ZammutoZammuto

Die letztjährige Trennung von The Books ist eine von der Allgemeinheit zu Unrecht wenig betrauerte Tatsache. Die nach innen gerichtete Retrospektive vermag vielleicht zu verzerren, wenn ich im Nachhinein feststelle, dass die vier ausnahmslos gelungenen Alben des Duos Nick Zammuto/Paul de Jong für meinen eigenen (“ach so individuellen“) musikalischen Kosmos ungemein wichtig sind/waren. Um so schöner, dass es Nick Zammuto mit seinem facettenreichen und liebevoll gestalteten Soloalbum gelingt ein neues Kapitel zu öffnen, ohne sich unnötig deutlich von seiner zurückliegenden Kollektivarbeit zu distanzieren.

Ein Neuanfang bringt immer auch Verluste mit sich und so kann es Zammuto nicht gelingen, alle vagen und expliziten Aspekte, die sein Vorgängerprojekt ausmachten, hinüberzuretten. The Books waren – die musikjournalistische Subjektivität erlaubt ja so manche Feststellung – eines der interessantesten Popmusikkollektive der letzten 10 Jahre. Auch wenn der Ansatz der vom Sammeltrieb befallenen Archivaren abstruser Nischenmusiken, vergessener Field- und Libraryrecordings, die ihre in Secondhandläden und auf Yardsales ergatterten Fundstücke mit Kompositionen für akustische Instrumentation zu folkig-elektronischen Klangcollagen irgendwo zwischen Pop und Musique Concrète verbanden, aus heutiger Sicht alles andere als “revolutionär“ oder neu erscheint.

Glaubt man dem nicht müde werdenden Simon Reynolds und seinem Artikel in der Aprilausgabe der Wire (oder auch hier), hat das Internet schon längst jegliches kulturelles Kapital, das sich so mancher Nerd in jahrelanger Sammlerei erarbeitete, zu Nichte gemacht. (Fast) alles ist mittlerweile digitalisiert und jederzeit für (fast) jeden zugänglich. Doch bei The Books ging es immer um mehr als um die reine Zurschaustellung obskurer Samples und Klänge. Die Fragmente waren Bestandteil eines organischen Ganzen, im dem die Grenzen zwischen Musik und Klang verschwammen. Die Gratwanderung zwischen akademischer Konstruktion und augenzwinkernder Banalität konnte jedoch nur so gut funktionieren, da sie in den entscheidenden Momenten ein elaboriertes Gespür für gutes Songwriting offenbarte.

Letzteres kann man auch dem neuem Soloalbum Nick Zammutos attestieren. Quasi im Alleingang (lediglich unterstützt durch ein paar Gastmusiker) im hauseigenen Studio produziert, zeugt die Platte von einem unbeschwertem Experimentierdrang, der sich in einem flirrenden Eklektizismus äußert. Die Detailverliebtheit der durchdachten und stark editierten Arrangements ist ein Relikt, das man bereits von The Books gewohnt ist, wobei „live“ eingespielte Instrumente der samplebasierten Arbeitsweise zusehends den Rang ablaufen. Besonders der verstärkte Einsatz von „echtem“ Schlagzeug und Percussions konnotieren die Platte deutlich in Richtung „tanzbarer“ Songorientiertheit. Ebenfalls ungewohnt ist die zentrale Position von Zammutos Stimme, die jedoch fast durchgehend mit Modulationseffekten wie Auto-Tune bearbeitet wird und für eine anfangs leicht befremdlich wirkende, androide Distanz sorgt. Es dürfte wohl weniger fehlendes Vertrauen in die eigene Stimme als die Freude am Zitieren und Dekonstruieren gängiger Mainstreampop-Klischees sein, die Zammuto zu diesem Schritt bewegt hat. Auch wenn der Auto-Tune-Einsatz als (vermeidlich) ironisches Stilmittel abseits hochglänzender Chartproduktionen spätestens mit Bon Ivers „Woods“ deutlich an Schlagkraft verloren hat.

Das einleitende „Yay“ wirkt dabei programmatisch: Ein zerschnittenes Stimmsample legt sich über ein durchlaufendes, aber ständig rhythmisch variiertes 4/4-Hi-Hat-Pattern, bevor Bass und Schlagzeug die banal-eingängige Orgelprogression des Hauptteils in recht standardisierter Form unterlegen. Das pentatonisch anmutende Gitarrenriff von „Groan Man, Don´t Cry“ schielt dagegen leicht in Richtung Prog-Rock und dessen ab Anfang der 1980er einsetzende Beeinflussung durch afrikanische (Pop)-Musik. Ein Element, das sich auch in den bisweilen auftretenden polyrhythmischen Schichtungen aus elektronischen Beats, Percussions und Live-Schlagzeug manifestiert. Wobei Zammutos Affinität zur Überfrachtung in Stücken wie „FU C-3PO“ oder „Weird Celling“, zwei mitunter hyperventilierende Spielereien aus technoidem Pop, psychedelischen Folktronica, knarzenden Synthie-Effekten und Math-Rock-Gitarren, immer wieder durch einprägsame Gesangslinien und harmonische „Schlichtheit“ geerdet wird.

Einen der Höhepunkte bildet das unscheinbare „Harlequin“. Musik und Textur sind hier verhältnismäßig zurückgenommen, während Text und die stark verfremdete Vocoderstimme eine flimmernde Ambivalenz aus Kitsch und Trostlosigkeit schaffen. Ähnlich stark ist das bereits von der letztjährigen „Idiom Wind“-EP bekannte Stück gleichen Titels, ein weitestgehend offen gehaltenes Arrangement, dessen ethnisch anmutende Percussionpatterns und vereinzelt einsetzende Synthieflächen durch einen prägnanten Basslauf zusammengehalten werden, während die ungewohnt natürlich klingende Stimme des Musikers Zammuto über die Sinnkrise des Akademikers Zammuto reflektiert.

Nicht nur hier gelingt es Zammuto, Anspruch und Eingängigkeit zu vereinen. Herausgekommen ist ein abwechslungsreiches Popalbum, das sich trotz bekannter Stilmittel Eigenständigkeit bewahrt. Schlecht gelaunte Zeitgenossen könnten diesem Konzept artifizielle Effekthascherei vorwerfen, wobei Zammutos im positiven Sinne als zeitgemäß zu bezeichnende Herangehensweise niemals anbiedernd oder aufgesetzt wirkt. Die “Homerecording“-Situation mag Spielereien und Experimente begünstigt haben, verhalf der Platte aber auch zu einer eigenen Ästhetik. Wie in der Vergangenheit stehen auch hier musikalische Finesse, Humor und emotionaler Tiefgang in angenehmer Balance.

80

Label: Temporary Residence

Referenzen: The Books, Maps and Atlases, Animal Collective, Four Tet, Boards of Canada, Gold Panda, King Crimson

Links: Homepage | Facebook |Label

: 30.03.2012

3 Kommentare zu “Zammuto – Zammuto”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Tolle Rezension, Till, die hat Lust auf mehr gemacht. Hatte das Album anfangs gar nicht so recht auf dem Schirm, bin inzwischen aber begeistert. Sehr sogar.

  2. […] Ty Segall Band, Drone-Mozart Tim Hecker, Deerhoof, Mono, Beak>, Julianna Barwick, Colin Stetson, Zammuto, Why? oder Matana […]

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