Eigentlich sollte dieser Text schon vor einigen Tagen erscheinen, doch durch einen Festplattencrash und einige entnervte Stunden sitze ich nun schon wieder vor dem fast leeren Blatt/Bildschirm. Im Endeffekt vielleicht nicht der schlechteste Wink des Schicksals, denn im Grunde wächst mit jedem Hördurchgang, jedem weiteren verstrichen Tag die Gewissheit, dass hinter Kendrick Lamars Major-Debüt mehr als nur der nächste große und lang gewachsene Hype steckt und dass dieser junge Mann die geradezu messianisch auf ihn projizierten Hoffnungen tatsächlich erfüllen kann. 

Aber mal ganz auf Anfang: Kendrick Lamar (straight out of Compton), das ist für diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben sollten, der von niemand Geringerem als Dr. Dre persönlich gekrönte „New King Of West Coast“, nebenberuflich Anführer des „Black Hippy“-Kollektivs, der gemeinsam mit Odd Future derzeit wohl heißesten Crew im Hip Hop. Sein exklusiv als Download erschienenes Debütalbum „Section.80“ gehörte zu den interessantesten Rap-Veröffentlichungen des letzten Jahres, seine Technik, Skills, Aura oder was auch immer einen als MC sonst noch auszeichnet sind so unwiderstehlich, dass eigentlich sogar ein mittelmäßig zusammengeklotztes Blockbuster-Album mit zahlreichen prominenten Gastauftritten gereicht hätte, um damit in die endgültige Rap-Championsleague aufzusteigen.

Doch Erwartungen sind für den Mann, der sich vor ein paar Jahren noch K.Dot nannte, anscheinend dazu da, um übertroffen zu werden, denn „good kid, m.A.A.d city“ ist zum krönenden Abschluss dieses wirklich außergewöhnlichen HipHop-Jahrgangs so gut geworden, dass ich bei allem Herumlamentieren an dieser Stelle keinen anderen Ausweg weiß, als mich in die Schlange der speichelleckenden und lobhudelnden Rezensenten einzureihen. Sagen wir es einfach so: Kendrick Lamars Debütalbum ist in seiner Konzeptualität, seiner erzählerischen Dichte, seiner musikalischen Vielfalt und ja – seiner Authentizität (hat nichts mit Schussnarben, „sich treu bleiben“ oder dergleichen zu tun) das eindrucksvollste Rap-Zeugnis seit langer, langer Zeit.

Was Kendrick Lamar dabei vor allen anderen auszeichnet, ist dass er trotz seiner Reputation als neuer Westküsten-König keine der aktuellen oder traditionellen Rap-Strömungen bedient. Er ist kein posender G-Funk-Rüpel, kein Conscious-Rapper, kein durchgeknallt spittender Party-MC, erst recht kein HipHop-Hipster, sondern irgendwie das Beste von allem und doch ganz eigen. Seine Geschichte vom guten Jungen in der bösen Stadt („m.A.A.d. city“ steht wahlweise für „My Angry Adolescence Divided“ oder „My Angel’s on Angel Dust“) mag altbekannt und klischeebeladen vorkommen. Die Art und Weise, in der sich unterschiedliche Geschichten, Charaktere und Zeitebenen zu einem dichten, autobiographischen Mosaik fügen, ist dennoch absolut außergewöhnlich. Es würde den Textrahmen sprengen, all die zusammenhängenden Erzählstränge im Detail nachzuvollziehen (eine empfehlenswerte Analyse des Gesamtwerks findet sich bei den Kollegen von The Shirker) – Lamars ausgeprägter Hang zur Konzeptualität geht jedoch weit über die Textebene hinaus. Auch musikalisch hat „good kid, m.A.A.d city“ in seinem Schöpfen aus dem Vollen der HipHop-Moderne wie -Vergangenheit immer nur – und das ist in diesem Genre selten – das Voranbringen der Storyline und Songs im Sinn. Da bekommt ein völlig größenwahnsinniger Banger wie „Backseat Freestyle“ eines der abgefahrendsten Subbass-Monster des Jahres spendiert, da tauchen in „m.A.A.d. city“ plötzlich Golden-Era-Referenzen auf, wenn Kendrick mit aufgekratzter Stimme aus Sicht seines jüngeren alter Egos rappt. Selbst die Gastauftritte von Dre, Black-Hippy-Homeboy Jay Rock und sogar Drake (bezeichnenderweise im Liebeslied „Poetic Justice“) fallen nicht aus dem Rahmen, sondern unterstützen perfekt sitzend den unwiderstehlich voranschreitenden Sog des Albums.

