James BlakeJames Blake

Da dürfte so mancher Viral-Marketing-Stratege seinen laktosefreien  Macchiato aufs iPad gespuckt haben: Nach gerade mal zwei Monaten kratzte der Clip zu James Blakes „Limit To Your Love“-Cover allein auf YouTube an der Millionenmarke – Vimeo verzeichnete unterdessen bereits eine viertel Million Klicks. Während die sogenannten Leitmedien ihre Euphorie beim Thema Blake nur nachlässig kaschierten, machte sich eine ganze Armada von Blogs gar nicht erst die Mühe, eine Illusion von kritischer Distanz zu bemühen. Wieder einmal ist von nichts Geringerem die Rede als der Zukunft der Popmusik.

Das Verlangen nach musikalischen Visionen scheint im Post-Whatever-Zeitalter größer denn je zu sein. Der 22-jährige erfüllt diese Forderung nun mit einem emanzipatorischen Songwriter-Kleinod, das die aktuellsten Ausläufer der britischen Bassmusik nur noch als fliehenden Schatten mit einbezieht. Diente die professionell ausgebildete Stimme des Süd-Londoners auf den vorausgehenden Veröffentlichungen oft nur als atmosphärisches Ornament, wird sie nun zum zentralen Dreh- und Angelpunkt seines selbstbetitelten Debütalbums. Dabei kehrt er die Post-Dubstep-Formel nicht einfach nur um, sondern bricht sie auf den kleinsten Nenner herunter.

Es scheint, als bewahrheite sich, was mit „Limit To Your Love“ bereits angedeutet wurde: Der Junge will Songs schreiben und nicht einfach nur an den Maschinen rumschrauben. Auch wenn das Klavier immer noch zum bevorzugten Instrument des jungen Briten gehört, spielt es letztendlich keine Rolle, mit welchem Klangerzeuger der talentierte Musikstudierte seine Satie’schen Tonminiaturen streut. Mal eiert eine zurückgenomme Akustikgitarre um die Taktschläge, dann hüllt wieder ein minimalistischer Analog-Synthesizer die desolaten Worte in eine warme Aura. Die wahre Faszination geht ohnehin von den zahlreichen Stimmmanipulationen aus, die Blakes ausgebildetes Organ immer wieder in synthetische Abstraktion oder digitale Atonalität schlittern lassen.

Die Atmosphäre der Platte speist sich dabei über große Strecken aus ihren zahlreichen Leerstellen, die nicht einfach nur als reduktionistisches Stilmittel dienen, sondern Blakes facettenreichen Gesang den nötigen Platz einräumen. Das Instrumentarium setzt lediglich die Akzente und fungiert als stimmungsvolles Zierwerk – womit man wieder bei der Umkehrfunktion wäre. Den scheinbar herbeigesehnten Paradigmenwechsel wird dieses Album jedoch nicht evozieren – schließlich ist Blake nicht der erste, der das klassische Songwriting mit den Mitteln der elektronischen Musik betreibt. Doch auch nach Abzug des Avantgardisten-Bonus bleibt die Erkenntnis, dass man es hier mit einem jungen, extrem talentierten Musiker zu tun hat, der sicherlich noch für die eine oder andere Überraschung gut sein wird.

90

Label: Polydor

Referenzen: Mount Kimbie, Joy Orbison, Darkstar, How To Dress Well, Jamie xx

Links: Homepage | MySpace

VÖ: 04.02.2011

14 Kommentare zu “Rezension: James Blake – James Blake”

  1. Rinko sagt:

    Ich kann diese Begeisterung für James Blake momentan nicht wirklich nachvollziehen. Diesen Sound gab es z.B schon auf „808s & Heartbreak“ von Kanye West und die immer gleiche Songstruktur das komplette Album durch.

    Naja, wird ja evtl. am Ende des Jahres mein neues Lieblingsalbum. ;)

  2. Bastian sagt:

    Naja, zwischen einfach Autotune, wie bei KanYe und dem was James Blake hier mit seiner Stimme und Dubstep-Restspuren macht, liegen schon ziemliche Welten. Mir fehlt noch Bon Iver oder auch Volcano Choir in den Referenzen. Zumindest vom Gesang ist das jedenfalls sehr nah dran.

  3. stimmt, auf einem song (weiß grad nicht welcher…) klingt er wirklich zum verwechseln ähnlich nach bon iver. und auch das antony-hegarty-falsett kommt hier und da mal durch.

  4. töbi sagt:

    zumindest das feist cover ist ziemlich beeindruckend.
    …ich hörs schon: kommeeeerz!!
    blödsinn. das ding wird bleiben!
    ;)
    grüße

  5. Pascal Weiß sagt:

    Mal eine andere Sicht der Dinge, die ich allerdings nicht unbedingt vertrete:

    http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,744219,00.html

  6. Bastian sagt:

    Bin ich auch gerade drauf gestoßen, bzw. andere Quelle: http://de-bug.de/musik/7385.html Dass die beiden größten „Hits“ auf dem Album Coverversionen sind, trübt den Gesamteindruck für mich aber nicht im Geringsten. Und wie bei SPON einfach fehlende Emotionen zu unterstellen, weil man mit der Platte irgendwie nichts anfangen kann, finde ich argumentativ ziemlich schwach. Ich meine, nichtmal einem beliebigen DSDS-Kandidaten würde ich soetwas undefinierbares, wie fehlende Emotionalität, ernsthaft ankreiden.

  7. […] gibt Platten wie das Debüt von James Blake, welche den Zeitgeist definieren und es gibt „Early In The Morning“. Eine Platte ganz im […]

  8. […] haben. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, konnte James Blake die magische 90%-Marke bereits mit seinem Debüt knacken und auch andernorts reichlich positive Kritik einfahren. Auch wenn wir manchmal gerne […]

  9. […] zu Chillwave von Tycho, zur reduzierten Ästhetik von The xx oder auch zum modernen Soul von James Blake – jedoch zu 70% totalbefreit von jeglichem […]

  10. […] Hemlock oder R&S) einen Namen innerhalb der Szene und auch schon darüber hinaus. Dass sein selbstbetiteltes Debüt auf dermaßen große Resonanz stoßen und gleich noch das Genre implodieren lassen würde (seitdem […]

  11. […] mit James Blake und Darkstar gehören Mount Kimbie zur Dubstep-Klasse von 2010/11, die das Genre mit einer […]

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