake mit seiner Stimme und Auto-Tune treibt, verhält sich im krassen Gegensatz zu dem, wozu diese Technik im ordinären Radiopop für gewöhnlich missbraucht wird. Dass dabei mit „The Wilhelm Scream” und dem Feist-Cover „Limit To Your Love” zwei Hits raussprangen, die dieser tendenziell eher avantgardistisch einzuordnenden Musik ein breites Publikum bescherten, welches man so nie für möglich hielt, war dabei nur ein netter Nebeneffekt. (Bastian Heider)

St. Vincent

„Strange Mercy“

[4ad]

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Der Wunder-Pop von Annie Clark alias St. Vincent wird auch auf Album Nr. 3 in immer verstiegenere wie schönere Sphären gehievt. Wenn schon mercy, dann strange. Wenn schon Beats, dann schief. Wenn schon zauberhafte Melodien, dann unter einem Berg teils kakophonischer Brüche. Wenn schon Intelligenz, dann Selbstzweifel. Wenn schon Gefühl, dann Schmerz. Annie Clark dienen ihre Stimme und Gitarre als Fundament, um sie dann kraft ihres waghalsigen, verspielten, wunderreichen Genius (warum große Worte scheuen?) in einen Mixer aus Pop-Brimborium, Synthie-Streichern, Beats, Chören, Hall und tausenderlei mehr zu kunterbunten Unikaten der Kunstform Pop-Musik zu vermischen. Ein famoses Album für sich genommen und als Versprechen auf weitere Seiltänze zwischen Schräg- und Schönheit, zu denen St. Vincent sicherlich noch einladen wird. (Sebastian Schreck)

Destroyer

„Kaputt“

[Dead Oceans]

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Man könnte behaupten, dass Dan Bejars Softrock-Visionen auf „Kaputt“, dem nunmehr neunten Album seines Vehikels Destroyer, über jeden Zweifel erhabene Luftschlösser waren. Die neun Stücke wurden getragen von Bejars samtener Stimme, während schmalzig-schöne Saxofone im Kreis tanzten. Jeder einzelne Titel auf dem Werk wirkte wie ein kleiner, nebulöser Fiebertraum, geträumt von einem wahnsinnig genialen Spinner. „Kaputt“ prägte dieses Jahr einen einzigartigen Sound, das ewige Sakrileg Softrock wurde zum ultimativen und unumstrittenen Heilsbringer des Pop-Jahres 2011. Sanft wippende Songs wie das atemberaubend grazile „Suicide Demo For Kara Walker“ sind pure Eleganz und dreisteste Nonchalance. Dazu heißt es bittersüß: „Enter through the exit and exit through the entrance.“ Niemand würde an der Richtigkeit dieser Aussage zweifeln. Von hier aus können Destroyer also in jede erdenkliche Himmelsrichtung weiterreisen: Sky ain’t no limit. (Kevin Holtmann)

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