Rudi ZygadloTragicomedies

Hangover. Der Albumopener „Kopernikus“ gibt sich lebensverkatert. Ein lädiertes Klavier rutscht unsanft vom Bett und zerknautscht auch den Rest der Träume. „Always felt alone out there“, klagt Rudi Zygadlo mit belegter Stimme, während dazu innerlich blutende Klänge unsanft über die Klippe der Tonhöhenveränderung gestürzt werden. Autsch!

Um es jedoch vorwegzunehmen: Was klingt, als erwarte den Hörer ein melodramatisches Trauerspiel, in der die Schwester mit dem Tupfer gar nicht mehr schnell genug nachkommt, entpuppt sich alsbald als eines der erstaunlichsten und spannendsten Alben des Jahres. Schon die erste Single „Melpomene“ mit ihrem umgewuchteten Klavier, den unzufrieden fliehenden Stimmen und dem schicklich perlenden Beat machte im Juni hochgradig neugierig, war sie doch ein verheißungsvoller Vorbote mit ganz eigener Stimmung, die aus dem üblichen musikalischen Einerlei herausstach. Nun reicht der Glasgower Künstler auf „Tragicomedies“ dreizehn Songs voller Aufgebehren und Resignation, gefasst in Vielgestalt zwischen Electronica, Autotune-Pop, Beats, Klavier-Songwritertum und fröstelndem Future-Funk. Ruhig fließende Musik, die sich im weitesten Sinne als sublimer Pop fassen lässt und für Rudi Zygadlo ein Schritt in musikalischen Siebenmeilenstiefeln bedeutet, obwohl sein 2010er-Debüt bereits wichtige Impulse für die Post-Dubstep-Zeit enthielt.

Wo früher noch von den Künstlern die Mythen einer enormen elterlichen Plattensammlung beschworen wurden, reicht in der gegenwärtigen Popdebatte ein bloßer Hinweis auf die überbordenden digitalen Archive innerhalb einer globalisierten Musikwelt, deren Kind Zygadlo zu sein scheint: Egal ob Slugabed oder Jamie Lidell, der junge Schotte verbindet seine Einflüsse zu einer variantenreichen Mischung, weiß um modernes Songwriting und aktuelles Klangdesign. Bemerkenswert ist deshalb, dass das Album trotzdem zunächst unspektakulär und artig wirkt: der eingeschriebene Funk nur wenig stickig, die Atmosphäre meist kühl und impressionistisch und die Beats nie wild genug, um das Werk nur in die Nähe der Klubs zu schubsen. Schnell entfaltet sich jedoch ein eigener Sog. An den richtigen Stellen erkennt Zygadlo die Notwendigkeit der Selbstbeschränkung, Klavier, Effekte und Drumcomputer nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, was das Album entschieden davor rettet, als Angeberpop zu enden. Immer dann, wenn die Winkelzüge zu trickreich und Zutaten zu verschwenderisch zu werden drohen, zieht er die Handbremse. So besteht das überaus Angenehme in „Tragicomedies“ darin, dass es keine ausgestellte Botschaft sein will. Dieses Album fordert Aufmerksamkeit mit stillem Schrei.

Zygadlo bewegt sich vorsichtig tastend vorwärts, ohne jedoch mit Höhepunkten zu geizen. „The Deaf School“ horcht am Puls der Zeit, stolpert vorwärts und verkommt letztlich zu einem aufgeplusterten Future-Funk-Stück, in dem gar nicht auffällt, dass Rudis unterzuckerte Stimme das einzige wahre Manko dieser Platte ist. Man ist auch einfach zu abgelenkt! Vom gefühlsbetrunkenen „Waltz For Daphni“ zum Beispiel, das heruntergepitchte Stimmen mit clownesker Szenerie konterkariert oder von „On“, das sich gleich einen ganzen Kinderchor ins Studio bestellt.

Es ist eine krude Mischung aus popkulturellen Schrullen, die mit einer solchen souveränen Lässigkeit präsentiert wird, dass kaum etwas anderes übrig bleibt, als sich fallen und von den überraschenden Wendungen beschäftigen zu lassen: Die zerquetschten Arpeggien, die traurige Trompete in „Catharine“, der verlegene Pop oder der hinreißende Wandlungsreichtum des Titeltracks – nichts scheint hier unmöglich. Der zarte Dubstep von „The Domino Quivers“ zerbirst letztlich die melancholische Atmosphäre, erledigt die Sehnsucht im Nu und rappelt sich auf, um in vier komprimierten Minuten „Tragicomedies“ zusammenzufassen: Sensibilität, Vielfalt, wohldosiertes, mollgestimmtes Klavier und modernes Outfit. Die innere Balance des Albums ist sein größter Pluspunkt: Ein bisschen von allem, von nichts zu viel. „Tragicomedies“ ist trotz runder Produktion in seiner Machart immer ein bisschen abgefuckt und deswegen streckenweise auch sehr liebenswert. Selbst der glitzernde Autotune-Popper „Russian Doll“, der nah an zeitgemäßem R’n’B vorbeischrammt, hat diese Beautiful-Loser-Atmosphäre. Und Rudi Zygadlo wäre auch nicht auf dem Zukunftslabel Planet Mu, wenn er dem allzu reinen „Pop“-Klang nicht wenigstens ein paar Dellen mitgeben würde.

Schönheit ist sich eben auch immer des Schmerzes bewusst, der ihr stets mit eingeschrieben ist. Zygadlo weiß um diesen Umstand, auch wenn er weit entfernt davon ist, deshalb an seinem Leben zu zerbrechen. Zwar kreist er in seinen Texten konstant um Themen der Trauer und Isolation, tiefgründig poetisch ist „Tragicomedies“ aber nicht. Die vom Künstler vorweg mit heißem Atem angekündigte literarische Aufladung wird kaum eingelöst. Zumindest mangelt es dem Werk nicht an unterhaltsamen Sarkasmus:  „You saved my life“, heißt es da durchaus pathetisch vorgetragen in „Russian Doll”, „how embarassing“. Er selbst hingegen rettet nur ein bisschen die Popmusik. Jedoch auf eine solch schöne Art und Weise, in der jedes Erwehren mit einer Niederlage enden muss.

83

Label: Planet Mu

Referenzen: Jamie Lidell, Slugabed, Final Fantasy, Simian, Brandt Brauer Frick

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VÖ: 21.09.2012

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