Website-Icon Leben mit Musik | AUFTOUREN.DE

AUFTOUREN: 2012 – Das Jahr in Tönen


2012 war ein Jahr, in dem die Konturen bröckelten.

Im Musikgeschäft, wo Universal sich EMI einverleibte und aus vier Majorlabels drei wurden. Im Konsumtechnischen, wo Digitales über ubiquitöse mobile Endgeräte die analoge Realität unserer Sinneswahrnehmung überlagerte, wodurch insbesonds mobile Streamingdienste die gute alte MP3 in Onlinewolken verschwinden ließen.

Und eben auf Seite der Musik. Im zuletzt bereits auf instrumentaler Seite aufgefrischten HipHop trieb dieses Jahr eine wahre Flut an neuen, starken Persönlichkeiten bemerkenswerter Vielfalt nach oben. Auch R’n’B zeigte sich gewillt, Alternativen zur kommerziell sichereren Schiene des Dancepop-Crossover zu suchen, ob im Klassizismus oder in futuristisch-avantgardistischen Entwürfen. Vor allem in Gegenposition zum Haudrauf-EDM-Mainstream florierten nebst globaler Bassmusik-Abenteuerlust dunkle, schemenhaft-benebelte Dance- und Elektronikwerke ohne qualitativ signifikante Unterscheidungen zwischen Analog und Digital. Mit wenig Onlinepräsenz brillierte Punk vorwiegend im Abseits, manchmal deutet nicht einmal ein Bandcamp darauf hin, was sich auf einer Cassette oder Vinylscheibe ohne größere Szenegedanken um Hardcore oder Noise abspielt.

Und Indie(-Rock), soweit er sich noch irgendwo an Gitarren klammert? Wusste vor allem dort zu glänzen, wo er seine Konturen schärfte, nicht in trendigen Hallwolken verschwand sondern auf klares, emotional resonantes Songwriting setzte. All dies und sicher noch etwas mehr reflektiert unsere redaktionelle Konsensliste, in der es ein ebenso enges, überraschendes Kopf-an-Kopf-Rennen um das R’n’B-Album des Jahres wie um den zweiten Rang gab (vielleicht sogar ein und das gleiche Rennen?). Nur an einem bestand dann kein Zweifel: Unser Favorit 2012 hob sich mit deutlichem Abstand vom Rest ab. Heute beginnen wir, das Feld von hinten aufzuräumen, morgen folgen dann Platz 30 bis 11 und am Mittwoch die Top 10. Wir wünschen gemütliche Winterlektüre.

50

Laurel Halo

„Quarantine“

[Hyperdub]

Rezension | Homepage

Nach zwei bereits sehr unterschiedlichen EPs überrascht es wenig, dass sich Ina Cube auf ihrem Debütalbum stilistisch neu justiert. „Quarantine“ vermischt auf eigenständige Weise Ambient und Techno zu sphärischen Klangdystopien, ohne auch nur einen Hauch von Retro zu versprühen. Nicht selten rückt Cubes „nackte“ Stimme dabei schmerzhaft in den Vordergrund und erzählt von Isolation und Orientierungslosigkeit in digitalen Zeiten, deren emotionale Konsequenzen spürbar werden sollen. An anderer Stelle schweben effektbeladene Gesangspuren körperlos über den aus wabernden Drones, klinischen Rave-Arpeggios und nervösen Acid-Housepattern geschichteten Texturen. Nur selten weicht die Beklemmung elegischer Schönheit („Air+Light“). Das Spiel mit den Kontrasten wirkt unnahbar und aufrührerisch zugleich. (Till Strauf)


49

Nü Sensae

„Sundowning“

[Suicide Squeeze]

Rezension | Homepage

Auf ihrem zweiten Album veredeln Nü Sensae ihr bisheriges Schaffen. Dank des neuen Gitarristen Brody McKnight gewinnt die Band auf „Sundowning“ die entscheidende Portion Klarheit dazu, ohne irgendeine ihrer bisherigen Qualitäten einzubüßen. Immerhin 35 Minuten führen einmal mehr vor Augen, wie anstrengend und befreiend zugleich Musik (machen) sein kann. Gnadenlos feuert das Trio mit Frontfrau Andrea Lukic an der Spitze ein Feuerwerk ab, das immer wieder von McKnights unglaublichen Riffs gebrochen und in eine andere Richtung gelenkt wirkt. „Sundowning“ ist für ein Punkalbum im wahrsten Sinne des Wortes extrem vielschichtig, unaufhaltsam breitet es sich in alle Dimensionen aus, bis schließlich zum Ende hin nur noch eines übrig bleibt: Lärm. (Felix Lammert-Siepmann)


48

Efterklang

„Piramida“

[4AD]

Rezension | Homepage

Die wunderlichen Pop-Klassizisten von Efterklang opferten für „Piramida“ – ein Konzeptalbum über eine verlassene Siedlung weit, weit im Norden – ihre überbordernde Spielfreude und Ausgelassenheit zugunsten von dröhnenden, dunklen, weitläufigen Songs. Songs, die auf den Sounds aus tausend vor Ort aufgenommenen Field-Recordings fußen und sich so melancholisch und gespenstisch anschleichen wie eine arktisch abgekühlte Version ihres Debütalbums „Tripper“ von 2004, aber versponnen, versonnen und immer elegant bleiben. Efterklang tragen Pop-Grandezza im Herzen: Es ist zu kalt zum Jubilieren, aber so lange selbst nahe am Gefrierpunkt noch Melodien lauern, lässt sich weiterleben. (Sebastian Schreck)


47

Zammuto

„Zammuto“

[Temporary Residence]

Rezension | Homepage

Nicht lange nach der Trennung von The Books macht sich Nick Zammuto auf, die klaffende Lücke, die das quirlige Electro-Folk-Concrète-Pop-Duo hinterließ, zu schließen. Auf seinem (fast) im Alleingang eingespielten Debüt überträgt er das sample-basierte Arbeitskonzept auf den Bandkontext und tauscht Cut-Paste-Ästhetik gegen Songstrukturen. Aus mitunter selbstgebauten Apparaturen und Percussioninventar bastelt er polyrhythmische Pattern, die auf knarzenden Synthies und Mathrockgitarren treffen. Zammutos durch Vocoder und Autotune verfremdete Stimme flirrt durch eklektizistische Arrangements, die scheinbar unbeschwert Versatzstücke aus Progrock, Folk, Electronica, Techno, Afro- und Synthie-Pop vereinen können. Trotz einer zur Effekthascherei neigenden Überfrachtung weiß er die Stücke im richtigen Moment durch harmonische Schlichtheit und melodische Eingängigkeit zu erden und macht „Zammuto“ so zu einem kreativ arrangierten, geschickt zwischen Anspruch und Humor balancierenden Stück Popmusik. (Till Strauf)


