Musik erfüllt eine einzigartige Funktion: Sie kann Menschen an fremde Orte und in vergangene Zeiten schicken, von denen man sonst bestenfalls träumen würde. Dem Londoner Neo-Soul-Youngster Michael Kiwanuka gelingt eine solche Zeitreise mit seinem Debüt „Home Again“ auf wundervolle Art und Weise. Der Hörer wähnt sich in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren, spürt samtenen Wind auf nackter Haut, riecht den Frühling, den Aufbruch, vielleicht sogar eine kleine, innere Revolution. Auch ohne konkret-politische Inhalte.

Dabei stellen die zehn Songs viel mehr dar als den vielseits gelobten Neo-Soul, der sowohl bei Kritikern als auch Musikfans Anklang findet. „Home Again“ ist gespickt mit großartigen Folk-Melodien und verspielten Jazz-Momenten und in manchen Augenblicken hat Kiwanuka gar den Blues. Nie wirken seine bewusst auf Retro frisierten Stücke anbiedernd oder konstruiert. Die klassische Instrumentierung ist angenehm oldschool-behaftet, Kiwanukas Timbre überzeugt, seine Lieder sind authentisch und echt, einmal melancholisch wie das ruhige „Rest“, ein andermal aufbrausender wie der brillante Opener „Tell Me A Tale“, der mit sensationellen Bläsern aufwartet.

Was obendrein feststeht und bislang noch nicht erwähnt wurde: Mit dem besagten Eröffnungsstück und dem folgenden „I’m Getting Ready“ ist dem jungen Londoner sicherlich einer der besten Albumstarts im Jahr 2012 gelungen. Feingliedrig und zart erklingt so auch der zweite Song, der ganz nah dran ist an der sensiblen Atmosphäre eines Nick Drake circa „Pink Moon“. Das Herz schlägt höher, die Lider schließen sich, Erinnerungen werden wach. Es fällt schwer, im Hier und Jetzt zu bleiben, selbst dem hartnäckigsten Realisten rieselt die Zeit wie Sand durch die Finger. Musik, die so etwas leisten kann, ist generell viel wert.

„Home Again“ ist tief verwurzelt in der Vergangenheit und doch mehr als ein bloßes Abziehbildchen bekannter Größen. Seltsamerweise evoziert Kiwanukas Debüt ähnliche Bilder wie „The Suburbs“ von Arcade Fire: Vorstadtjugend, die ersten Sommerferientage, Schmetterlinge im Bauch, akutes Schmetterlingssterben, Sehnsucht, Melancholie und Alltag. Nur nutzt der Londoner Newcomer eben völlig andere Mittel. Er wandelt auf den Wegen des Jazz, des Souls, des Blues. Seine Begleiter heißen Saxofon und Tambourin, Rhodes und – aufgepasst – Bambusflöte. Seine sorgsam komponierten Stücke sind vielfältig und zartbesaitet, manchmal verirren sich gospelhafte Backings in die Szenerie, dann sind wieder nur Kiwanuka und seine akustische Gitarre im Bild.

Selbst wenn die zweite Albumhälfte gegenüber der rundum gelungenen ersten etwas abfällt, bleibt Kiwanukas Debüt ein in sich geschlossenes und überzeugendes Werk. Das hymnische Titelstück oder das atmosphärische „Always Waiting“ sind weitere Beispiele für Kiwanukas feines Händchen. Er veröffentlicht mit „Home Again“ ein homogenes, schlaues und stilbewusstes Album, das mit den Füßen im nassen Gras steht, während die Ohren in den sonnigen Wolken der Vergangenheit schlackern.

76

Label: Polydor

Referenzen: Otis Redding, Nick Drake, Aloe Blacc, Bill Withers, Curtis Mayfield

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VÖ: 09.03.2012

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