Einzelne Songs, die vorab vielleicht für Fragezeichen sorgen konnten, werden dadurch im Albumkontext stärker. „Backseat Freestyle“ etwa, das im Wesentlichen aus hanebüchener jugendlicher Selbsterhöhung „big as the Eiffel Tower“ besteht, bekommt vom nachfolgenden hypnotischen „The Art Of Peer Pressure“ geradezu den Boden unter den Füßen weggezogen. „Good kid“ Kendrick gerät in den Strudel aus Drogenkriminalität, „jumping on people und immer mehr Gewalt. Der übliche Scheiß einer typischen Comptoner Karriere eben, der sich im Verlauf immer weiter zuspitzen soll und im großartigen, von Pharell dezent retro-verdelten Titeltrack seinen Höhepunkt findet. Die vorab schon als Single veröffentlichte Anti-Alkohol-Hymne „Swimming Pools (Drank)“ wirkt in diesem Zusammenhang weniger moralin, sondern als depressiver Tiefpunkt, untermalt von düster-futuristischen Synthie-Schauern.

Höhepunkte finden auch immer dann statt, wenn Lamar innerhalb von und zwischen einzelnen Songs, Stimmungen, Stimmlagen, Flows und Tempi wechselt wie andere MCs ihre Unterhosen und auch sonst Dinge abzieht (Singen zum Beispiel), die man als einigermaßen kredibler Rapper eigentlich nicht versuchen sollte. Im smoothen „Bitch Don’t Kill My Vibe“ reflektiert er über seinen noch jungen Aufstieg zum Rap-Superstar, Credibility, Berühmtheit und falsche Freunde und übernimmt dabei alle Feature-Rollen gleich selbst. Das zwölfminütige „Sing About Me, Im Dying Of Thirst“, in dem der am persönlichen Tiefpunkt angelangte Kendrick seine (religiöse) Läuterung erfährt, lebt von einem fast schleichendem Bruch, der von melaninen Säuselraps und Streichern hinführt zu einer imposant pumpenden Verbeugung vor KanYes „Jesus Walks“.

Die Einzigartigkeit von „good kid, m.A.A.d city“ lässt sich kaum in Details ermessen. Das Szenario mag stereotyp erscheinen, die Beats, Reime und Hooks teils grandios aber nicht außergewöhnlich. Was letzten Endes zählt, ist wie all dies zusammen kommt. Bandbreite, Dichte und Konsequenz machen dieses Album zu einem Erlebnis, das an Intensität seinesgleichen sucht. Es scheint, als hätte der HipHop der Zehnerjahre sein erstes großes Epos und das  ausgerechnet von der altehrwürdigen Süddeutschen geschaffene Label „California Noir“ nach Frank Ocean (der Bogen musste am Ende schließlich auch noch geschlagen werden) sein zweites Meisterwerk gefunden.

90

Label: Interscope

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Referenzen: Ab-Soul, Schoolboy Q, Jay Rock, A$AP Rocky, Nas, 2Pac, Jay-Z, Snoop Dogg

VÖ: 23.10.2012

2 Kommentare zu “Kendrick Lamar – good kid, m.A.A.d city”

  1. […] – Lost Songs Referenzen: Sonic Youth, Cursive, Fugazi, Motorpsycho, At The Drive-In, Seachange […]

  2. […] aus Esoterik und Popkultur hier wirklich alles niederbrennen. Nach dem Westcoast-Manifest „good kid, m.A.A.d city” zeigt sich der Osten in diesem Jahr angriffslustig. (Bastian […]

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