Das Internet-R'n'B-Mysterium: The Weeknd

weeknd1„Internet-R’n’B“ nennen es die Kollegen von Stereogum und treffen damit die Büchse beim Dosenwerfen. Unten, mittig. Denn was The Weeknd auf seinem Mixtape (insgesamt neun Songs) abliefert, ist eine hochgradig aktualisierte Mischung von Charts-R’n’B mit Stilmitteln des Untergrunds: Klar gibt es immer noch die massiven Autotune-Einsätze, die expliziten Sex-Sprüche, den hohen Singsang, wie man ihn seit Jahren kennt, aber im Hintergrund sind die Beats doch düsterer, bedrohlicher, verschwommener als man es aus dem kommerziellen Sektor kennt.

“House Of Ballons“ ist noch der zugänglichste, schillerndste Track, den nur in himmlische Höhe gepitchte Gesänge wenig nachhaltig attackieren – eine Reminiszenz an das Trendthema 2010, Witch House. Parallelen gibt es dort vor allem zu How To Dress Well und Autre Ne Veut, die AUFTOUREN im letzten Jahr begeisterten: Im eigenen Schlafzimmer eingespielt, mit krummbeinigen Beats versehen und mysteriösen Extras versehen.

„What You Need“ schlurft bedächtig voran und schaut drein wie ein nur noch minimal flackerndes Knicklicht kurz vor dem Exitus, „Glass Table Girls“ ist zittrig wie ein Junkie ohne Drogen; später scheinen diese jedoch wieder zu wirken, zumindest lässt „Wicked Game“ schon wieder blöde Anmachsprüche los, die wie in Reihe gestapelt schon durchaus ebenso plump, machohaft und ärgerlich sexistisch wirken wie so vieles im HipHop- und R’n’B-Bereich. Kanye West mit eingeschlossen, der sich bei „The Party & The After Party“ schon gleich mal einen neuen musikalischen Schwenk abschauen kann. Auch, wie das mit dem Gefühlsechten geht. Einfach mal “The Morning“ anmachen und nicken.

Die konzeptionelle Gefasstheit des Mixtapes orientiert sich an den Rahmenmaßstäben, die das Internet inzwischen im Musikbereich gesetzt hat: Erst einen Gratissong ins Netz mogeln, dann ein obskures Video, dann ein Mixtape, das noch einmal größere virale Wogen schlägt. In kleinschrittigen Abfolgen wird dem Affen Zucker geboten, der umso mehr interessant ist, wenn man zu den ganzen Songs und Videos noch die mythische Frage aufrecht erhalten kann, wer denn genau als Urheber hinter den ganzen Songs steckt. Inzwischen ist jedoch klar: The Weeknd, das ist der kanadische Sänger und Produzent Abel Tesfaye, der seit Jahren immer mal wieder im Drake-Umfeld aufgetaucht ist, bislang aber mit eigenen Tracks geizte.

Das Gratis-Mixtape pendelt zwischen bedächtigem Hangover-Pop, schwarzen Dubstep-Anleihen und klatschnassen Piano-R’n’B-Balladen und kann sich gar nicht entscheiden, was es sein will. Die Ohnmacht der Möglichkeiten äußert sich hier aber äußerst fruchtbar: Gerade in der Zerrissenheit liegt das Potenzial, das The Weeknd sicherlich auch binnen zwei Jahren deutlich bekannter machen wird.

“House Of Ballons” hier laden

8 Kommentare zu “Das Internet-R’n’B-Mysterium: The Weeknd”

  1. […] Music” versehen vom Splash Mag zum Next Big RnB Thing erklärt… und selbst drüben bei Auftouren, deren Bewertungen ich eigentlich immer so weit zustimmen kann, ordentlich gelobt. Also muss ja […]

  2. Die Stimmung/Klangästhetik find ich durchaus gelungen und interessant, ich wünschte nur der würde nicht so einen auf The-Dream machen. Dann fällt mir nämlich immer auf dass das Songwriting hier nicht im Entferntesten an ein “Yamaha”, “Fancy” oder “Florida University” rankommt.

  3. das sie “[…] plump, machohaft und ärgerlich sexistisch wirken” stimmt wohl, und das wollens sie auch, kann man hieran sehen:

    http://www.electru.de/2011-04-11/the-weeknd-high-for-this-nsfw-music-video/

    naja, hässlich sieht das nun nicht aus, aber irgendwie sollte es doch auch ohne ein solches Konzept gehen, und mich lenkt so etwas zu sehr ab von der Musik, was, ohne jegliches Augenzwickern, nicht für diese spricht. mir bleibt das suspekt.

  4. @Lennart: Während diese ideenlos zusammengeschnipselten Softcore-Räkeleien tatsächlich ganz armselig sind, kann man das The Weeknd nicht direkt anrechnen da’s ein inoffizielles Video und afaik ohne seine Zustimmung gemacht ist. Geht aber trotzdem in die Richtung dieser Vice-mäßigen Koksparty-Coverästhetik.

  5. @uli: ah, danke, da hätte ich mal nicht nur die bildchen gucken sollen, sondern auch mal den artikel lesen… nee, im ernst, das wollte ich nach den bildchen dann gar nicht mehr. die musik werde ich dann aber noch einmal hören.

  6. […] ein anderer Drake-Protegé, The Weeknd, ein bisschen auf den übersexualisierten R’n’B der 90er und auf die Abgründe von Witch House […]

  7. […] wenn „Echoes Of Silence“ das Debüt „House Of Balloons“ nicht zu toppen vermag, fügt es sich doch als vielleicht sentimentalstes und kohärentestes Album […]

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