46

Speech Debelle

„Freedom Of Speech“

[Big Dada]

Rezension | Homepage

Die London Riots von 2011 brachten unschöne Bilder hervor. Brennende Autos und Gebäude, ein Sakrileg der Aussichtslosigkeit und des Hasses. Und dennoch muss man diese brutalen Verzweiflungstaten im Kontext des gesellschaftlichen Rahmens sehen: Irgendwas kann ja dort nicht stimmen, so viel ist klar. Die britische Super-Rapperin Speech Debelle ist sich dessen auch bewusst, nur positioniert sie sich eben nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Seite der Massenmedien, der Politiker und scheinheiligen Moralapostel, nein: Sie versucht, die Taten zu verstehen. Sie selbst war einst obdachlos, hatte kaum Perspektiven und konnte sich trotzdem vom Dreck befreien. „Freedom Of Speech“ ist gleichermaßen Zeugnis dieses Aufstiegs wie auch wütende Anklage. Eine wichtige und richtige Platte. (Kevin Holtmann)


45

Petar Dundov

„Ideas From The Pond“

[Music Man]

Homepage

Der Kroate ist kein Mann der Hektik. Oft im zweistelligen Minutenbereich erstrecken sich seine Stücke, sind dabei jedoch weder ereignisarmer Ambient noch komplexen Umwürfen folgend. Mit meisterlicher Präzision konstruiert Dundov vielmehr Traumtechno, dessen Wesen einem beim Hören erst mit der Zeit bewusst wird, wenn die geduldig nach und nach etablierten Fäden zu melodisch-perkussiven Strängen von bestechender Schönheit zusammengewunden sind. Dass er das nicht nur einmal, sondern im Verlaufe von „Ideas From The Pond“ ein ums andere Mal vermag, macht dieses Werk zu einer Mikro-Entwicklung mit Makro-Effekt.(Uli Eulenbruch)


44

Spiritualized

„Sweet Heart, Sweet Light“

[Double Six]

Rezension | Homepage

Über drei Dekaden mimt Jason „Spaceman“ Pierce nun schon den Hohepriester des Psychedelic- und Gospelrocks. Zwischen verdrogtem Rauschesound und souligem Weltschmerz ist ihm mit „Sweet Heart, Sweet Light“ eine in sich geschlossene und außerordentlich erleuchtete Songsammlung gelungen, die es locker mit den stärksten Alben dieser langen Karriere aufnehmen kann. Das musikalische Credo ist dabei strictly Spiritualized und überraschungsfrei im Vergangenen schöpfend. Beatles, Stones, TheVelvet Underground – selten klang die Beschwörung alter Rock’n’Roll-Geister so beseelt und frei von überflüssigem Testosteron. „Sweet Heart, Sweet Light“ ist ein Statement, das letztendlich auch die etwas diffuse Produktion und das räselhafte Cover nicht verwässern können. (Bastian Heider)


43

Django Django

„Django Django“

[Because]

Rezension | Homepage

Gut Ding will Weile haben: Diese oft richtige Lebensweisheit traf in diesem Jahr bei auch bei Django Django zu. Mehr als vier Jahre vergingen von den ersten Aufnahmen bis zur Veröffentlichung des Debütalbums, einige Songs wurden schon ab 2009 als Singles veröffentlicht. Doch die hartnäckige Arbeit hat sich gelohnt: „Django Django“ ist ein Chamäleon, das in flirrendem, gleißendem Licht pausenlos seine Farben wechselt. Die Einflüsse sind reich und mit Bedacht gewählt. Die frühen Pink Floyd, The Beach Boys und The Beta Band, zu der innerhalb der Band sogar ein Verwandtschaftsverhältnis besteht, sind die vordergründigen Vorbilder der Kunststudenten. Dahinter verbirgt sich ein verdrehter Kosmos, der bei Eno/Byrne beginnt und sich später in eigenwilligem Psychedelic auflöst. (Felix Lammert-Siepmann)


42

Aesop Rock

„Skelethon“

[Rhymesayers]

Rezension | Homepage

Auf seinem sechsten Studioalbum outet sich Ian Bavitz als Misanthrop. Allen Zorn, der sich auf seinen Vorgängerwerken noch gegen die Welt richtete, kanalisiert er wirksam gegen sich selbst: Existenzieller Selbstzweifel, Suizidgedanken und persönliche Apokalypse. Was anderswo Apathie verursacht, entfacht bei Aesop Rock ein Wutfeuer in beängstigender Größe. Verstörend gut zeichnet er ein komplexes und zutiefst zerrissenes Bild düsterer Verzweiflung, dessen Referenzspektrum über griechische Mythologie und Literaturklassiker in die Gegenwart von Popkultur und moderner Kameratechnik reicht und zum eklektischen Stil der Beats und enervierenden Samples passt, die sich mit quietschendem Saxophon und bedrohlichen E-Gitarren fleißig an Jazz und Rock bedienen. (Natalie Klinger)


41

Michael Kiwanuka

„Home Again“

[Polydor]

Rezension | Homepage

In kaum einem Medium hat der junge Engländer mit seinem vorzüglichen Retro-Folk-Soul-Album (was ein fürchterliches Wort!) in diesem Jahr gefehlt und sich dennoch nicht vollends den nahezu hypeähnlichen Vorschußlorbeeren verschiedenster Quellen gebeugt. „Home Again“ ist rundum fabelhaft und verbindet auf frühlingsfrische Art und Weise zarte Nostalgie der 60er und 70er Jahre mit der Sehnsucht nach vollendeter Melodieseligkeit. Wenn Kiwanuka mit Flötenunterstützung „I’m Getting Ready“ singt, fühlt es sich immer noch gut an, wie eine erste flüchtige Begegnung, die sich durch die faszinierende Stimmung des Albums zum immerwährenden Begleiter mausert. (Carl Ackfeld)


Zu den Plätzen 40-1:

40

Grimes

„Visions“

[4AD]

Rezension | Homepage

Von außen betrachtet könnte man natürlich glauben, „Visions“ wäre das Album einer grimmigen, schlechtgelaunten Crustpunk-Band. Täuschung und Tarnung gehören eben unweigerlich in die Welt der jungen Kanadierin Claire Boucher, die unter ihrem Künstlernamen Grimes dunkel geschminkten Electropop komponiert, der in seiner Hymnenhaftigkeit in jeder schicken, distinguierten Modeboutique around the world laufen könnte. Ihre Stücke sind leichtfüßig, aber auch morbide, funkeln und schimmern wie Diamanten und sind dennoch oder gerade deswegen alles andere als harmlos. Hinter den bittersüßen R’n’B-Säuseleien und den quietschigen Beats verstecken sich seelische Abgründe. Auf unheimliche Art und Weise ist das ziemlich anziehend. (Kevin Holtmann)


