Plattenkritiken


Tanzen Optional

Sicher lässt sich zu vielen Popsongs schwofen, auch nutzen Dance-ProduzentInnen selbstverständlich populärmusikalische Attribute wie Gesang für ihre Tracks. Doch die vier hier vorgestellten Alben versuchen sich explizit daran, die Sounds mehr oder weniger moderner Clubmusik-Genres in klassisch strukturierte Songformate zu kanalisieren. Die Tanzbarkeit oder genauere Einordnung im Dance-Kontinuum treten damit ein wenig in den Hintergrund, vielmehr soll geklärt werden: Was taugen diese vier als Popalben?

Katy B – On A Mission

Ungenau beschrieben scheint das Debüt der Londonerin zwei Poptrends zu vereinen, die bald abgenutzt sein dürften: Der Einfluss aktueller UK-Bassmusik auf Popsongs und Songs über Tanzclubs. Doch weder ist B ein weinerliches Milchgesicht, noch stützen sich ihre Texte auf „Hands in the air“-Klischees, vielmehr beschreibt sie mit spritziger Stimme universale, dank treffender Lyrik („So I sink into the tune / as I inhale the fume / A feeling easy to resume / This right here I swear will end to soon“) nachempfindbare Cluberfahrungen.

Musikalisch vereint „On A Mission“ zwei Jahrzehnte britischer Tanzgenres, hangelt sich zum Teil auch innerhalb einzelner Stücke reibungslos vom modernen Hauptsound des (Funky-)House zu Rave, D’n'B, Dubstep und wieder zurück, stets das leicht zu verheddernde Gewebe aus Songwriting, Gesangsdarbietung und Produktion wohl austarierend. Über die zwei, drei weniger starken Produktionen hilft Bs dezente aber präsente Stimmpersönlichkeit hinweg, fast jederzeit stellt sie sich voll in den Dienst ihrer Songs – bis aufs Finale „Hard To Get“, in dem sie über ein herrlich slickes Instrumental die Künstlerinnenfassade abkratzt und eine ellenlange Liste mit Danksagungen runterrattert. Also bitte, sympathischer geht es doch kaum.

Label: Columbia

Referenzen: Ms. Dynamite, Geeneus, Magnetic Man, Zinc, Neneh Cherry

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VÖ: 08.04.2011

Architecture In Helsinki – Moment Bends

Vielleicht war es die Not der Personalreduktion – über die letzten beiden Alben schrumpften sie von 8 auf 5 Leute – aus der die Klarheit von „Moment Bends“ erwuchs, vielleicht hatten Architecture In Helsinki auch einfach keine Lust mehr auf ihre eigene Kratzbürstigkeit. Auch wenn das Fans eben jener Grenzhysterie oder auch generell Discophobe zu Zitronenbeißgesichtern bewegen mag, auf seinem vierten Album umarmt das Quintett konsequent den warmen Elektroklang, der sich schon 2009 mit der so frühen wie exzellenten Single „That Beep“ angekündigt hatte und auch bestens in ihre australische Labelheimat Modular passt.

Doch egal wie wohlproduziert, von der Stange bei H&M ist der Sound von „Moment Bends“ nicht. Spätestens in „Denial Style“ fallen die vielen Samples auf, die u.a. knallende Autotüren, Kiesknirschen oder perkussiv geklatschte Fußbälle in die Songs einweben. Bei aller Extravaganz am Rande sind es aber Harmonien und Hooks, die „Sleep Talkin’“ so wohlig an „Round And Round“ erinnern, „Everything’s Blue“s niedrig temperierten Funk in goldigem Chor-Refrain aufgehen und „Escapee“ unter Bläserspiel so gutgelaunt wippen lassen. Wobei, fürs Wippen waren Architecture In Helsinki ja schon immer gut, nur tun sie es jetzt eben in geordneten Bahnen statt als aufgerauter Flohzirkus.

Label: Cooperative

Referenzen: Pacific!, ceo, Cut Copy, Javiera Mena, jj

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VÖ: 08.04.2011

Holy Ghost! – Holy Ghost!

Nachdem sie seit „Hold On“ über mehrere Jahre als der Geheimtipp in James Murphys Kader galten, machten Holy Ghost! mit ihrer glorreichen Synthpop-Hyme „I Will Come Back“ endgültig mehr als nur die DFA-Stammkundschaft glücklich. Kurios ist es dann zu sehen, dass das New Yorker Duo ausgerechnet jene als einzige unter ihren Singles nicht auf sein Debütalbum mitgenommen hat.

Im Verlauf von „Holy Ghost!“ wird allerdings nicht nur klar, dass das Duo diese Abwesenheit gut mit dem elanvollen „Wait And See“, dem Gniedelsolo-gekrönten „Static On The Wire“ oder eben „Hold On“ kaschieren kann, auch hätte ihr wohl bester Song nicht so recht in das emotionale Umfeld dezent-eleganter Glitterreigen wie „Say My Name“ gepasst. Aber eben diese Zurückhaltung gerinnt dem Album auf Dauer zum Schwachpunkt, selbst höhere Bpm-Zahlen vermögen keine Änderung der ewig ähnlichen Dynamik herbeizuführen, die für sich genommen bestens betanzbaren Stücke treten in der Summe auf der Stelle.

Label: Cooperative

Referenzen: LCD Soundsystem, New Order, The Juan MacLean, Friendly Fires, Chromeo

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VÖ: 29.04.2011

Wolfram – Wolfram

Gleich mehrfache Schicht muss Holy Ghost!s „Hold My Breath“ schieben, das Stück findet sich nämlich neben ihrem eigenen noch in anderer Fassung auf dem Debütalbum von Wolfram wieder. Auch andere prominente Stimmen hat der Österreicher für seine Discopop-Gala versammelt, darunter am auffälligsten wohl 90er Eurodance-Gott Haddaway. Die Glanzleistung aber liefert der ein Jahrzehnt dienstältere Paul Parker ab: Nachdem Hercules & Love Affair noch ein lauwarmes „I am on fire“ intoniert haben, steigern Hi-NRG-Stampfen und druckvolles Arpeggio in „Out Of Control“ die Spannung bis zum titelgebenden Hände-in-die-Luft-Refrain, in den Parker hemmungslos ausbricht.

In der zweiten Hälfte des Albums nimmt die Hitdichte zwar ab, es bleibt aber stets hörenswert dank Wolframs Stilvirtuosität, mit der er mannigfaltigen VokalistInnen immer den passenden Sound auf den Leib schneidert. Sei es sphärische Italo-Melancholie für den vocoderten Softieschweden Johan Agebjörn oder die schneidige Detailarbeit um Didi Bruckmayrs extravagante Soulstimme in „All For You“, das es leider nur auf der US-Version des Albums gibt.

Label: Permanent Vacation

Referenzen: Frankie Knuckles, Haddaway, Aeroplane, Sally Shapiro, Holy Ghost!

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VÖ: 01.04.2011


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