MiguelKaleidoscope Dream

Was ist die Quintessenz des R’n’B wenn nicht die Stimme und das, was sie transportiert? „These lips can’t wait to taste your skin“, hallt so eine Stimme in „Adorn“ durch den Raum. Darunter: ein wohlig pumpender, knarzig unterstrichener Beat. Darüber: ein feuchtes Klicken und zerfetzte Snares. Drumherum: ein schwummriger, spätnächtlicher Ambientpuls – und nicht viel mehr. Seine in dieser Umgebung völlig vereinnahmende Melodie entstammt keinen dicken Instrumentalhooks, sondern dem Gesangsorgan von Miguel Jontel Pimentel.

Der allein unter seinem Vornamen agierende Amerikaner hätte diesen wundervollen Song, der bereits Anfang des Jahres seine „Art Dealer Chic“-EP-Serie eröffnete, bequem als Erfolgsrezept für ein ganzes Album nehmen können. Doch sein zweiter Longplayer ist gerade das Gegenteil eines einzelnen Sound- und Stilentwurfs: Mit sich selbst als Dreh- und Angelpunkt ist Miguel gewillt, keinen Song wie den darauf folgenden klingen zu lassen. „Kaleidoscope Dream“ ist ein facettenreiches Meisterwerk des modernen R&B.

So klingen im sonnig anfrittierten Gleiten von „How Many Drinks?“ das meteorologische und auch musikalische Klima seiner Heimat L.A. durch (nicht nur in Musikvideos hängt er in der Brainfeeder-Nachbarschaft rum), während „Don’t Look Back“ in dunklen Sphären von nahezu einem halben Dutzend Vocal-Schichten zu intensiver Dramatik verengt wird, ohne überfrachtet zu wirken. „Candles In The Sun“ ist auch ohne Lennon-Sample von Hippie-Geist durchweht, „Where’s The Fun In Forever?“ zu oldschooligem Boom-Bap von einem dicken, freilaufenden Bass und instrospektivem Moll-Piano geprägt (und nebenbei der einzige Song, in dem mit Alicia Keys‘ kurz eine andere Stimme zu hören ist – selbst der Rap auf „How Many Drinks“ kommt von Miguel). Der dritte und drittletzte Song des Albums besitzen durch rollenden E-Bass und schallenden Perkussions-Antrieb beide stadionrock-bombastische Züge, sind aber unverwechselbar: In „Use Me“ lässt Miguel sich mitreißen („I’m overwhelmed by tasty thoughts of you / They true, my body waving the white flag / Take me, yeah, ah baby“), gibt unter zelebratorischen Fanfaren die Kontrolle auf während der ohnehin angespannte Refrain auf seinen Höhepunkt zuläuft. „Arch & Point“ ist voluminös und druckvoll, massiert zu zartmelodischen Synth-Pirouetten tieftönig das Ohr und zeigt Miguel erneut lüstern, hier aber tonangebend – oder eher Stellung angebend, was von einem Stöhnen im Schlafzimmer quittiert wird.

Keine Frage, dies ist meist karnale, sinnliche, erotisierte Musik – oder auch gleich Sex mit Vorspiel. Ohne den selbsterhöhenden Narzissmus eines The-Dream oder The Weeknds misogynen Nihilismus ist Miguel ein deutlich charmanterer Lothario als manche seiner Kollegen, selbst das potentiell bedenkliche „Pussy Is Mine“ zeigt sich bemerkenswert von besitzergreifendem Anspruch entfernt. Geradezu verschämt ist der Song inszeniert, aus der Perspektive eines unbemerkten Mithörers schleicht man sich an, nimmt Miguel heimlich dabei auf, wie er den Song an seiner Akustikgitarre einspielt. Die Adressatin des Textes bezichtigt er zwar der Untreue, klingt darüber jedoch eher resigniert, grenzdevot seine Abhängigkeit eingestehend („We both know I’m not the only one when I’m there / You treat a nigga real good, and that’s probably why I always come“). Nun braucht es mehr als nur ein cleveres, ungewöhnliches Arrangement, um solche und andere Textnuancen vom Papier in einen Song zu bringen. Es ist die Ausdrucksstärke von Miguels Stimme, die so manches genussvoll gestaltet, was aus anderen Mündern billig, plump („Do you like drugs? Do you like hugs?“) oder verlogen klänge. Gesangslinien, die reiner Intuition erwachsen wirken, intoniert er so zielsicher wie er sie in seinen Produktionen anordnet.