39

Alcest

„Les Voyages De L’Âme“

[Prophecy Productions]

Rezension | Homepage

Verklärte Innerlichkeit, die ihre Fühler vagabundierend in den Himmel streckt. Neige besinnt sich auf dem dritten Album der französischen Black-Metal-Phantasten auf seine in Teilen ziemlich finstere Seele und lässt sie durch zauberhafte Landschaften aus höchst perkussivem, jedoch anmutigem Lärm und verschwenderischer, ambienter Pracht wandern. Dass er dronigem Klangzauber dabei ebensowenig aus dem Weg geht wie sonnenaufgangähnlichen Klangkaskaden, ist dabei verwunderlich, jedoch hinsichtlich seines gesamten Œuvres konsequent. Nicht mehr verhuscht, jedoch auch nicht mit der vollendeten Brutalität der letzten Alben verbinden Alcest beide Tugenden und schaffen mit „Les Voyages De L’Âme“ ihr bislang stärkstes Werk. (Carl Ackfeld)


38

Angel Haze

„Reservation“

[True Panther/Noizy Cricket/Biz 3]

Homepage

Die enorme Bedeutung, die frei verbreitete Mixtapes für den aktuell so vital wie schon lange nicht mehr daherkommenden HipHop haben, trug in diesem Jahr vor allem einen Namen: Angel Haze. Die 20-jährige New Yorkerin stellte mit „Reservation“ in Sachen Frische und lyrischer Dringlichkeit locker den Großteil aller regulären Rap-Veröffentlichungen aus 2012 in den Schatten. Die Geschichte hinter diesem Debüt ist unterdessen eine recht klassische: Hazes charismatischer Flow erzählt zu überwiegend düsteren Beats Geschichten vom Aufwachsen, Durchbeißen und Scheitern in prekären Verhältnissen. Die zahlreichen Selbsterhöhungen und verbal gemeuchelten „Gegner“ stehen dabei im krassen Gegensatz zur erstaunlichen Offenheit und Verletzlichkeit, mit der das Persönliche hier verhandelt wird. Angel Haze verleiht der alten Außenseiter- und Aufsteigerstory, wie sie im HipHop immer wieder erzählt wird, eine neue Perspektive. (Bastian Heider)

Download Mixtape | Free Mixtapes Powered by DatPiff.com

37

Holy Other

„Held“

[Tri Angle]

Rezension | Homepage

Selbstverständlich lässt Holy Other einige treffende Vergleiche zu – Burial oder Clams Casino könnte man hier nennen – und selbstverständlich lässt Holy Other sich einem Genre, beispielsweise dem Witch House, zuordnen. Trotzdem erschien das Debütalbum des jungen Briten zu einer Unzeit und ohne jede Rückendeckung vergleichbarer Acts. So steht „Held“ in diesem Jahr wie eine kunstvoll verzierte Vogelscheuche in der Mitte eines Feldes, kühl und isoliert, inmitten all der R´n´B- und Artpop-Alben 2012. Aber dieser Umstand bekräftigt eher die Einzigartigkeit von „Held“, als dass er dessen Qualitäten schmälert: Dem Trend zum Trotz gelingt es Holy Other, aus den spezifischen Bausteinen eines kriselnden Genres ein atmosphärisch dichtes und hochgradig modernes Hörerlebnis zu konstruieren. Wer kann das schon von sich behaupten in diesem Jahr? (Constantin Rücker)


36

Krallice

„Years Past Matter“

[Eigenveröffentlichung]

Rezension| Homepage

Die vergleichsweise transparente Produktion und durch technische Präzision gestützte Spielfreude des vierten Albums der New Yorker Band um den Gitarristen Mick Barr bricht noch deutlicher als zuvor mit den in Stein gemeißelten den Dogmen des Black Metals. Krallice wandern endgültig auf eigenen, schwer zu kategorisierenden Pfaden: „Years Past Matter“ fusioniert Elemente des Black-, Prog-, Death- und Sludge-Metal zu kakophonischen Klangwänden, die nur eingerissen werden, um kurze Zeit später in neue Höhen zu wachsen. In epischer Breite – keines der regulären Stücke dauert weniger als acht Minuten – zelebrieren Krallice ihren ekstatischen Rausch aus komplementär agierenden Gitarren, Blastbeatgewitter und schwer verständlichem Grollen, ohne Virtuosität zum reinem Selbstzweck verkommen zu lassen. (Till Strauf)


35

The xx

„Coexist“

[Young Turks/XL/Beggars]

Rezension| Homepage

Kaum eine Veröffentlichung hat dieses Jahr mehr gespalten als der Zweitling von The xx. Jamie Smith, Romy Madley Croft und Oliver Sim versuchen gar nicht erst, sich neu zu erfinden, sondern verfeinern und erweitern ihren Trademark-Sound einfach ein wenig. Die Beats ein wenig fetter und facettenreicher, die Effekte noch effizienter platziert und über allem wie gehabt Bass und Gitarre, die sich jede überflüssige Note verkneifen und der introspektive Gesang. Einige Kritiker meinten, über all dem hätten sie die Hits und Songs vergessen, uns hat es trotzdem gefallen. Und Hits finden sich auch auf „Coexist“, nur springen sie einem nicht mehr so direkt ins Gesicht wie auf dem Debüt. (Mark-Oliver Schröder)


34

Raime

„Quarter Turns Over A Living Line“

[Blackest Ever Black]

Rezension | Label

2012 unternahmen viele Alben eine Reise ins Düstere, doch keine davon war so singulär wirkungsvoll wie Raimes. Irgendwo zwischen Bohren Und Der Club Of Gore, Burial und Swans intensiviert das Londoner Duo sein Album wie eine enger werdende Schlinge Stück für Stück, bis der Sauerstoff bedrohlich knapp zu werden droht. Dabei fungiert ihr Desolationssound aus knöchernen Beats, rostigen Splittern und heimatlosen Echos zugleich auf atmosphärischer und musikalischer Ebene, ist nie bloß das eine oder andere und damit in seiner vereinnahmenden Kraft umso unmöglicher zu ignorieren. (Uli Eulenbruch)


33

Lotus Plaza

„Spooky Action At A Distance“

[Kranky]

