ActressR.I.P

Willkommen im Jetzt! „R.I.P“ klingt wie das Ankommen in der Gegenwart, das Eintreten der Zukunft, wie wir sie uns vor Jahren vorgestellt haben mit all ihrem technischen Wahnsinn, ultraschnellen Innovationszyklen und dem Aufheben aller analogen Gravitation. Nach den Erkundungen entlang der Grenzen des Tanzbaren auf den beiden Vorgängeralben wagt Actress nun ein frühes Resümee des digitalen Zeitalters.

Die beiden letzten Veröffentlichungen, „Hazyville“ und „Splazsh“, waren für ihren schielenden Blick zurück auf die Geschichte von Detroit House, Techno und afrofuturistische Impulse bekannt. Alben, die bewusst in ihrer subtilen Art die Hörgewohnheiten erweiterten, weil ihre elegant verwobene Mischung aus Kopfhörer-Techno und kleinen Details schon damals allem Extrovertierten entsagte. Mit dem konsequenten Erforschen von digitalen Räumlichkeiten tritt Darren J. Cunningham aka Actress nun einen weiteren großen Schritt zur Seite und nutzt den neugewonnenen Freiraum zum Experimentieren. Zwar gelten der zurückhaltende Minimalismus und die formale Klarheit seit jeher als Strukturelemente des Actress-Klanges, jedoch zeigt sich dieses Werk noch abstrakter.  „R.I.P“ gefällt sich an klanglichen Dekonstruktionen, elektronischen Klimpereien und intimen, fast einsamen Meditationen.

Seine mikroskopischen Klangbeobachtungen bündelt er in Tracks, die oftmals fragmentarisch offen und auf eine gewisse Art unfertig wirken. Es wäre vermessen, diese Skizzen als Songs im herkömmlichen Sinne zu charakterisieren. Sie bestehen zumeist aus einer scheinbar willkürlichen Reihung miniaturener Rave-Tracks und poröser Experimente: Digitale Schwebeteilchen für moderne Tanztheater und Medienkunst-Ausstellungen, Electronic Scores für Handy-Werbung und das pochenden Treiben in den Klubs.  Es sind kleine digitale Bröckchen, die einen steten Wandel in ihren Aggregatzuständen durchleben. Mal sind sie schwermütig-flüssig, dann ätherisch-luftig, was „R.I.P“ als Suite unterschiedlicher Atmosphären mit ganz eigener Anziehungskraft erscheinen lässt.

Der erste Eindruck mag dabei noch durch monochrome Nüchternheit geprägt sein, die Songs sind es jedoch nicht. Auf „Serpent“ zwitschern ein paar digitale Vögel und singt eine Geige, bevor der Track sich erst in seinen eigenen Rhythmen verkantet, sukzessive beschleunigt und dann auseinanderzufallen droht. „Jardin“ hingegen besticht durch Zerbrechlichkeit und niedlich zerstäubte Klirr-Irritationen, denen der der stotternde Shuffle des superschüchternen Pseudotechnos von „Raven“ folgt. Die Stimmung kippt, manchmal reichen dafür sogar minimale Verschiebungen in den Nuancen. Vieles wirkt verwischt und verschwommen wie beim wundervollen Ambienttitel „N.E.W.“. Tracks und Interludes wechseln sich ab, ebenso träumerische Tiefen und glatte Oberflächen. Weißes Bandrauschen schwebt heran, umhüllt die Tonspuren, ergibt sich in Verzerrungen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein extremes, weil sehr experimentelles und komplexes Album geworden, das aber durchweg zugänglicher ist als beispielsweise die düsteren Industrial-Techno-Safaris von Andy Stott.

Auf den Tanzflur wird sich dabei nur zeitweise gewagt: „IWAAD“ schließt mit stroboskopartigem Ravefaktor die Platte ab, „The Lord’s Graffiti“ ist vermeintlich geradliniger Techno, wirkt aber in seinen komplexen Verflechtungen ebenso irritierend taktil wie das leiernde „Marble Plexus“. Ständig werden dabei Antagonismen entfesselt und Ungereimtheiten akzentuiert. Actress‘ Liebe zum Widersprüchlichen findet in  „Shadow From Tartarus“ seinen konsequenten Ausdruck, das mit brummig-brachialen Bassbeats gebrochen wird, ohne in Kollaps und Destruktion zu verfallen: Der Lärm muss draußen bleiben.

Während viele Künstler versuchen, die digitale Herkunft ihrer Musik zu verschleiern, legt Actress genau dies mit Nachdruck offen. Konzept und Klang verwischen, es geht immer auch um die Reflexion des eigenen Tuns: Die Abstraktion, die Minimierung oder Maximierung von (Audio-)Informationen, das Hörbarmachen von Datenströmen, Digitalisierung, knackender Relais und fortgeschrittener Computertechnologie. Der spielerische Ansatz entbehrt jedoch nicht einer gewisse Strenge, erhält sich durch die Nüchternheit des Materials etwas gänzlich Unironisches. Actress‘ Klänge, Texturen und Stimmungen besitzen immer etwas Entmenschlichtes und Technologisches – auch wenn er oft beteuert, dass gerade die Komponenten Mensch und Makel den Reiz seiner Tracks ausmachen. Trügerisch verweisen auch die Songnamen (rund um das Thema „Tod und Religion“) zurück auf das menschliche Individuum. Dem wird jedoch auf „R.I.P“ genüsslich die Luft zum Atmen genommen, bis die Kühle der Einsen und Nullen spürbar wird.

Die Rezeption der Musikpresse ist einhellig positiv, nahezu euphorisch. Vielseitigere und neugierigere Digitalmusik hat man lange nicht gehört. Nichtsdestotrotz leidet das Album etwas unter seinem intellektuellen Überbau und der Kopflastigkeit, wirkt bisweilen halt- und ortlos. Einzig das Burial-artig verregnete „Caves Of Paradise“ sticht etwas heraus, der Rest ist vor allem Album für Nerds und Angeber: Actress vertont auf diesem Werk geometrische Formen, vereint Installations-Rauschen und After-Hour und verfranst glucksende Relais-Töne mit mikroskopischen Experimenten. Nicht immer ist dabei die Reihung schlüssig, oftmals scheint das Album mit fünfzehn Tracks seltsam innerlich zerrissen – wie in Förmchen gepresste und einmal durch die Luft geschleuderte kleine Teilchen. Dass Actress sich dabei aber eine ganz eigene und sehr spannende Sphäre der elektronischen Musik eröffnet, bleibt unbestritten, auch wenn letztlich eine gänzlich wiedererkennbare Handschrift fehlt. Er gibt eben der widerspenstigen Gesichtslosigkeit des Digitalen ein Gesicht.

80

Label: Honest Jon’s

Referenzen: Andy Stott, Pendle Coven, Mount Kimbie, Alva Noto, Mike Slott

Links: Facebook | Label

VÖ: 20.04.2012

2 Kommentare zu “Actress – R.I.P”

  1. Pascal Weiß sagt:

    War mir letztlich klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde. Sehe ich inzwischen auf einer Höhe mit dem Vorgänger.

  2. […] auch wenn zur Frühlingszeit mit den Japandroids, Killer Mike, Actress oder Zammuto schon einige prächtige Werke erschienen sind, der ganz große Wurf war 2012 insgesamt […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum