Musik ist immer da. In der gebügelten Variante mit ordentlich Weichmachern rinnt sie tagtäglich aus dem Formatradio, einlullender tröpfelt sie nur noch aus den Lautsprechern der großen Einkaufspassagen. Es scheint, als könne eine große Gruppe Konsumenten ihre Bedürfnisse nach Musik schon mit ästhetisch minderwertigen Produkten befrieden. Die notdürftig hedonistisch aufgemotzte Variante des Pop findet man in der Disko: Wahlweise mit penetranter Gefühlsaffektion auf Schlagerfesten oder mit Beats und hohem Partyfaktor sonstwo, wo Leicht- und Eingängigkeit gefragt sind.

Sukzessiv scheint aus dem generellen Kulturgedächtnis zu entfleuchen, dass Musik auch durchaus unbequem sein kann. Krachend in Form von klanglichem Lärm, experimentell wie digitales Störfeuer oder mit politischem Unterbau. Natürlich ist diese Form des Musikmachens nicht dezidiert alltagstauglich und soll es auch gar nicht sein: Die Befreiung von Konventionen ist immer mit einem Akt des ganz bewussten Wahrnehmens verbunden, der sich vom Nebenbeihören abkoppelt. Während sich ein Freiraum erspielt wird, muss der Hörer seinen Teil dazu beitragen: Die Offenheit, sich neugierig Ungewöhnlichem hinzugeben, sich bisweilen überfordern zu lassen.

„Coin Coin Chapter One“ wäre dafür ein guter Anfang. Denn was die Altsaxophonistin Matana Roberts mit dreizehn weiteren Musikern darauf zelebriert, mag selbst für geneigte Jazzfans in seinem grenzgängerischem Gestus zwischen Free Jazz, Big Band-Klang, Blues, Avantgarde und Spoken-Word-Performance eine Herausforderung darstellen. Der musikalische Anspruch fundiert dabei auf einer genealogisch angelegten Arbeit: Die eigene Familiengeschichte der farbigen Protagonistin wird ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt und exemplarisch mit dem Leben von Marie Thérèze Coincoin verschränkt, die sich als geschickte Geschäftsfrau vom Sklavendasein emanzipieren konnte und deren ikonenhafter Status inzwischen gut 150 Jahre innerhalb der Unterdrückungsgeschichte der amerikanischen Südstaaten überdauert.

Die musikalische Aufarbeitung ist dabei nur ein Teil eines umfassenden Projektes, die vorliegende, vor kleinem Publikum live eingespielte, Platte nur eine Facette einer großen Performance, die Historisches, Exemplarisches, Jazzgeschichtliches und Theatrales verbindet. Letztlich sind diese Erinnerungen und Identitäten nur in Fetzenform für den Hörer zu erschließen. Man tut dieser Platte nicht Unrecht, wenn man sie als musikalische Collage bezeichnet – und „Pov Piti“ schon fast zu Beginn als einen der furiosen Höhepunkte. Avantgarde trifft Noise: Ein großes Geheul, das befreiend wirkt. Alleine wie der kreischende Gesang mit dem schnatternden Saxophon verschmilzt und sich zu einem kathartischen Akt steigert, um später in ruhigem Fluss scheinbar unbeteiligt und gelassen die geschichtlichen Rahmenpunkte abzuarbeiten, ist einer der unfassbarsten Momente dieses Musikjahres. Fast kokett mutet es an, wenn sie Todesfälle nach Gelbfieberinfektionen benennt und dabei stimmlich derart distanziert bleibt, dass ihr Jazzorchester besonders tosend aufspielen muss, um diese unheilvolle Spannung erneut aufzubrechen.

In diesen fast wahnhaften Momenten duellieren sich die Instrumente, schräg und dissonant. Nicht unähnlich der Arbeiten von Colin Stetson, dessen Drang zum Grenzgängerischen sie teilt, arbeitete Matana Roberts unter anderem bereits mit Godspeed You! Black Emperor und anderen Indiebands zusammen. Diese Art von Radikalität wird immer wieder aufgegriffen, oftmals stehen ihr aber leichtfüßige, fast schüchterne Passagen gegenüber. Aber auch dort ist eine Robustheit präsent, die das Album wie ein roter Faden durchzieht. Eine Zerrissenheit zwischen Wut und Angst und einer immerwährenden Hoffnung auf eine bessere Zukunft, den trotzigen Stolz auf kulturelle Gemeinschaft, die letztlich sogar auch die Grundlage moderner Popmusik stellt.