Rezension| Label

Sicher, Lotus Plaza ist nur ein Nebenprojekt von Deerhunter, die Herkunft seines Machers klingt aus jedem Gitarrenakkord heraus. Aber es ist ein großes NUR, das Lockett Pundt verinnerlicht hat und das er auf seinem zweiten Album als Lotus Plaza distanziert und verhuscht zu größtmöglicher Action kulminieren lässt. Diese ruht nämlich in sich selbst, elegant und meditativ um die eigene Achse kreisend, wartend auf das Lachen wilder Fremder und mit einem gespenstischem Talent für Stimmungen und Akzente. Auf überhohen Gitarrenwällen greift Pundt nach den Irrlichtern der Nacht, bis niemand mehr genau sagen kann, ob wir den Schmetterling oder er uns träumt. Sein Flügelschlag ist sanft und so lange wir hören, träumen wir gut. (Sebastian Schreck)


32

Jam City

„Classical Curves“

[Night Slugs]

Homepage

Besonders leicht fällt der Einstieg in dieses Album nicht. Bereits auf den ersten Metern zeigt  das zweite Stück „Her“ einem deutlich auf, wie schlecht es um die eigene Kondition bestellt ist. Atemlos bleibt man zurück, abgehangen und röchelnd, bevor einem „Classical Curves“ wieder die Hand reicht und zu einem kleinen Basketballmatch mitnimmt. Das ist großartig und schließt mit quietschenden Schuhen ganz nebenbei die Lücke zwischen Ben UFO und den Books. Wer hier zu früh aussteigt, verpasst einen ganzen Blumenstrauß phantastisch überbordender Songs. Wem „R.I.P“ zu behäbig daher kommt, sei „Classical Curves“ ganz besonders ans unruhige Herzchen gelegt, denn Jam City ist nicht weniger detailversessen als Actress, aber bombastischer als der es jemals war. (Constantin Rücker)


31

David Byrne & St. Vincent

„Love This Giant“

[4AD]

Rezension | Homepage

Eine der schönsten Liaisons des abgelaufenen Kalenderjahres war die zwischen Talking-Heads-Grandseigneur David Byrne und der Indierock-Erneuerin Annie Clark, besser bekannt als St. Vincent. Gemeinsam arbeiteten die beiden Vollblutfreigeister an einem Album, das weit über das zu erwartende „Best of both worlds“-Geplänkel hinaus geht. Die zwölf Stücke von „Love This Giant“ verbinden ungezügelten Bläsereinsatz mit vertrackten Rhythmen, kreuzen Byrnes lakonische Altersweisheiten mit dem grazilen Sex in der R’n’B-Stimme St. Vincents. Besonders toll kommt das zum Beispiel im herrlich hypnotisierenden Album-Opener „Who“ zum Vorschein, einem herrlich beschwipsten Avantgarde-Popsong mit tollem Video. Wunderbare Kuppelei! (Kevin Holtmann)


Light Asylum

„Light Asylum“

[Mexican Summer/Cooperative]

Homepage

Die immense Ausstrahlungskraft von Sängerin Shannon Funchess war bereits weit vor der Veröffentlichung des gleichnamigen Debüts ein ziemliches Schwergewicht. Für manchen Kritiker. Nicht aber für das Duo selbst, denn Light Asylum strotzten auf dem mit tiefschwarzen Synthpunk-Stampfern gespickten Album nur so vor Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit: „Fuck em, taking our freedom, biting our hands, we’re taking the streets…We want our freedom!“ Das hat auch die schwedischen Geschwister von The Knife derart aus den Socken gehauen, dass sie Funchess kurzerhand für einige Songs ihres lang genug erwarteten neuen Albums als Gast-Stimme verpflichteten. Und die müssen es nun wirklich wissen. (Pascal Weiß)


Cloud Nothings

„Attack On Memory“

[Wichita/PIAS]

Rezension | Homepage

Nicht wenige hatten Dylan Baldi, den Kopf hinter Cloud Nothings und oft auch einziges Studiomitglied, nach dem letztjährigen Album schon in eine Schublade – beschriftet: „Teeny Bubblegum Pop-Punk, nichts von Dauer“ – gesteckt und abgeschrieben. Dann erschien mit „No Future/No Past“ der erste Teaser zu „Attack On Memory“ und alles wurde anders. Cloud Nothings klangen auf einmal inständiger und desillusionierter, als man sich das hätte vorstellen können. Baldi war frustriert und böse geworden und der Sound der Band hatte sich, mit Steve Albini an den Studioreglern, zu einem an Wipers orientierten Mahlstrom entwickelt. Eine musikalische Neujustierung, die „Attack On Memory“ zu einem der besten Indie-Alben des Jahres machte. (Mark-Oliver Schröder)


Rudy Zygadlo

„Tragicomedies“

[Planet Mu]

Rezension | Homepage

Was im eröffnenden „Kopernikus“ klingt, als erwarte den Hörer ein melodramatisches Trauerspiel, in der die Schwester mit dem Tupfer gar nicht mehr schnell genug nachkommt, entpuppt sich alsbald als eines der erstaunlichsten und spannendsten Alben des Jahres: dreizehn Songs voller Aufgebehren und Resignation, gefasst in Vielgestalt zwischen Electronica, Autotune-Pop, Beats, Klavier-Songwritertum und fröstelndem Future-Funk. Der junge Schotte verbindet seine Einflüsse zu einer variantenreichen Mischung, weiß um modernes Songwriting und aktuelles Klangdesign. Dabei ist „Tragicomedies“ trotz runder Produktion in seiner Machart immer ein bisschen abgefuckt und deswegen streckenweise auch sehr liebenswert: Ein bisschen von allem, von nichts zu viel. (Markus Wiludda)


DJ Rashad

„TEKLIFE Vol.1: Welcome To The Chi „

[Lit City Trax]

Homepage

Nachdem Planet Mu 2010 über Alben, EPs und die „Bangs & Works“-Compilation prägende Figuren der Chicagoer Footwork-Szene nach Europa und den Rest der elektronikinteressierten Welt importierte, schien die weitere Entwicklung linear vorprogrammiert: Auf so einigen Highlights des vergangenen Jahres – Machinedrum, Kuedo oder Sepalcure zum Beispiel – tönte der Sound als eine neue Zutat im globalen Bassmusik-Schmelztiegel durch. Doch das schien 2012 die originalen Protagonisten nur zu größerer Kreativität und Ambition anzuspornen, ihre Art von Heimatmusik zu repräsentieren – allen voran DJ Rashad, dessen furioses Mammutwerk zugleich als Einladung und Tiefentauchen in den elektrisierten Ozean aus tollkühnst synkopierten Beats, zackig steilen und soulig warmen Vocal- und Synthkonstellationen dient und einfach zu vital ist, um über seine Länge zu ermüden. (Uli Eulenbruch)


Killer Mike

„R.A.P. Music“

[Williams Street]

