BurialKindred

Die Popkultur braucht ihre Mythen. Aus Legendenbildung erwächst Kultstatus, der sich nicht selten auf die Divergenz zwischen künstlerischer Selbstinszenierung und medialer Rezeption stützt. Noch immer weiß man verhältnismäßig wenig über den „Meister des Dubsteps“, das „Wunderkind“ aka William Bevan, der wohl am liebsten gänzlich anonym geblieben wäre, hätte die britische Zeitung The Independent seine Identität nicht ans Tageslicht gezerrt.

Zumindest wollen wir das gerne glauben. Nicht umsonst spricht Bevan in den sporadisch gegebenen Interviews mit einer nostalgiebeflissenen Begeisterung über die Prä-Internet-Ära. Eine Zeit, in der Produzenten und DJs deshalb aufregend und geheimnisvoll schienen, wenn man außer ihren Künstlernamen nichts über sie wusste. Auch im Falle Burials kongruierte die Aura des Mysteriösen wunderbar mit der minimalistisch-dunklen Soundästhetik dieser bassfixierten 2-Step-Variante, mit der der große Unbekannte 2006 – die kurz vorm Siedepunkt stehende Dubstep-Euphorie im Rücken – zum „kleinen“ Superstar avancierte. Doch bereits das 2007 folgende „Untrue“ entzog sich jeglicher schlagwortartigen Kategorisierung und festigte Burials Ruf als Ausnahmetalent. Hier vollzog Bevan das, was er wohl schon immer betrieben hatte: Die losen Enden verblassender Clubgenres wie Garage, Jungle und Drum´n´Bass mit Elementen aus House, Rave und Ambient zu der für ihn typischen melancholischen Melange zu verknüpfen.

Ab 2008 wurde es dann deutlich ruhiger. Von ein Paar Kollaborationen abgesehen, war die letztjährige „Street Halo“-EP das erste handfeste Lebenszeichen seit knapp vier Jahren. Trotzdem (oder gerade deshalb) scheint die Begeisterung für Burial ungebrochen und zieht sich mittlerweile durch die verschiedensten Lager musikalischer Geschmäcker. Das ist wohl auch darin begründbar, dass sich Burials Musik nach wie vor am adäquatesten auf Kopfhörern entfaltet, während das Faszinationspotential anderer Dubstep-Produktionen zumeist an die Leistungsfähigkeit professioneller Club-Beschallungsanlagen gekoppelt scheint. Das ist sicherlich keine Neuigkeit, doch kann gerade im Zusammenhang mit „Kindred“ erneut unterstrichen werden.

Auch wenn „Loner“, das zweite von drei Stücken auf „Kindred“, dem Dancefloor ungewohnt nahe kommt. Aus weitläufigen Ambientsynthies und den für Burial so typischen „Störgeräuschen“ (weißes Rauschen, Knistern, Knacken usw.) schält sich nach 50 Sekunden ein ungewohnt treibender House-Beat. Die melancholische Schwere der flächigen Bassfigur trifft auf klinische Rave-Arpeggios und Bruchstücke verhallter Housevocals, die immer wieder durch besagte Störgeräusche überlagert werden. Gleich einer zu oft gespielten Dubplate erscheint „Loner“ als dunkle Reminiszenz an vergangene Hochzeiten britischer Clubkultur und endet, wie es begann. Nach etwa sechs Minuten fadet der Beat zurück ins Rauschen, ein an Donner erinnernder Scratchsound setzt ein und wird nur kurz durch ein flehendes „Hold on“ durchbrochen. Ganz so, als versuche der soeben in die graue Trostlosigkeit großstädtischer Urbanität zurück entlassene Clubgänger ein Stück des eben erlebten fest zu halten.

