Plattenkritiken


Liturgy – Aesthetica

Ein genredehnendes Black-Metal-Album, das mit dem denkbar größten intellektuellen Überbau, einem Manifest, daherkommt – da schrillen die Alarmglocken. Da riecht man schon die Nachfolger von Sunn O))) im Feuilleton, über die sich dort in absurd großem Maße ausgelassen wird von Leuten, die über allen anderen Metal dieser Welt kein einziges Wort verlieren. Schon der Titel des zweiten Albums von Liturgy ist eine Steilvorlage für alle faulen Schreiberlinge, die einen leichten Rezensionseinstieg suchen. Doch das Großartige an „Aesthetica“ ist, dass das New Yorker Quartett darauf die vielen (vielen, vielen) Worte in die Realität umsetzt und einen ekstatischen Sound kreiert, der nicht nur Metal-Fans zu entzücken vermag.

Daher soll hier auch nicht das Pamphlet (wie passend übrigens, dass diese Band ausgerechnet bei Thrill Jockey gelandet ist, dem Label, dessen Promotexte länger, besser und einsichtsreicher sind als 99% der später über die Platten verfassten Rezensionsfetzen) von Sänger Hunter Hunt-Hendrix wiedergekäut werden, wen‘s interessiert, kann es im Detail selber lesen. Die Kurzfassung ist einfach, Liturgy – reflektiert auch im weißen Cover mit dem doppelt verdrehten Kreuz – wollen die Symbolik, Ästhetik und Inhalte des nihilistischen Black Metal ins Positive ummünzen; kein Wunder, dass sie sich damit zum Hassobjekt für Puristen gemacht haben. Nach kurzem Intro legt „Aesthetica“ mit so einer überzeugten Intensität und Komplexität los, dass man beim ersten Hören fast davon überrollt wird. Erst dann fällt allmählich auf, dass im Zentrum von Songs wie dem eröffnenden „High Gold“ hohe, höchst eingängige Melodieläufe stehen, die auf gleißenden Gitarren ähnlich gen Himmel rasen wie Boredoms es zu „Super Ae“-Zeiten mit ihrer Vision von Noiserock machten.

In komplexen Taktungen verfängt sich die Musik immer wieder in Schleifen, gewinnt durch Repetition ihrer Muster eine hypnotische Qualität, die entweder durch druckvolle Katharsiseruptionen oder abrupte Mathcore-Stakkati aufgebrochen wird. Das wetzend nach vorne rollende Spiel von Schlagzeuger Greg Fox ist dabei zeitweise so dicht, dass es aus dem Takt zu fliegen scheint, was sich aber stets als absichtliche Schrankenüberschreitung entpuppt und so kontrolliert mit dem Chaos spielt. In „Sun Of Light“ wirkt es schon fast wie eine statische Fläche, auf der sich links und rechts Gitarrensäulen auftürmen. Für manche ein Stolperstein dürfte der Gesang Hendrix‘ bei einer Handvoll Stücke darstellen, ein kraftvoll-hellkehliges Kreischen, das anstatt von Bedrohlichkeit in „Returner“ den Eindruck vermittelt, er habe gerade sechs richtige im Lotto gewonnen und feiere dies mit einem Bungeesprung vom Eifelturm.

Doch nicht stimmlich wird im Laufe des wohldurchdachte sequenzierten Albums zunehmend variiert, auch lockern immer mehr Stücke die auf Dauer anstrengend oder monoton zu werden drohende Dauerbefeuerung auf, nachdem die erste Hälfte lediglich im wellenartig auf- und abebbenden Instrumentalhighlight „Generation“ für längere Zeit vom Gaspedal gestiegen ist. So findet sich zwischen zwei schnellen 6+-Minütern ein minimalistischer Gitarrentapper („Helix Skull“ ) oder geht das Midtempo-Stück „Veins Of God“ ins ebenso verhalten beginnende, aber zunehmend steil anziehende „Red Crown“ über. Schließlich fallen die Instrumente komplett weg für das erdige Mehrstimmen-A-Capella „Glass Earth“, die Ruhe vor dem finalen, schönsten aller Stürme: Gerade als der Boden der Tatsachen wieder erreicht ist, hebt „Harmonia“ ein letztes Mal ab, höher, harmonischer, heller und herrlicher als alles zuvor. Dass aus all der Bedachtheit, die darin eingeflossen ist, ein derartiges ekstatisches Hochgefühl resultiert ist der große Triumph dieses Albums.

Wertung: 88

Label: Thrill Jockey

Referenzen: Lightning Bolt, Rhys Chatham, Agalloch, Shining, Ruins

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VÖ: 15.04.2011

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