Oh, Polly Jean, was tust Du Dir nur an? Mit ihrem achten Album „Let England Shake“ erobert PJ Harvey die deutschen Charts, befindet sich nun in direkter Nachbarschaft zu dem dicken Ukulelen-Hawaiianer und Peter Maffay und beweist damit zumindest eines: So schlecht kann es um den Musikgeschmack in Deutschland noch nicht stehen, wenn ein zartes, herrlich entrücktes Album wie dieses sich großer Beliebtheit bei den Plattenkäufern erfreut.

Irgendwie kommt „Let England Shake“ einer Neuerfindung Polly Jean Harveys gleich: Aus dem engen Korsett, das die Britin sich über die Jahre selbst angelegt hat, flüchtet sie nun, hinein in ein kleines beschauliches Album über das Leben, Streben und Sterben in Großbritannien. Die zwölf Stücke sind von Mut geradezu beseelt, das erste Mal seit „Uh Huh Her“ paart PJ Harvey wieder generöse Freigeistigkeit mit den unfassbarsten Pop-Melodien, klingt mal kauzig-schräg, dann wieder lieblich-süß. Es gibt kein richtiges Leben im falschen und PJ hat das wohl verinnerlicht. Wenn im schunkelnden Titelsong alles klappert und die Stimme möglichst windschief durch alle Ritzen pfeift, dann wünscht man sich gar keinen Ausweg mehr aus diesem Hexenhaus von Album.

„The Last Living Rose“ ist eine kurzweilige Fingerübung, die in unter zweieinhalb Minuten all das sagt, wofür andere Bands ganze Konzeptalben anlegen. Dabei ist das Stück auch einer dieser herrlich pompösen Pop-Momente, die „Let England Shake“ charakterisieren. Die Bläser in „The Glorious Land“ wirken wie von einem anderen Stern, irgendwie fehl am Platz und dadurch genau richtig hier: Ein schräges, ungewöhnlich klingendes Arrangement folgt auf das andere, Harvey kreiert eine ganz eigene, originäre Klangfarbe. Im schleppenden „The Words That Maketh Murder“ zeichnet Polly Jean Bilder von Fliegenschwärmen und Soldaten, bis sich der Song zum Ende hin dramatisch zuspitzt und in der beinahe katechistischen Frage „What if I take my problems to the United Nations?“ seine verdiente Auflösung findet.

Wenn im wunderbaren Beschwörungssong „On Battleship Hill” Pianotupfer erklingen, verwandeln sich gar die schwarzen, bedrohlich wirkenden Vögel, die auf dem Cover abgebildet sind, in Schmetterlinge. Die mögen zwar auch bedrohlich wirken, aber „Let England Shake“ ist auch eher Abgesang als Kindergeburtstag. Als heimliches Highlight der Platte entpuppen sich die skizzenhaften Stücke der zweiten Albumhälfte: Das im wahrsten Wortsinn somnambule „In The Dark Places“, das mit Bläsern den Mond beschwört oder das traumwandlerische „Hanging In The Wire“ wickeln den Hörer in dicke Wolldecken. Der britische Frühling ist bekanntermaßen windig.

Ist „Let England Shake“ nun – wie so oft behauptet – tatsächlich die beste Platte in der langen Karriere von PJ Harvey? Vermutlich ist eine solche Frage nicht zu beantworten. Immerhin ist sie eine hochdekorierte Künstlerin, die bereits mindestens drei Meisterwerke komponiert hat. PJ Harvey schlägt Wurzeln wie eine stolze, englische Eiche. Was uns bleibt, ist Bewunderung.

83

Label: Island

Referenzen: Fiona Apple, Nina Nastasia, Cat Power, Nick Cave, John Parish

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VÖ: 11.02.2011

4 Kommentare zu “Rezension: PJ Harvey – Let England Shake”

  1. Basti sagt:

    Kevin, schöne Rezi. Gerade die Einlassung Adornos finde ich äußerst passend. Klick auf meinen Namen, hier gibts meine Sicht der Töne…

  2. so sehr ich mich über deine begeisterung auch freue, um den „musikgeschmack“ ist es dennoch nicht so gut bestellt, glaube ich. es gibt einfach nicht mehr so viele leute, die platten kaufen, und der anteil deren, die sich für pj harvey interessieren, ist bei diesen wenigen eben recht hoch… also, wer schon immer ihre platten kaufte oder zumindest mit ähnlicher musik lebte, kauft immer noch platten, die menschen, die nur schmonz hören, kaufen einfach nicht mehr, vermute ich zumindest.
    das aber ändert nix an der güte des albums.

    und ansonsten glaube ich, das album ist eher ein versuch, doch noch „das richtige im falschen“ zu leben, und dafür gebührt ihr respekt, damit kann man nur scheitern. und dabei großartige musik zu spielen ist erhabener.

  3. Natürlich ist das leicht verzerrend. Long Distance Calling sind ebenso in den Top 40 wie z.B. auch …Trail Of Dead.

    In den Texten schwingt meiner Meinung nach eine gute Portion Ironie mit, die mich zum Adorno-Zitat verleiteten. Kann man aber natürlich auch anders sehen…

  4. […] eigentliche Fokus liegt jedoch auf Torres’ rauer, wandelbarer Stimme – die mal an PJ Harvey, mal an My Brightest Diamond erinnert – und ihren Texten. In einer anderen, schlechteren Welt […]

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