Wem das zu viel Interpretation ist, halte sich an die Fakten: Umschlossen wird „Loner“ vom Titelstück „Kindred“ und dem finalen „Ashtray Wasp“. Beide Stücke bringen es auf eine für Burial ungewöhnlich lange Spielzeit von über elf Minuten. Ersteres setzt auf die altbekannte Mischung aus massivem, aber bedrohlich zerstört klingendem Bass und verlangsamtem Jungle-Beat, über den sich hoch-gepichte Vocals legen, zeitgleich das Gefühl gedämpfter Melancholie und fragiler Versöhnlichkeit evozierend. Nach gut vier Minuten entlässt uns das Stück in einen kurzen Moment der Stille, ein Geräusch, als würde Devan ungeschickt die Platte wechseln und ein in die Ferne gerückter Bassdrumschlag – wiederum verhallendem Donner nicht unähnlich – treten ins Nichts, bevor das vom Bass unterlegte Vocalsample den Wiedereintritt ins Stück ankündigt. Was sich hier wenig spektakulär liest, gestaltet sich jedoch als ungemein stimmungsvolle Hörerfahrung. Atmosphäre ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil dieser Musik, dessen Aufbau Burial wie nur wenige beherrscht. Nach etwa sechs Minuten setzt das Stück auf ähnliche Weise erneut aus, gleitet jedoch in einen abgewandelten Teil über.

Die Erweiterung dieser Arbeitsweise bestimmt das abschließende „Ashtray Wasp“. Im ersten Teil vereinen sich Rave-Arpeggios mit wechselnden Synthiepads und ätherischen Vocalloops über einem verhalten stampfenden Bassdrum-Puls, der sich erst nach vier Minuten zum Housebeat steigert. Nach einer Phase tranceartiger Richtungslosigkeit bricht das Stück nach knapp sieben Minuten buchstäblich in sich zusammen und kehrt mit einem an Minimal Techno erinnernden Endteil zurück, dessen Glockenklänge fast zu Folktronica weisen.

Dabei vergräbt sich Bevan tiefer als je zuvor in die von ihm geschaffene Welt, die aus einem unüberschaubaren System dunkler U-Bahnschächte bestehen zu scheint. Anfangs bleibt ungewiss, welche Abzweigung er als nächstes nehmen wird. Auch, wenn es hier weniger um soundästhetische Innovationen – nichts auf „Kindred“ klingt für sich genommen wirklich neu – als um die Gesamtwirkung eines künstlerischen Konzepts geht, für dessen Verordnung Genregrenzen zusehends unwichtig werden. Es ist die Balance aus Kohärenz und Abweichung, die die Abschnitte seiner auseinanderdriftenden und sich wieder vereinenden Arrangements zusammenhält. Es ist das Innehalten und Weitergezogen-werden, das Sich-verlieren in atmosphärischen Tiefen, das kurze Aufblitzen großer Emotionalität und das erneute Versinken in geisterhafter Formlosigkeit, das Burials Musik so spannend macht.

87

Label: Hyperdub

Referenzen: Kode9, Photek, Skream, Four Tet, Boards Of Canada, Sepalcure

Links: Discogs | Label | Audio-Clips

: 16.03.2012

5 Kommentare zu “Burial – Kindred”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Weiß einer von euch, ob die für April angekündigte Doppel-EP Street Halo/Kindred auch als Vinyl erscheinen wird? Dann würde ich mir die Kindred nämlich jetzt sparen.

  2. Nein, das ist der Japan-Import den’s nur auf CD gibt.

  3. Doc sagt:

    Tolle Rezension und starke EP!

  4. […] in den vergangenen dreizehn Wochen gerade mal fünf Platten in die AUFTOURENLIEBE geschafft haben: Burial (87%) und Julia Holter (86%) ganz vorn, dahinter John Talabot (82%), Speech Debelle (81%) und […]

  5. […] wieder abrupte Brüche ein und am Ende weht sogar tatsächlich so etwas wie das Déjà-vu von „Kindred“ in Fast Forward durch den […]

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