Obwohl aus Erbsenzählersicht ihr Debütalbum, ist „Past Life Martyred Saints“ bei Weitem nicht die erste Aufnahme, die Erika M. Anderson in die Welt setzt. Schon vor und während sie im großartigen Duo Gowns abgefolkten Krach machte, nahm sie Solomaterial auf wie z.B. das ihrer letztjährigen Night-People-Kassette, intime Miniaturen aus Gesang, Piano und Akustikgitarre, die sie mit geschwindigkeitsmanipuliertem Tape verfremdete. Beinahe wäre dies aber ihre einzige Veröffentlichung als EMA geblieben, Anderson hatte das berufliche Musikmachen schon aufgegeben, als sie von Souterrain-Labelchefin Krista Schmidt überzeugt wurde, es noch einmal zu versuchen (wenn also das nächste Mal ein weltfremder Technologienerd fragt, warum man heute noch Labels bräuchte “wo es doch das Internet gibt”: Hier ist Beweisstück #347).

Mehr als die von künstlerischen trägt „Past Life Martyred Saints“ aber vor allem Spuren von persönlichen Kämpfen, seelische wie körperliche. EMA singt von blau geschlagenen Augen, aufgequollenen Lippen, aufgeritzter und verbrannter Haut, nicht weniger unbequem ist ihre Musik. Sie nutzt Schwälle aus knarzigem Dröhnen für feedbackgeladene Spannungsräume, begleitet Gefühlsbrüche mit Harmoniebrüchen oder zerrt die eigene Stimme im peitschenden „Milkman“ in ein monströses Digitalheulen. Doch gerade, wenn die Anspannung unerträglich und der Katharsispunkt überdehnt zu werden drohen, schiebt sie eine gebrochene Schönheit wie „Marked“ oder Erlösungsmomente wie im leicht pavementigen „Anteroom“ ein: “If this time through we don’t get it right / I’ll come back to you in another life.”

Ähnlich wie EMAs 16-minütige, phänomenale Robert-Johnson-Reinterpretation „Kind Heart“ aus ihrem „Some Dark Holler“-Projekt fühlen sich die Songs des Albums zwar beeindruckend weit und lang an, sind aber in Wahrheit knapp gehalten. Es sind die Wechsel- und Wendefreudigkeit Andersons, die Vervielfachung ihrer eigenen Stimme in immer wieder neue Ausformungen – mal nüchtern-klar, mal zerkratzt, mal erhaben bebend – die ein episches, abwechslungsreiches Mehr suggerieren und „Past Life Martyred Saints“ eine facettenreiche Persönlichkeit verpassen. Während viele Musik dieser Tage sich noch an den synthetischen Sounds der 80er abarbeitet, ist EMA schon eine Dekade weiter, in ihrer Musik finden sich Echos von den Breeders oder Hole.

Apropos: Courtney Love hatte ja unlängst ein tolles, emotionales, mitreißendes Album … das außer ihren Fans niemand gehört hat, weil es nicht das Album war, das sie 2010 mit Hole veröffentlichte. Es waren lediglich die Demos jener Songs, die im Studio gnadenlos aufpoliert wurden, sämtliche Kanten abgeschliffen bekamen, mit Auto-Tune und anderer Trickserei kommerziell attraktiver gemacht wurden – und dabei gerade ihre rohen, unbequemen Reize verloren (man vergleiche nur einmal diese beiden Aufnahmen). Bei EMA hingegen findet sich „Marked“ im ersten Heimaufnahmeversuch wieder, ohne Probe raunt Anderson verstörend über eine Gitarre, deren Fingerslides unprofessionell ins Mikro hallen “My arms, they are a see through plastic / My arms are a secret bloodless, skinless mess”.

Es gehört Mut dazu, es dabei zu belassen, an anderer Stelle aber in „Grey Ship“ Stimmen, Streicher und noisige Saiten zu einem wuchtigen Wikingergemälde übereinander zu schichten. Es zeigt aber auch, dass kunstvolle Konzeption und bestechende Direktheit gemeinsamen Grund besitzen; außer man glaubt an Authentizität und den Osterhasen (sorry, Kids). „Past Life Martyred Saints“ ist mit solchen Unebenheiten nebst intimen Seelenoffenbarungen eines jener seltenen Werke wie „In The Aeroplane Over The Sea“ , das manchen wenig gibt, anderen zumindest eine lange bestechende Faszination verspricht – und für manche seiner HöherInnen die bedeutsamste Platte des Jahres wird. Und hoffentlich nicht EMAs letzte.

79

Label: Souterrain Transmissions

Referenzen: Mount Eerie, Hole, Cat Power, Neutral Milk Hotel, Sonic Youth

Links: Albumstream | Homepage | Facebook | Gowns

VÖ: 03.06.2011

2 Kommentare zu “EMA – Past Life Martyred Saints”

  1. [...] an die Hand – und danach mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, wie man sie seit EMAs „Past Life Martyred Saints“ nicht mehr gehört [...]

  2. [...] einverstanden war die Redaktion darüber hinaus mit den aktuellen Werken von Fucked Up, Panda Bear, EMA, John Maus, Thurston Moore, Jamie Woon oder Bill Callahan, um nur mal einige zu nennen. Zählt man [...]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum