Plattenkritiken


Rezension: The Antlers – Hospice

Rezension: The Antlers - Hospice

Alle Jahre wieder gibt es sie, diese Alben, die, entstanden in völliger Abgeschiedenheit von der Außenwelt, das Leiden und die Katharsis eines Künstlers dokumentieren und dabei große emotionale Momente kreiieren, die auch in Zeiten wie diesen, in denen  alles schon einmal da gewesen zu sein scheint, weit über den Alltag der wöchentlichen Veröffentlichungsflut hinausstrahlen.

In diesen Platten lebt er dann für kurze Zeit noch einmal von Neuem auf, der uralte Mythos vom genialischen Künstler, der allein Kraft seines gottgegebenen Talents und seiner Emotionen, Werke von monolithischem Status zu vollbringen im Stande ist. Werke, die in ihrer Gesamtheit mehr ausdrücken, als die Summe ihrer einzelnen Teile. Waren es zuletzt vor allem Justin Vernon alias Bon Iver und Miles Benjamin Anthony Robinson, die einen Rezensenten zu derart pathetischen Einleitungen hinreißen lassen konnten, so gelingt in diesem Jahr wohl dem 23 jährigen Peter Silbermann das Kunststück, mit dem Album “Hospice” seiner Band The Antlers weit über sich selbst hinauszuwachsen.

“I’d happily take those bullets inside you/ And put them inside of myself.” “Hospice” ist ein Konzeptalbum über eine Beziehung, die Beziehung zu einer Todkranken, die die letzten Tage ihres Lebens dahinsiechend im Krankenhaus verbringen muss. Dementsprechend kann es einem schon mal gehörig die Kehle zuschnüren, wenn man Silbermann Zeilen wie diese mit ätherisch irgendwo zwischen eben Justin Vernon und Antony Hegarty leidender Stimme vortragen hört. Die Musik dazu ist shoegazender Folk mit hymnenhaften Melodien, der in seiner Dramatik eruptive Höhepunkte erzeugen kann,  die den Hörer aufgrund der ihnen innewohnenden Tragik doch nie befriedigt zurücklassen.  So fällt es schwer zu genießen, wie in “Sylvia” diese wunderbare mit Trompeten gespickte Wall Of Sound einsetzt, wenn dazu die Worte “Sylvia, get your head out of the oven. Go back to screaming and cursing, remind me again how everyone betrayed you.”  erklingen. Ähnlich schwer fällt es auch, dieses Album in einen gewöhnlichen Rezensenten-Kosmos einzuordnen. In seinem Ringen um Pathos, um die großen Gefühle in den kleinen Geschichten ähnelt es Arcade Fires  Debütalbum “Funeral”. Bei seinen Mitteln, den sich postrockartig aufbauenden Songs und rauschenden Feedbackgitarren, die, wie ein Herbststurm, Blätter und Äste von den Bäumen reißen, um sie anschließend mit nebligem Grauschleier zu überdecken, kommen einem vielleicht die Schotten von The Twilight Sad in den Sinn.

“Someone, oh anyone, tell me how to stop this. She’s screaming, expiring and I’m her only witness.” “Hospice” stemmt sich gegen das Unabwendbare, es kämpft, versucht zu lindern, zu retten und verzweifelt dabei stetig an der schieren Unmöglichkeit. In “Shiva” schließlich lösen sich all die inhaltlichen  Spannungen samt des sie umspielenden musikalischen Getöses endgültig in Resignation auf: “Suddenly every machine stopped at once, and the monitors beeped the last time. Hundreds of thousands of hospital beds, and all of them empty but mine.” Das anschließende die Trauer verarbeitende “Wake”  klingt, wenig verwunderlich, wie eine mit vielen Bläsern und Schlagwerk begangene Abschiedszeremonie bevor  “Epilogue” noch einmal wehmütig zurückblickt und ein Album, bei dem es so unglaublich schwerfällt, es zu fassen, zu beschreiben,  mit den einzig passenden Worten beschließt: “I’m to terrified to speak.”

Wertung: 85

Label: !K7 / Frenchkiss / Al!ve

Referenzen: Bon Iver, The Arcade Fire, Antony & The Johnsons, The Twilight Sad, Mogwai, My Bloody Valentine

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 23.10.2009


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6 Kommentare zu “Rezension: The Antlers – Hospice”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Bei seinen Mitteln, den sich postrockartig aufbauenden Songs und rauschenden Feedbackgitarren, die, wie ein Herbststurm, Blätter und Äste von den Bäumen reißen, um sie anschließend mit nebligem Grauschleier zu überdecken, kommen einem vielleicht die Schotten von The Twilight Sad in den Sinn.

    Mir schwirren auch immer Band Of Horses im Kopf herum…

  2. Ja doch, da ist wohl was dran.

  3. Björn sagt:

    Tolle Rezension :)

  4. Sven sagt:

    Ganz tolles Album!

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