Rezension | Homepage

Die Frage, wie Public Enemy wohl heute klingen würden, erübrigt sich eigentlich, da die vielleicht wichtigste HipHop-Gruppe der Vergangenheit bekanntermaßen immer noch aktiv ist. Wären Chuck D und Co. allerdings auch heutzutage noch von musikalischer Relevanz, würden sie sich vielleicht von El-P produzieren lassen und im besten Fall klingen wie dieses Album. „R.A.P. Music“ ist ein zünftiger Tritt in die Magenkuhle, den man sich von Dirty-South-Schwergewicht Killer Mike nicht unbedingt erwartet hätte, zwischen Privatem und Politischem zeigt er sich mächtig angepisst und angrifflustig. Die brachialen Beats, die neben dem für El-P typischen Industrial- und Sub-Bass-Wahnsinn auch zahlreiche Oldschool-Verweise verarbeiten, unterstützen diesen Parforce-Ritt kongenial. Expliziter und durchschlagskräftiger war Rap in den letzten Jahren selten. (Bastian Heider)


Mount Eerie

„Clear Moon/Ocean Roar“

[P.W. Elverum & Sun]

Homepage

Die Musik Mount Eeries adäquat in Worte zu fassen, ist seither eine schwierige Aufgabe. Daran ändert auch das Albumduo aus „Clear Moon“ und „Ocean Roar“, dessen Hälften im Abstand weniger Monate veröffentlicht wurden, wenig. Man ist gewillt, jeglicher Naturmetaphorik zu entsagen und kommt doch nicht ohne aus, wenn Phil Elverum die Brüchigkeit verschrobenen Folks in eruptiv ausbrechende Gitarrenstürme münden lässt, die Schwaden melancholischer Keyboardsätze durch den schwarzen Nachthimmel wirbeln. Doch wo „Ocean Roar“ als lärmendes Sinnbild entfesselter Naturgewalten in stilistischer Nähe zum durch Noise und (Black-)Metal beeinflussten 2009er „Wind’s Poem“ steht, hüllt Elverum sein zivilisatorisches Unbehagen vorher auf „Clear Moon“ in subtilere, in ihrer Entrücktheit oftmals mystisch anmutende Klanglandschaften, deren Fremdartigkeit jedoch durch textlichen Fatalismus geerdet wird. Diese Reduktion lässt „Clear Moon“ noch introspektiver und vielschichtiger erscheinen als seine Vorgänger. (Till Strauf)


Jessie Ware

„Devotion“

[Island]

Rezension | Homepage

Man muss „Devotion“ nicht größer machen, als es ist. Die Zukunft der Popmusik, die manch ein Kritiker hier auszumachen scheint, wird mit diesem Album jedenfalls nicht eingeläutet. Einem Großteil der versammelten Songs gelingt es jedoch mühelos, hübsche Bögen zwischen 80er- und 90er-Referenzen und R’n’B-Moderne zu schlagen, die dann von Jessie Wares durchaus divatauglicher Stimmgewalt veredelt werden. Lieder wie das über majestätischen Drumpatterns schwelgende „Wildest Moments“ scheuen sich nicht sehr vor großem Pathos, während anderswo klassische Songstrukturen zerfasern, Beats und Soundfetzen munter gegeneinander rasseln lassen, bis sie schließlich unter abgespeckten Melodiebögen doch noch zueinander finden. (Bastian Heider)


Merchandise

„Children Of Desire“

[Katorga Works]

Spot | Homepage

Merchandise haben mit „Children Of Desire“ eine der Überraschungen des Jahres 2012 veröffentlicht. Die beiden Multiinstrumentalisten Carson Cox und David Vassalotti aus dem sonnigen Florida, die ihre musikalische Sozialisation in diversen lokalen Punk-Kapellen durchlebt haben und auf ihrem 2010er Debüt mit verpunktem Krachpop noch an No Age erinnerten, lassen Weltschmerz und Frost wie Nebel aus den Boxen wabern. An und für sich nichts weltbewegend Neues, aber wie Merchandise Drum-Computer, Joy Division, Shoegaze, Noise und einen an Morrissey geschulten Gesang in bis zu 11-minütigen Epen verschränken ist dann doch einmalig – gut. (Mark-Oliver Schröder)


Perfume Genius

„Put Your Back N 2 It“

[Matador/Beggars]

Rezension | Homepage

Düsseldorf, Open Source Festival: Nachmittags bei strahlendem Sonnenschein sitzt Mike Hadreas auf einer überdimensionierten Bühne und versucht, irgendwie zu den Zuschauern durchzudringen. Keine Konstellation hätte „Put Your Back N 2 It“ weniger gerecht werden können: Perfume Genius‘ zweites ist ein durch und durch trauriges und fragiles Album. Tiefes Ein- und Ausatmen, Seufzen und raumfüllendes Klagen sind aufrichtige Bestandteile einer Welt, die durch den geringsten Widerstand zu kollabieren droht. Wenn es dann bei „Hood“ doch einmal etwas aufbrausender wird, scheint Hadreas das nicht lange ertragen zu wollen. Er beendet den Song einfach nach zwei Minuten wie aus dem Nichts. „Put Your Back N 2 It“ versprüht nicht den geringsten Hoffnungsschimmer, doch die Schönheit seiner der Songs erscheint unumstößlich.
(Felix Lammert-Siepmann)


Ty Segall Band

„Slaughterhouse“

[In The Red]

Rezension | Homepage

Ich habe es schon in meiner Rezension zu „Twins“ geschrieben und wiederhole es gerne: 2012 war ein sehr gutes Jahr für Ty Segall. Sage und schreibe drei(!!) reguläre Alben hat er, solo oder mit verschiedenen Kooperationspartnern, veröffentlicht. Auf „Slaughterhouse“ zeigt er sich von seiner psychedelischen Garage-Punk-Seite. Raue, beinahe unbehauene Monolithen von Fuzzsongs hat er dafür mit seiner Tourband eingespielt, die einmal mehr beweisen, dass Popmusik nicht automatisch mit Hochglanzpolitur gleichgesetzt werden darf. Furios aufspielend untermauert „Slaughterhouse“ Segalls Sonderstellung innerhalb der boomenden und spannenden Psychedelic-Rock-Szene von San Francisco und Kalifornien. (Mark-Oliver Schröder)


Poliça

„Give You The Ghost“

[Memphis Industries]