Matana Roberts geht es dabei nicht in erster Linie um eine Erforschung von musikalischen Konzepten und das Aufbrechen von Konventionen im Sinne einer Ideologiekritik, sondern um das möglichst mehrschichtige Anbieten von Assoziationen und (musik-)geschichtlichen Anknüpfpunkten: Arbeitermusik oder New-Orleans-Bigbandsound flackern immer wieder auf, werden aber nicht ausformuliert. Oftmals verharren die Anleihen seltsam verstörend aufgebrochen oder auf links gedreht wie bei „Kersaia“. Max Roachs 1960er Standardwerk „We Insist!“, ein Protestalbum gegen die Rassendiskriminierung, wird immer wieder aufgegriffen. So ist „Liberation For Mr. Brown“ auch im Sinne des „We Insist!“-Texters Oscar Brown zu denken. Die politische Ebene wird immer mitverhandelt. Letztlich überwiegen aber doch die instrumentalen Passagen und ihr stetes Auf und Ab, welche sich zwar als allmähliche und mühevolle Überwindung der Apokalypse der Schwarzen deuten lässt, dass das Konzept aber die generelle „Repolitisierung der schwarzen Musik“ heraufbeschwört wie andernorts zu lesen ist, scheint etwas weitgreifend. Dass dies für „Coin Coin Chapter One“ aber auf eine besondere Art zutrifft, steht außer Frage. Matana Roberts vereint hier all die Güte von Albert Ayler und das zutiefst Gebrochene von Sun Ra auf einem höchst persönlichen Werk, das kraftvoll eine Auseinandersetzung herausfordert. Eine Beschäftigung mit der Identität eines kollektiven Traumas und einem nur brüchig restaurierten Selbstverständnis der Farbigen im Amerika der heutigen Zeit.

86

Label: Constellation

Referenzen: Colin Stetson, Mingus, Sonny Simon, Sun Ra, Max Roach, Frank Lowe, John Zorn

Links: Label + AlbumstreamHomepage 

VÖ: 13.05.2011

3 Kommentare zu “Matana Roberts – Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres”

  1. [...] Die Rahmendaten für 2012: 4 Tage vom 29. November bis 2. Dezember, zahlreiche Clubs über ganz Utrecht verteilt, angenehmstes Publikum – und ein Lineup, das das gesamte AUFTOUREN-Team begeistert. Um einfach mal einen kleinen Auszug aus den bisherigen Bestätigungen aufzuführen: Mit dabei sind u.a. unsere letztjährige Nr. 1 Destroyer, die noisepoppigen Fuck Buttons, Dirty Three (mit Warren Ellis und Jim White!), Digitalpop-Queen Grimes, die furiose Ty Segall Band, Drone-Mozart Tim Hecker, Deerhoof, Mono, Beak>, Julianna Barwick, Colin Stetson, Zammuto, Why? oder Matana Roberts. [...]

  2. [...] Die Rahmendaten für 2012: 4 Tage vom 29. November bis 2. Dezember, zahlreiche Clubs über ganz Utrecht verteilt, angenehmstes Publikum – und ein Lineup, das das gesamte AUFTOUREN-Team begeistert. Um einfach mal einen kleinen Auszug aus den bisherigen Bestätigungen aufzuführen: Mit dabei sind u.a. unsere letztjährige Nr. 1 Destroyer, die noisepoppigen Fuck Buttons, Dirty Three (mit Warren Ellis und Jim White!), Digitalpop-Queen Grimes, die furiose Ty Segall Band, Drone-Mozart Tim Hecker, Deerhoof, Mono, Beak>, Julianna Barwick, Colin Stetson, Zammuto, Why? oder Matana Roberts. [...]

  3. [...] den weiteren großen Highlights zählen Bon Iver, Ja, Panik, Matana Roberts, Robag Wruhme, Liturgy, 13 & God und die Fleet Foxes, die übrigens für das mit großer [...]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum