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Rezension: Kurt Vile – Smoke Ring For My Halo

Rezension: Kurt Vile - Smoke Ring For My HaloDas Leben hat das reinste Spektakel zu sein. Das trichtern sie einem schonungslos ein. Was zählt sind die Extreme. Alles in immer kürzeren Zyklen, hastig, rastlos. Ständig auf der Suche nach Sensationen, nach plumpen Erniedrigungen oder aufgesetzten Freundlichkeiten. Paradoxerweise wenig Beachtung erlangen die kleinen Situationen, die scheinbar unspektakulären. Die, in denen man sich wirklich wohl fühlt, nicht zuletzt deshalb, weil man es gar nicht erst beteuern muss. Oder die Personen, die wirklich was zu sagen haben und sich leider oftmals von denen unterscheiden, die was sagen.

US-Regisseur Jim Jarmusch ist einer, der für unsere spektakuläre Gesellschaft der reinste Langeweiler sein müsste. „Da passiert doch nichts.“ Mit ungewöhnlicher Langsamkeit erzählt er Geschichten unseres Alltags: Von zweifelnden Personen und Verlierern, die nicht die Anstrengung unternehmen ihre Schwächen zu kaschieren und streckenweise recht orientierungslos umhertaumeln. Aber eben auch von Leuten, die Erwartungen nicht immer erfüllen, Persönlichkeit haben, Widersprüchlichkeiten erkennen und diese mit amüsierender Lakonik meistern. Typen wie der vom Output her fast schon an Kollegen wie Ariel Pink oder Bradford Cox erinnernde Kurt Vile: „I don’t wanna change, but I don’t wanna stay the same” orakelt er etwas unentschlossen in “Peeping Tomboy”, eine von zahlreichen packenden Fingerpicking-Träumereien – mit gesunder Naivität und wohldosierter Ironie.

Das Hervorheben von Atmosphäre, statt auf einen dramaturgisch dichten Handlungsverlauf zu setzen und die merkwürdige Gabe, irgendwie die Zeit aus dem Spiel zu nehmen, diese Herangehensweisen einen zwei Künstler, die in der Intention ihres Schaffens nah beieinander liegen. Das wird nicht erst beim tranceartigen “Ghost Town” deutlich: “Think I’ll never leave my couch again. Cuz when I’m out, I’m on it in my mind”; spätestens hier bekommen womöglich diejenigen, die „Smoke Rings For My Halo“ mit Filmen wie „Permanent Vacation“ oder „Stranger Than Paradise“ in Beziehung setzen, einen gänzlich neuen Zugang zu Kurt Vile.

Anders als auf dem etwas lautstärker instrumentierten Matador-Debüt „Childish Prodigy“ setzt das frühere Mitglied der War On Drugs, u.a. unterstützt von deren Protagonist Adam Granduciel, hier wieder vermehrt auf Zurückhaltung. Auf eine bisweilen sehnsüchtige Stimmung, durch Viles warme Akustikgitarre in Szene gesetzt; dazu schwebende Arrangements und eine Stimme, die sich ähnlich wie Springsteen auf „Nebraska“ irgendwo in den unendlichen Weiten verliert. Weiten, die auf „Smoke Ring For My Halo“ zu verträumten Rauchwölkchen in den eigenen vier Wänden runtergekürzt werden. Die eingesessene Couch stört dabei ebenso wenig wie die gräulichen Gardinen am Fenster zur Hauptstraße. Man ist genügsam. Zufrieden mit sich und dem Moment: “I know when we got older, I’m dying. But I got everything I need here now and that’s fine now. That’s fine.” Was will man mehr?

Wertung: 82

Label: Matador/Beggars Group

Referenzen: The War On Drugs, Real Estate, Woods, Bruce Springsteen, Atlas Sound

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VÖ: 04.03.2011


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5 Kommentare zu “Rezension: Kurt Vile – Smoke Ring For My Halo”

  1. philip sagt:

    der jarmush-vergleich ist wirklich recht treffend und mir so noch gar nicht in den sinn gekommen. sehr gelungenes album auf jeden fall.

  2. [...] sich in der Redaktion nach wie vor das im wahrsten Sinne des Wortes zeitlose Schwarz-Weiß-Werk von Kurt Vile, die funkelnde 80er-Poptüte von Destroyer, der brodelnde Shoegaze-Untergrund von Belong, der [...]

  3. [...] mit seiner Liveband auf die Bühne zu bringen. Die meisten seiner Songs – auch die auf “Smoke Ring For My Halo“, das mit seiner Liveband The Violators aufgenommen wurde – sind eben doch [...]

  4. Jan-Hendrik Neumann sagt:

    Sehr schöner Artikel…: Sehr sehr schöne Musik. Chapeau vor dem Meister.

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