Rezension | Homepage

Es hätte ganz, ganz fürchterlich werden können. Hübsche, zerbrechlich wirkende Sängerin mit Elfenstimme frontet eine Band, da heulen sämtliche Enya-Alarmsirenen. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Poliça konnte gerade auf musikalischer Seite überzeugen. Nicht nur, dass Channy Leaneagh Auto-Tune gegen den Strich bürstet und ihre Stimme somit, statt einer Korrektur, einer permanenten Mutation und Modulation unterzieht, auch ihre Bandkollegen Ben Ivascu, Drew Christopherson und Ryan Olson tragen nicht unwesentlich zum einzigartigen Klang von Poliça bei. Minimale Elektronik und Bassspiel werden unterfüttert und überlagert mit der Polyrhythmik der beiden Schlagzeuge, so dass Poliça ihren ureigenen R’n’B-Entwurf kreieren. (Mark-Oliver Schröder)


„An Awesome Wave“

[Pias UK/Infectious]

Homepage

Dass Alt-J in Wirklichkeit natürlich gar nicht Alt-J heißen, sondern nur von einem Dreieck symbolisiert werden, das mit der entsprechend Tastenkombination entsteht, ist ja schon mal recht witzig. Dass diese Band mit ihrem Debüt-Album „An Awesome Wave“ auch noch mächtig durch die Decke kracht – umso schöner. Die vier erfreulich unhippen Buben aus dem United Kingdom spielen Musik, die sich nicht so recht einordnen lassen möchte, aber im Prinzip alles zwischen Pop, Electro, Indie, Folk und New Wave abgrast. Mit „An Awesome Wave“ hat das Quartett vielleicht die vielseitigst einsetzbare Platte des Jahres komponiert. Darauf ein: Δ. (Kevin Holtmann)


Andy Stott

„Luxury Problems“

[Modern Love]

Rezension | Homepage

„Luxury Problems“ mag nicht Andy Stotts kompromisslosestes Werk sein, ist aber gewiss sein variantenreichstes. Alles verharrt mysteriös und überaus gespenstisch wie ein verschlingender Albtraum, der mit jedem Druck auf die Play-Taste von Neuem beginnt und einem genüsslich die Luft abdreht: Während der Track „Luxury Problems“ bloß schwer atmet, ist „Expecting“ ein einziges Todeshauchen in erbärmlich aussichtlosem Schwarz. Über weite Distanz fehlt den Songs ganz Stott-like der verführerische Glanz, dafür gibt es verschwommene Andeutungen in Grautönen, faulende Beats, rastloses Dröhnen und elfengleiche Gesänge aus der knurrenden Magenhöhle seines Laptops. (Markus Wiludda)


Dawn Richard

„Armor On EP“

[Our Dawn Entertainment/Cheartbreaker]

Spot | Homepage

“Halbe Sachen“ kommt in Dawn Richards Vokabular nicht vor. Gleich zwei großartige EPs brachte die Amerikanerin 2012 heraus, doch so wie „Whiteout“ mehr als nur ein Wegwerf-Winterkurzweil ist, erwies sich „Armor On“ als ein stärkeres Album als die meisten offiziell als solche veröffentlichten. Über wenig traditionelle Break- und House-Beats entfaltet Richard eine futuristische R&B-Soundvision, die sich nicht nur wegen ihrer Spielzeit von beinahe 40 Minuten ungemein weitreichend anfühlt: Mal erhaben, anderswo verwundet oder kampfeslustig, Richard arrangiert ihre multiplizierte Stimme zu kunstvollen Gesangsgemälden voll innerer Dramatik, denen nur dort an Konventionen gelegen scheint, wo sie dem Verlauf des Gesamtwerks zugute kommen. (Uli Eulenbruch)


Cooly G

„Playin‘ Me „

[Hyperdub]

Rezension | Homepage

Als „Bedroom-Pop“ wird in der Regel Musik nach dem Ort ihrer heimischen DIY-Produktionsmethode bezeichnet, doch „Playin‘ Me“ ist ein Album, das sich tatsächlich dort zuträgt. „I wanna put you in the mood / you want me, I want you,“ lockt Cooly G in „Come Into My Room“, ihre Stimme umtürmt von verhallten Tastenschlägen und von Synthschleiern überweht. Ob erotisiert oder ominös verhangen wie im beatlastigeren letzten Drittel, Cooly Gs Debütalbum vermag auf ganzer Länge zu verführen, schafft mit sicherer Hand eine einladend intime Soundwelt, die mit jedem Stück subtil an Atmosphäre und Stimmung zunimmt. (Uli Eulenbruch)


Japandroids

„Celebration Rock“

[Polyvinyl]

Rezension | Homepage

Nach Nichts wird gefeiert und gerockt. Es böllert und bollert. Gitarre, Schlagzeug, Lautstärke. Laute Stärke voller lauter Stärke. Ekstase, die tausende „Ohhhooohooos“ einfangen können, nein, Gefangene machen die Japandroids nicht. Sie zeigen den Erwartungen, der Vergänglichkeit, den Leuten den musikalischen Stinkefinger, ohne mit der Wimper zu zucken. Es sei denn, sie schütteln ihre Köpfe wild und ausufernd. Das aber tun sie immer, leidenschaftlich, direkt, prall und auf den Punkt. Und mit viel Alkohol in Blut und im Sinn. Das knallt dir die Birne weg! Thank you for being so wet and wild. Keine Zeit zum Verschnaufen, es ist postmodern spät und die Nebensätze sind weggepustet. Bald werden wir lallen. Prost! (Sebastian Schreck)


Actress

„R.I.P“

[Honest Jon’s]

Rezension | Homepage

Zunächst einmal sollte man alle Erwartungen an dieses Album ablegen. Es ist ein Verdienst Darren Cunninghams, dass eine verhältnismäßig große Hörerschaft von einem Prozess in Kenntnis gesetzt wird, der sonst eher im Verborgenen abläuft: Abseits des Mainstreams differenziert sich die elektronische Musik seit geraumer Zeit maximal aus. In diesem Jahr hat dabei niemand unkonventioneller und subtiler ein derart breites Publikum erreicht als Actress. Seine Stücke entziehen sich der herkömmlichen Erwartungshaltung und versanden gern in transparenten, repetitiv-meditativen Zwischenräumen. Wer sich hierfür die Zeit nimmt und „R.I.P“ nach und nach erschließt, wird am Ende belohnt mit 15 auditiven Deklinationen von „digitale Schönheit“. Mehr kann man von einem Album eigentlich gar nicht erwarten. (Constantin Rücker)


Miguel

„Kaleidoscope Dream“

[RCA]

