Der durchschnittliche Punksong dauert zwei Minuten, das zugehörige Album nicht viel länger. „David Comes To Life“ hingegen peitscht sich selbst zur Erschöpfung: Fast 80 Minuten Spielzeit, achtzehn Songs, fünf Charaktere, vier Akte. Fucked Up Gewöhnlichkeit zu unterstellen, würde sie spätestens mit diesem Werk persönlich beleidigen. „David Comes To Life“ ist eine Fabrikarbeiter-Rockoper.

Bevor der Schlussakkord erklingt, durchlebt David Momente der Agonie, des verzweifelten Abzählens der Möglichkeiten des Lebens, der Hoffnungslosigkeit und des permanenten inneren Zerbrechens. Verpackt in einen Plot, dessen Nachvollziehbarkeit erst die beigefügten Texte im Booklet so richtig ermöglichen: Eine schwanengleiche Liebe, die Nebenbuhler, das furiose Scheitern. Der Freude wird dabei, man ahnt es vielleicht, nur wenig Raum belassen: Auf Track 2 hat die Welt ein vereinzeltes Formhoch, spätestens ab Track 4 nimmt dann das Drama seinen Lauf. Denn nichts anderes als eine große Tragödie wird hier zelebriert – in fast traditioneller Formung. “He’s the forest kissed by flames, the trees die so they can grow again”, heißt es in „Turn The Season” und lässt in Fontane’scher Manier schon ein mögliches Ende heraufdimmen.

Bis dahin ist es ein langer Weg. Bis zur Entstehung des Albums war es kein kürzerer. Inzwischen dürften Fucked Up als Größen des Genres gelten – und verwundert reibt man sich die Augen, dass dieses Werk Studioalbum Nummer Drei ist. Es fühlt sich an, als hätte ihre Diskographie längst die Ausmaße des Bauchumfangs von Frontmann Damian Abraham erreicht. Aber kein Wunder, ist doch diese Truppe daueraktiv auf Tour und ständig präsent mit EPs und Kollaborationen. Alleine für das Zusammenaddieren ihrer Singles braucht man wohl zwei ganze Taschenrechner.

Früher haben die Sechs aus Toronto ihre Tracks vermöbelt, sie beschimpft und getreten. Ihnen notfalls mit ihren abgewetzten Folterinstrumenten noch ein paar Zehennägel ausgerissen oder dunkelblaue Augen verpasst, falls von ihnen nach der üblichen Prozedur noch etwas übrig war. Ihre Songs sollten ihre Aggression spüren, Angst atmen. Zumindest für die Zeitdauer von knapp zwei Minuten, bevor die Band sich wieder in die Sorte Menschen zurückverwandelte, die dann mit Genuss durch die Gänge des Biosupermarktes schlendert und dabei freundlich grüßt. Denn Anarchie als Grundprinzip war noch nie das Anliegen der Band.

Für „David Comes To Life“ haben Fucked Up nun ihr überschäumendes Temperament mit Neigung zur Aggressivität etwas gezügelt, was ein bisschen Arbeit für den Plattenhändler der Wahl bedeutet, denn statt unter „Hardcore/Noise“ darf er diese Platte getrost nun einen Schublade weiter unter „Rock“ einsortieren. Was aber nicht gleichbedeutend damit ist, dass die Kanadier verlernt haben, weiterhin ihre Instrumente ordentlich fies zu behandeln. Das Schlagwerk spart immer noch jeden Umweg aus, die Gitarren scheinen Rasiermesser statt Saiten aufgezogen zu haben und Abraham hustet sowieso weiterhin punkig mit robuster Anti-Stimme heiser in Mikro. Kein Gesang, vielmehr aus voller Kehle hingespuckte Worte. Das Ganze ist passend rotzig, aber dennoch prägnant und wenig dumpf von Shane Stoneback produziert, der sich inzwischen im Indiebereich eine gewisse Reputation mit seinen Arbeiten (z.B. mit Vampire Weekend) erarbeitet hat. „David Comes To Life“ wirkt deswegen immer überraschend straight und songorientiert auf den Punkt gebracht – und oftmals auch ziemlich zugänglich. Tracks wie „Queen Of Hearts“ oder „Truth I Know“ bestehen im Grundgerüst aus simplen und eingängigen Melodien. Die darüber geschlagenen Haken lassen ihre Wendungen nachvollziehbar erscheinen, auch wenn die Songs immer mit einem gehörigen Maß an Unberechenbarkeit ausgestattet sind. In Tracks wie dem grollenden „A Little Death“ oder „Inside A Frame“ wird mit Wucht und einem Hybrid aus Tanzflur-Orientiertheit und verknoteten Riffs hineingestolpert, als wollten sie einen Akt der Selbstzerstörung als Befreiung von der Gesellschaft zelebrieren. Dabei erforscht dieses Album nur die rostigen und verklebten Ecken der Liebe und streift beinahe nur beiläufig die typischen Punkthemen. Gefühl schlägt Sozialkritik. Fucked Up trauen sich das einfach mal.