Zwar hat Miguel nicht alles (wie „Adorn“ und „Arch & Point“) alleine produziert, doch ist „Kaleidoscope Dream“ fraglos ganz sein Ding – wenn nicht alleine, so hat er co-produziert (u.a. mit Salaam Remi das Titelstück und „How Many Drinks?“) oder zumindest an einem Instrument gesessen. Praktisch alle Stücke spielen gezielt aufeinander an: Ob das luftig-befunkelte „Kaleidoscope Dream“ über Fadeout in die prompt aufspielende New-York-Hedonismusode voller Schmelz-Synths „The Thrill“ führt oder ein dunkel beblubbertes „Time Of The Season“-Zitat ins aufhellende „Use Me“, Gegensatz ist Trumpf – so sehr, dass der frakturierte Eindruck überragender Einzelsongs anfangs keine einheitliche Gesamtschiene erkennen lassen mag. Doch anders als so oft bei modernen R’n’B-Alben, die zwischen kommerziell erfolgreichem Dancepop und klassischeren Genresounds schizophren oszillieren, formuliert „Kaleidoscope Dream“ opulent stimmungsstarke Musik als multiple Facetten dessen, was konstant in ihrem Zentrum steht: die Stimme. Und was für eine.

83

Label: RCA

Referenzen: Prince, Spiritualized, Thundercat, Jhené Aiko, Marvin Gaye, David Bowie, The-Dream

Links: Homepage | Facebook | Soundcloud | Art Dealer Chic

VÖ: 02.10.2012

8 Kommentare zu “Miguel – Kaleidoscope Dream”

  1. Ich kann mich dir eigentlich nur anschließen. was miguel musikalisch abliefert, hätte ich mir von frank ocean gewünscht.
    dessen album doch (im rückblick) musikalisch eher konventionell zu nennen ist. woran das gelegen haben könnte, kann man mit einem blick in die produzenten-credits feststellen. wo ocean allerdings immer noch die nase vorn hat, ist der für das genre unerlässliche vokalschmelz.
    nichtsdestotrotz, miguel liefert hier eine der besten, wenn nicht sogar die beste r’n’b platte des jahres.

  2. Ich finde es ja unfair, die beiden Alben immer wieder miteinander zu vergleichen.
    Beide haben doch einen ziemlich unterschiedlichen Ansatz, das Genre zu erneuern. Ocean versteht sich mehr als klassischer Singer/Songwriter, der sich textlich weit über den R’n’B-Standard hinauswagt. Auch von der Form und Konzeptualität (mit den ganzen Interludes, etc.) ist sein Album weitaus ambitionierter und feuilletonkampatibler. Der relaxte, irgendwie reflektiert klingende aber nicht unemotionale Gesang ist zudem ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal.
    Miguel hingegen ist musikalisch spektakulärer, bewegt sich aber inhaltlich in bekannten Grenzen und Klischees – wenn auch wesentlich charismatischer und weniger sexistisch als viele seiner Kollegen.
    Tolle Alben haben letztendlich beide gemacht.

  3. auch ich finde beide alben toll.
    aber ich hatte nach nostalgia, ultra einfach was anderes erwartet und auch der miguel fehlt ein bisschen der dreck der art dealer chic-trilogie.

  4. Doppel-LP ist heute eingetroffen, inklusive FBI-Antipirateriewarnung auf der Rückseite. Wusste gar nicht, dass Vinyl-Rips bei Major-Alben so ein grassierendes Problem sind :)

  5. Pascal Weiß sagt:

    @Uli: Zur Vinyl-Ausgabe: Fallen die Tiefen auf der A1-Seite bei Dir auch so krass aus? Sonst macht das wohl mein Plattenspieler.

  6. Ist sicher nicht die beste Pressqualität, bei mir kommen die Bässe aber nicht zu stark durch, insbesondere nicht dort mehr als auf anderen Seiten.

  7. […] Single, ein ganzes überragendes Album konnte der Mann aus Los Angeles 2012 für sich verbuchen. „Kaleidoscope Dream“, dessen kühne Neon-Nebel-Nacht-Klangvisionen Miguels lustvoller Stimme einen denkwürdigen […]

  8. […] „Love is war“ auf „Tug Of War“ (dem einzigen Stück, das nicht von Druski, sondern von Miguels Kollaborateuren Fisticuffs produziert wurde) und „Take it high / til you get enough (til I get […]

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