Rezension | Homepage

Miguel lieferte sich in diesem Jahr zusammen mit Frank Ocean das Kopf-an-Kopf-Rennen um den sonnigen Platz an Jessie Wares Seite auf dem R´n´B-Thron. Sowohl Ocean als auch Miguel haben großartige Alben vorgelegt, sind Meister in Sachen Selbstvermarktung, Bühnenpräsenz oder Songwriting. Und: die Alben der beiden können auch ihre jeweiligen Schwächen nicht vollkommen verbergen. Eine der eklatantesten auf „Kaleidoscope Dreams“ hört auf den Namen „Do You…“ und ist in meinen Ohren ein besonders gutes Beispiel für einen belanglosen Popsong. Auf Miguels Debütalbum stellt er glücklicherweise eine Ausnahme dar. Jedoch sollten derartige Tracks auch in Zukunft die Ausnahme bleiben, sonst setzt sich im nächsten Jahr wieder ein lachender Dritter, wie The Weeknd, die R´n´B-Krone auf. (Constantin Rücker)


Kendrick Lamar

„good kid, m.A.A.d city“

[Interscope]

Rezension| Homepage

Die Einzigartigkeit von „good kid, m.A.A.d city“ lässt sich kaum in Details ermessen. Das Szenario vom guten Jungen in der bösen Stadt („m.A.A.d. city“ steht wahlweise für „My Angry Adolescence Divided“ oder „My Angel’s on Angel Dust“) mag altbekannt und klischeebeladen vorkommen. Die Art und Weise, in der sich unterschiedliche Geschichten, Charaktere und Zeitebenen zu einem dichten, autobiographischen Mosaik fügen, ist dennoch absolut außergewöhnlich. Bandbreite, Dichte und Konsequenz machen dieses Album zu einem Erlebnis, das an Intensität seinesgleichen sucht. Es scheint, als hätte der HipHop der Zehnerjahre sein erstes großes Epos und das ausgerechnet von der altehrwürdigen Süddeutschen geschaffene Etikett “California Noir” nach Frank Ocean sein zweites Meisterwerk gefunden. (Bastian Heider)


Burial

„Kindred EP“

[Hyperdub]

Rezension | Label

Feuerwerk. Burial führt einmal mehr in tiefere Schichten partyinduzierter Wahrnehmungs-Twins und Erinnerungsmuster. Vocals und Sounds, als halluzinierte Relikte der „Nacht“, Muster vage verknüpfter Synapsen gefiltert durch die „Ohren danach“. Dabei gelingt ihm der paradoxe Spagat, irgendwie soweit wie möglich am Floor vorbeizuziehen, seine Beats dabei aber extrem crisp und einfordernd klackern und kicken zu lassen – es überwiegt 4 to the floor -, sodass der Floor dann doch wieder in Schlagweite rückt. In seiner Alleinstellung ist Burial wohl nur mit The xx zu vergleichen und strahlt so solitär, dass Epigonen rar sind. (Mark-Oliver Schröder)


Tame Impala

„Lonerism“

[Modular]

Rezension | Homepage

Das zweite Album manifestiert die Australier um Sänger Kevin Parker und dessen John-Lennon-Stimme endgültig als freie, wilde und reinkarnierte Beatles. „Lonerism“ ist so beatle-esk wie nur vorstellbar. Aber welche Beatles? Vielleicht in etwa die Songs von „Revolver“, zur Zeit des weißen Albums eingespielt? Oder doch die Songs des weißen Albums, zu Abbey-Road-Zeiten aufgenommen? Psychedelisch waren Gitarren und Songs von Tame Impala ja schon auf dem Erstwerk „Innerspeaker“, nun prescht der Psychedelic Rock aber noch gehörig und mit heißem Atem nach vorn. Dabei verlieren Tame Impala nichts von ihrer anachronistisch entspannten Grundhaltung und reflektieren sich als und durch Retro der stilvollsten und gelehrtesten Sorte. Stil bedarf keiner Neuheit, sofern er stilvoll ist. (Sebastian Schreck)


John Talabot

„ƒIN“

[Permanent Vacation]

Rezension | Homepage

Wenn es 2012 im weiten Feld elektronischer Tanzmusik eine Platte gegeben haben sollte, auf die sich nun wirklich alle einigen konnten, dann dürfte das wohl zweifelsohne das Debütalbum von John Talabot gewesen sein. Dabei lag „ƒIN“ erfreulich weit entfernt von jeglicher Anbiederung an den Zeitgeist, der sich in diesem Jahr angesichts des drohenden Weltuntergangs stärker denn je in Richtung Schwarzmalerei und kalter Industrial-Ästhetik verschob. Davon völlig unbeindruckt türmte der Katalane auf seinem Longplayer kleine Meisterwerke aus luftigem, sonnendurchflutetem House zusammen, die zwischen Panda-Bearigen Vocals, Urwaldgeräuschen und DFA-Hipsterdisco wirklich jeden für sich vereinnahmen konnten. Die glitzernde Discokugel verschwamm hier für einen kurzen Moment der Glückseeligkeit mit der rot leuchtenden Sonne am Balearenstrand. (Bastian Heider)


Frank Ocean

„channel ORANGE“

[Island]

Rezension | Homepage

Es mag vom stimmlichen Potential her größere Sänger als Frank Ocean geben, doch wenigen seiner Kollegen gelang in den letzten Jahren eine so aufrichtig emotionale Performance wie „Bad Religion“, nur einem von vielen Highlights dieses Albums: Zum anbetungswürdigen Streicherarrangement schildert er ein denkwürdiges Taxi-Zwiegespräch, das je nach Deutungsweise verschiedene Textebenen wie unerwiderte Liebe, persönliches Coming Out, Islamophobie und allgemeine Religionskritik miteinander vermischt. Nicht nur, dass Ocean Interessanteres zu erzählen hat als Drake und bessere Songs schreibt als The Weeknd. Nein, in seiner einzigartigen Übersetzung alter Soul-Tugenden in ein durch und durch modernes Gewand verleiht er dem oft als als reine Verwertungsmusik verunglimpften Genre ein feuilletonistisches Ansehen, das es in diesem Ausmaß – ohne jetzt große Namen heraufzubeschwören – schon lange nicht mehr besaß. (Bastian Heider)


Grizzly Bear

„Shields“

[Warp]

Rezension | Homepage

Zusammen mit Animal Collective und Dirty Projectors bilden Grizzly Bear inzwischen eine Art magisches Dreieck. Nicht, weil sie ihren Output jeweils in verdächtig ähnlichen Zyklen veröffentlichen und sich nebenbei in Solo- und Nebenprojekten austoben. Nein, viel wichtiger, diese drei Bands eint vor allem, was heute fast zur Rarität verkommen ist: Kontinuität. Grizzly Bear gelingt es auf dem im Vergleich zum tollen Vorgänger „Veckatimest“ deutlich albumfokussierteren „Shields“, die gesammelten Banderfahrungen auszuspielen, ohne den Spielwitz früher Tage einzubüßen. Auch die Stimmen von Daniel Rossen und Ed Droste waren nie besser aufeinander abgestimmt als heute. So begeistert „Shields“ vom turbulenten „Sleeping Ute“ bis zum opulenten Abschluss in „Sun In Your Eyes“ auf ganzer Linie. (Pascal Weiß)


Julia Holter

„Ekstasis“

[RVNG Intl.]

