Roman FlügelFatty Folders

Man kann es sich wahrlich ausmalen: Ein wenig ratlos stand Roman Flügel vor seinen elf Tracks, seinem fertigen Album, und die Hirnströme verknoteten sich. Mehrere Monate Arbeit steckten in diesen Songs, die ihn hatten treiben lassen, ihm eine neue Unbekümmertheit eröffneten. Das Resultat ergoss sich in eine stilistische Offenheit zwischen House, Elektronik und Pop. Nun griff keins seines nahezu ein Dutzend verfügbarer Pseudonyme (Soylent Green, Eight Miles High, Sensorama, Acid Jesus, Roman IV etc.) mehr richtig diesen vielgestaltigen musikalischen Haufen und so entschloss er sich, mit seinem bürgerlichen Namen Haftung für dieses Werk zu übernehmen. Kein anonymes Versteckspiel mehr. Und genau das ist es, was dieses Album so wertvoll macht.

Auf „Fatty Folders“ wird nichts verschleiert oder verhüllt. Spezialeffekte sind Mangelware, dieses Album klingt ebenso klar und aufgeräumt wie zeitlos. Roman Flügels Antrieb ist nicht die Suche nach Neuem, es ist die Kultivierung des Jetzt, das von der Vergangenheit aufgeladen ist. Damit hat er einstweilig auch genug zu tun, begreift er auf diesem Album das Musikmachen immer auch als Auseinandersetzung zwischen Klang und Songstrukturen, die hier seinem intuitiven Verständnis für emotionalen Gehalt und Melodien entgegen zu kommen scheinen.

Das von der gleichnamigen EP bereits bekannte „How To Spread Lies“ bimmelt mit seinem glockigen Klaviergeläut und steten Beat direkt schmuck voran, so dass man sich an eine etwas rumpelige Version von Pantha Du Prince erinnert fühlt. Dabei ist „Fatty Folders“ gewiss keine reine Listening-Platte mit dem verträumten Charakter eines verbummelten Nachmittags, sondern ebenso für den Club produziert, mit klassischem Werkzeug misst sie den Wirkungsgrad von House. Bereits der zweite Titel „Lush Life“ gibt den Kern preis, predigt der Überfülle Enthaltsamkeit, ist pure Essenz, fast nur Beat. Auch wenn dieser zwischenzeitlich übernächtigt zusammensackt, bis ihm ein ironisch übersteigertes „Yeah“ wieder neue Aufladung verschafft.

Das alles mag zunächst nicht sonderlich bahnbrechend tönen, bewegt sich aber substanziell weit weg von jeglicher Formelhaftigkeit, dazu gibt es auch immer viel zu viele Details in den ausgearbeiteten Klangräumen zu entdecken. Immer wieder gibt es Klavier, Bongos und mehr Analoges, das sich mit den digitalen Errungenschaften vermischt. „PianoPiano“, dieser famos quietschende Elektronik-Abschlusstrack beispielsweise, der mit seinem ruhigen Charakter eine Atmosphäre schafft, wie sie auf alten Turner-Alben zu hören ist. Hier schließt sich flirrend, fiepsend und melancholisch auch der Kreis zum Label Dial, denn Turner ist auch dort inzwischen als Pawel aktiv, produziert aber kristallinere Beats und kühlere Tracks. Roman Flügel setzt auf Abgeklärteres, Rundlicheres.

Eine gewisse Souveränität lässt sich dabei nie verleugnen, schließlich ist Roman Flügel seit fünfzehn Jahren permanent als Produzent und Künstler (u.a. Alter Ego) unterwegs. Seine Sammlung an Vinyl hat sicherlich wandfüllendes Format. Techno, Deep House, Electronica, Balearic und Karibik mag man dort vorwiegend antreffen, sowie ganz am unteren Rand eine Box voll Cosmic House und Italo Disco, die er für „Deo“ frisch entstaubt hat. Cowbells und fruchtige Synthieeinblendungen sind hier nette Staffage, um die Tracks einer greifbaren Aussage zuzuführen – obwohl er auf Vocals konsequent verzichtet. Entsprechend ist „Rude Awakening“ ein geradliniger, fast schnörkelloser Techno-Track geworden, der sich durch eine klassische Klimax auszeichnet. „Softice“ hingegen abstrahiert einzelne Klänge, gibt sich verspielt und unrund. „Bahia Blues Bootcamp“, ein weiteres der vielen Highlights, hüpft zickzack durch die Karibik und das Mittelmeer, mixt sich einen lieblichen Cocktail mixt und schaut zu, wie das wärmende Glutrot in den Wellen versinkt.

Trotz aller Vielköpfigkeit wirkt „Fatty Folders“ nie zerrissen, beliebig oder in irgendeiner Form aufdringlich. Hier wird mit Maß und Spielfreude musiziert, was letztlich bei einem großen Publikum Anklang finden sollte. Das hier ist eine Platte für den Konsens.

83

Label: Dial

Referenzen: Sascha Funke, John Roberts, Robag Wruhme, Pantha Du Prince, Efdemin, Bruno Pronsato, Pawel

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VÖ: 16.09.2011

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