Plattenkritiken


St. Vincent – Strange Mercy

St. Vincent - Strange MercyDer Anfang war diesmal nicht leichter, aber simpler. Nachdem Annie Clark ihre bisherigen Alben überwiegend am Laptop konzipierte, entstanden die Songs für „Strange Mercy“ zunächst nur mit Stimme und Gitarre. Zwei Instrumente, die in amerikanischen Folk-, Country- und Rocktraditionen für authentische Unverbogenheit stehen. Über das meisterliche dritte Album von St. Vincent wird deren Klang aber wie Latex gedehnt, mit Schimmer bestäubt und über Reibeisen zerraspelt.

Denn der Sound eines Instruments ist letztlich nicht in Stein gemeißelt, sondern ein veränderbares Äußeres. Und es sind gerade Äußerlichkeiten und das was darunter liegt, Blicke und Projektionen, von denen Clark fasziniert ist:

„Did you ever really stare at me / like I stared at you?“ – aus „Neutered Fruit“
„I’m always watching you through a lucky hole“ – aus „Dilettante“
„Young one look at me“ – aus „Hysterical Strength“

Nicht nur Körper, alles betrachten die Figuren ihrer Texte mit einer Intensität, die unter die Oberfläche dringen will, die Bedeutung hinter dem Gesehenen sucht. Und findet. „I’ve seen America with no clothes on“, singt sie in „Cheerleader“, denn nirgendwo sonst gibt es solch enorme Diskrepanzen zwischen glanzvollem Äußerem und inneren Abgründen. So referenziert sie im Refrain des ungewohnt passiven „Surgeon“ gleichzeitig erwartungsvoll und erschrocken eine Zeile aus Monroes Tagebuch („Best friend surgeon, come cut me open“), im Titelstück den nicht minder tragisch geendeten Hemingway, als würde sie eigene Erlebnisse durch den Filter des amerikanischen (Alb-)traums betrachten.

Wie wichtig die Ereignisse des vergangenen Jahres als Inspiration waren, untermauern gleich zwei danach benannte Songs: Einerseits war 2010 nämlich das „Year Of The Tiger“ des chinesischen Kalenders, zum anderen war es Annie Clarks sogenanntes „Champagne Year“ – das Jahr, in dem sie 28 wurde. Jenes Alter, das mit ihrem Geburtstag am 28. September korrespondiert. Auch in „Northern Lights“ erwähnt sie es mit Beunruhigung über den Verflug der Zeit: „Gotta get young fast gotta get young quick / Gotta make this last if it makes me sick.“ Im letzten Wort flackert und oszilliert ihre für gewöhnlich stetige Stimme, bevor sie erst in ein knarziges Gitarrensolo ausbricht, später eines, in dem der Sechssaiterklang ins Gummihafte verfremdet ist. Dabei ist dies ebenso wenig ein katarthischer Moment, wie das schrille Finale von „Surgeon“, vielmehr brodelt hier eine lange zurückgehaltene, angestaute Unruhe an die Oberfläche.

St. Vincent hat sich ihre Süße vom 2009er-Album „Actor“ bewahrt, die an einen Disney-Soundtrack erinnert. Immer wieder färben Chorgesänge, Streicher und Holzbläser das Gesamtbild harmonisch. Doch zu jedem glänzendem Schleier gibt es nun auch einen Brodel-Bass, selten trügt der erste Anschein nicht, der auch immer eine Ahnung von Düsternis in sich trägt. Das ist vor allem das Verdienst der Produktionsarbeit John Congletons, die hier brilliert. Nicht bloßdurch klare Ausformulierung, wie wenn er in „Dilettante“ einen Trommelschlag erdbebenartig in den Leerraum schallen lässt, sondern vor allem mit ihren feinen, entrückenden Nuancen. Von Anfang an scheint irgendwas in „Cheerleader“ nicht zu stimmen, bis klar wird, dass unter Annie Clarks beklemmt ins Vergangene schauendem Gesang noch eine kellergepitchte zweite Stimme wabert. Als der emanzipatorische Refrain, „I don’t wanna be a cheerleader no more“, sich davon gelöst hat, erklingen neben der kraftvoll hupenden Gitarre synthetische Hoffnungsschimmer.

In Zeiten halbgarer Songskizzen, selbstzufriedener Schwammigkeit und gemütlicher Nostalgie ist es gerade dieser Reichtum an klinisch klar umrissenen Facetten und Spannungsfeldern, der St. Vincents drittes Werk zu so einem beunruhigendem Meisterstück macht. Emotional und innerlich zerrissen, doppelbödig und intelligent. „Strange Mercy“ mag dabei von Nervosität durchzogen sein, aber es ist immer eine erhabene Nervosität.

Wertung: 90

Label: 4AD

Referenzen: Nick Cave, Parenthetical Girls, Shiina Ringo, The Paper Chase, Tom Waits, Dirty Projectors

Links: Homepage | Facebook | Albumstream

VÖ: 09.09.2011


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6 Kommentare zu “St. Vincent – Strange Mercy”

  1. Markus sagt:

    Hier war sich die AUFTOUREN-Redaktion mal einig wie kaum zuvor. Spitzenalbum. Klar und doch geheimnisvoll, überraschend und überhaupt nicht bemüht. Ich mag es auch sehr, besonders “Cruel”, den Titel- und den Abschlusstrack.

  2. Bastian sagt:

    Gerade zum ersten mal auf Vinyl gehört. Das Album des zweiten Halbjahres, aber sowas von!

  3. Markus sagt:

    Wenn ich mich recht entsinne, war der Vorgänger ja sogar dein Album des Jahres damals, oder? Das hier ist noch eine Spur besser. Hands down.

  4. Bastian sagt:

    Zumindest in den Top 3 damals. Und ja, das hier ist noch besser.

  5. [...] waren die Höhepunkte hingegen rar gesät, umso klarer steht am Ende dieses Quartals das meisterliche dritte Album von Annie Clark alias St. Vincent als redaktionsübergreifender Konsensliebling [...]

  6. [...] ihre komplette Begleitband nach Europa mitgebracht hat, dürfte auch am Erfolg ihres dritten Albums „Strange Mercy“ liegen, mit dem sie es über die bloße Gunst der Musikkritik hinaus in die Top 20 der [...]

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