Rezension | Homepage

Während sich Julia Holters Verständnis von Pop auf „Tragedy“ noch regelmäßig zwischen weitläufigen Drones und collagierten Field Recordings verlor, kehrt „Ekstasis“ das Innere nach außen und durchflutet die offenen Räume mit verhaltenem Schönklang. Aus statischen Drones erheben sich expressive Melodiebögen und stoische Mantras geschichteter Stimmen versinken in ätherischen Texturen, aus deren Mitte sich stringente Popsongs („In The Same Room“) ihren Weg ins Freie bahnen. „Ekstasis“ windet sich in stetiger, sachter Bewegung, nimmt überraschende Wendungen und gleitet in zuvor verborgen liegende Verästelungen. Dass es Holter gelingt, ihre Vision in eine universellere Sprache zu übersetzen, ohne sich in vorhersehbaren Strukturen zu flüchten oder ihrer Vorliebe für experimentelle Lo-Fi-Ästhetiken den nötigen Raum zu nehmen, verleiht diesem Artpop-Ansatz, der Referenzpunkte wie Laurie Anderson und Klaus Nomi auf angemessene Distanz zu halten vermag, die nötige Relevanz. (Till Strauf)


Swans

„The Seer“

[Young God]

Rezension | Homepage

Die Lust des Michael Gira am Unheil. „The Seer“ ist fleischgewordener Wahnsinn. Manisches Drängen und Dräuen in jedem sich bietenden Augenblick und ein ständig widerborstiges Ungetüm, das vor nichts und niemandem Halt gemacht hat und sicherlich auch nicht haltmachen wird. Auf 30 Minuten klingenden Wahnsinn im Titelstück folgen hier nahezu zerbrechliche Folkminiaturen, vokales Ostinato oder brachiale Opulenz. Kontroverser wurde in diesem Jahr nur selten mit Musik an sich umgegangen, doch genau hier liegt die Stärke der in großen Teilen in Originalbesetzung aufspielenden Swans: Nie wurden Lärm und Lust so kunstvoll miteinander verwoben wie auf diesem Doppelalbum. (Carl Ackfeld)


Flying Lotus

„Until The Quiet Comes“

[Warp]

Rezension | Homepage

Nach seinem großartigen, aber sperrigen Ausflug in kosmische, free-jazzige Gefilde mit „Cosmogramma“ landet das Mothership wieder auf der Erde. Flying Lotus verschiebt seine musikalischen Koordinaten mit „Until The Quiet Comes“ weiterhin in Richtung Jazz, allerdings diesmal eher in die Richtung seiner Tante Alice Coltrane, deren Harfenspiel man teilweise fast zu hören glaubt. Herausgekommen ist dabei, in Zusammenarbeit mit alten (Niki Randa, Thundercat, Thom Yorke) und neuen MitstreiterInnen (Erykah Badu), nicht weniger als das wohl eingängigste und introspektivste Flying-Lotus-Album. (Mark-Oliver Schröder)


Royal Headache

„Royal Headache“

[R.I.P. Society/XIII/What’s Your Rupture?]

Spot | Homepage

Nicht nur denjenigen, die den Bruch der Thermals zwischen deren drittem und viertem Werk bis heute nicht verstehen wollen, bereiten die in Sydney beheimateten Royal Headache auf ihrem gleichnamigen Debüt die helle Freude: Mit euphorischen Lo-Fi-Powerpop-Hymnen wie „Psychotic Episode“ oder „Pity“ und verschwenderisch dosiertem Punk-Schweiß im ausgeblichenen Kaputzen-Pulli schütteln sie gleich mehrere Anwärter für die Wahl zum Song des Jahres aus ihren leeren Büchsen. Damit stehen sie derzeit stellvertretend für die spannende australische Musikszene – und darüber hinaus. Nachdem erst kürzlich bekannt wurde, dass Royal Headache im kommenden Jahr (u.a. nebst Superchunk) auf einer 7“-Reihe von Matador vertreten sein werden, macht sich nicht nur das gesamte AUFTOUREN-Team bereits insgeheim Hoffnung, die Band alsbald auch ohne ermüdenden 24-Stunden-Flug erleben zu können. (Pascal Weiß)


Animal Collective

„Centipede Hz“

[Domino]

Rezension | Homepage

Das Album nach dem Album nach dem Album: Wie kaum eine andere Band verknüpfen die New Yorker Animal Collective Eingängigkeit mit Anspruch, entwerfen quietschbunte Welten irgendwo zwischen semipsychedelischem Freak-Folk und Prog-Pop mit Sprungfedern. Dass Panda Bear, Geologist, Avey Tare und Rückkehrer Deakin mit „Centipede Hz“ nun schon das mindestens dritte Meisterwerk in Folge komponiert haben, ohne sich selbst zu kopieren, ist überdies eine herausragende Leistung. Stücke wie das eklektisch wirbelnde „Today’s Supernatural“ oder der dynamische Fruit-Loop „Applesauce“ spielen mit dem Hörer, wickeln ihn um den Finger. „Centipede Hz“ ist vielleicht das bis dato offensichtlichste, zugänglichste Werk des Quartetts, kann aber als Beweis gesehen werden, dass hier nicht alles der reinen, verkopften Kunstfertigkeit wegen passiert. Erstaunlich. (Kevin Holtmann)


Dirty Projectors

„Swing Lo Magellan“

[Domino]

Rezension | Homepage

Wenn Sänger Dave Longstreth mit „Swing Lo Magellan“ das Songwriting in den Vordergrund zu stellen meint, vermuten Ungläubige immer noch intellektualistische Überkonzeptualisierung und Hipster-Prätention, Kunst als Verunglimpfung. Komplimente, die sich sonst nur Radiohead verdienen. Derweil die Spuren auch nach 10 Jahren Bandgeschichte sich nur schief umgarnen, so fügen die Dirty Projectors Folk, Pop, Soul, Electro, Prog, Rock und eine gehörige Portion Eigensinn tatsächlich zu nichts Geringerem als großartigem Songwriting und zauberhaften Songs, zu eingängigem und wichtigem Pop, zu Kunst als Kompliment zusammen, womit sie alle messianische Verehrung rechtfertigen und weiter befeuern. Tanzen kann man dazu mit Hingabe und Übung auch und umso besser. Ohne Antwort zwar, aber nah dran. (Sebastian Schreck)


Die mobile Version verlassen