Letztlich finden sich immer wieder Momente der Abkehr von Genre-Konventionen, was sich immer als positive Fügung, gar als Befreiung entpuppt. Es mag sein, dass sich einige Fans der ersten Stunde pikiert zeigen, dass Fucked Up sogar eine Einladung von Arcade Fire nicht ausschlugen und vor 6000 Leuten in Düsseldorf auftraten, es mag sein, dass die Fokusverschiebung auf gewöhnlichere Themen Unmut spendet und zudem fehlende Härte, Dreck und Frust auch im musikalischen Sinne moniert werden. Dem hardrockigen „Life In Paper“ würden wohl selbst einige Kollegen den Mittelfinger zeigen, erst recht den quertreibenden Duetten wie „Queen Of Hearts“ mit Madeline Follin von Cults oder „The Other Shoe“, bei dem Jennifer Castle den größtmöglichen Antagonismus zu Abraham verkörpert: Auf Platte klingt das wie die Zusammenkunft einer stimmlichen Oblate (nach zehrender „Weight Watchers“-Kur) mit einem schlechtgelaunten Keiler in der Brunft. Zumindest der Autor dieser Zeilen hat laut geschmunzelt.

Fucked Up, “Queen of Hearts”

Danach heißt es aber wieder: Energiesparen können andere! Nicht umsonst leuchten auf dem Cover hergebrachte Glühbirnen. „One More Night“ macht kurzen Prozess, ist düster, intensiv und manisch – und erinnert ein bisschen an die Liveauftritte der Band: Wenn sich Abraham wieder einmal im Überschwang der Lautstärke selbst die Bierflasche über die Rübe zieht, um kurz danach unbeeindruckt seinen bulligen Körper durch das Publikum zu wuchten, dann ist das zwar auch immer ein wenig die Erfüllung der Erwartung an die Klischees, zeugt aber gleichzeitig von einem beherzten Herangehen an ihre Musik. Das spürt man auch auf „David Comes To Life“. Punk ist in diesem Fall eben einfach mal das Wagnis, Neues auszuprobieren. Denn wo Selbstbeschränkung an der Authentizität rüttelt, ist eine Band schnell implodiert. Zusammen mit der sowieso immer etwas clevereren Herangehensweise als bei Kollegen, dem gnadenlos durchgezogenen Konzept und der – im gesetzten Rahmen – stilistischen Vielfalt ist es einzig die absurde Überlänge, die hier störend wirkt. Auch, weil sie das oft schematische Songwriting (man vergleiche bloß „Turn The Season“ mit „A Little Death“) offenbart. 

Und David? Sein Herz ist längst gebrochen, das Ende naht. Der Hörer wird völlig entkräftet entlassen – aber nicht gänzlich ohne Hoffnungsplitter: “Warm My Blood Before I Say Goodbye, A New Sun In The Sky And Love Will Never Die”, lauten seine letzten Worte.

81

Label: Matador

Referenzen: Refused, Pissed Jeans, Career Suicide, Bronx, Black Flag, Wavves, Titus Andronicus

Links: AlbumstreamAlbumpage | Bandblog

VÖ: 03.06.2011

2 Kommentare zu “Fucked Up – David Comes To Life”

  1. […] ist, die ganz hoch aufgelegten Latten – zum Beispiel im Gegensatz zu den Labelkollegen von Fucked Up – aber nicht überspringen will. Vielleicht ist es nur Zufall, dass sich ausgerechnet der […]

  2. […] von Matt Korvettes irritierender Stimme, mit deren abstoßendem Klang es in der Gegenwart wohl nur Fucked Ups Damian Abraham aufnehmen kann. Doch die eigentlichen Vorbilder bleiben andere als die Kanadier. […]

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