Lower Plenty / Royal Headache: Alles Gute kommt von unten


Australien, dieser uns beinahe auf dem Globus gegenübergesetzte Kontinent, beheimatet in seinen Kellern die vitalste Garage-Kultur der Gegenwart. Es lässt sich spekulieren, dass es sich dabei erneut um einen Gegenpol handelt, ein stilistisches Yang zum kommerziell dominanten AUS-Clubsound zwischen 08/15-Chart-Dance und dem kritisch respektableren Electro-Pop von Modular-Bands wie Cut Copy, Midnight Juggernaughts oder Muscles. Dass es in einer Art von kosmischer Balance für jede Kylie Minogue einen Nick Cave geben muss.

Doch bei aller Liebe für hanebüchene Esoterik, es bleibt schon erstaunlich, wie viele herausragende Bands dort in verschiedenen lokalen Szenen umtriebig sind. Blickt man aber eine Weile in Booklets und Discogs-Einträge, fällt bald eine andere Erklärung ins Auge: Struktureller Inzest. Immer wieder trifft man auf von anderswo bekannte Namen, Leute, die in zwei, drei, vier Bands zugleich aktiv sind, was es erstaunlich oft leicht macht, zwischen beliebigen Gruppen eine personelle Verbindung zu finden.

Das Zusammenkommen als Lower Plenty scheint für deren Mitglieder – sonst unter anderem bei Total Control, Deaf Wish und UV Race an den Instrumenten stehend – einem Bedürfnis nach ruhigeren Klängen entsprungen zu sein, elektrisch verzerrte Gitarren sind auf dem zweiten Album der Melbourner Band eine Seltenheit. „Hard Rubbish“ ist Folk-Pop im DIY-Sound, weniger verrauscht als unpoliert, es klingt, als hätte die Band einfach ein Mikrophon mitten in den Raum gestellt und drumherum losgelegt. Das verleiht der Melancholie des gemischtgeschlechtlichen Gesangsduos Jensen Thjung und Sarah Heyward eine nahbare Intimität wenn ambientes Klickern und Knarzen ertönen, zeitlich knapp gehalten verströmt das Album eine Losheit am Rande implosiver Fragilität, was die Schattenseite des Sonnenkontinents zu hören etwas erträglicher macht.

Doch auch ein tieferes Eintauchen in Albumcredits liefert immer wieder vertraute Namen. Insbesondere den von Mikey Young, Gitarrist der formidablen Eddy Current Suppression Ring und Teil der eben erwähnten Total Control, der als Produzent zunehmend auch US-Bands unter die Arme greift. Näher seinem heimischen Melbourne liegen aber Sydney und das dortige Quartett Royal Headache, dessen Debüt Young zu einer glorreichen Schrammel-Explosion geformt hat. Die Lo-Fi-Energie der Ohrwurmriff an Powermelodie reihenden Songs wird nur noch intensiviert durch bemerkenswert heiserkehligen Gesang, der mit „Yeah!“s, „Whoo!“s und wortreicheren Emotionseruptionen selbst die wenigen schwächeren Stücke Richtung Rock’n'Roll-Olymp steuert.

“Hard Rubbish” ist bei Special Awards Records erschienen, “Royal Headache” bei R.I.P. Society, XIII Records und What’s Your Rupture?.

4 Kommentare zu “Lower Plenty / Royal Headache: Alles Gute kommt von unten”

  1. Bastian sagt:

    Was auch noch gesagt werden muss: Royal Headache ist das verdammte Album des ersten Halbjahres!

  2. [...] Schwermut ist nicht das einzige, was diese beiden Bands mit der nächsten verbindet. Wie schon anderswo angemerkt: Zwischen guten australischen Gitarrenalben besteht so viel Überschneidung, dass eine [...]

  3. [...] Anlauf die verdiente Aufmerksamkeit. In den letzten beiden Jahren waren dies die Debüts von Royal Headache und Iceage, weswegen es aufzuhorchen heißt, wenn das gleiche nun Parquet Courts [...]

  4. [...] zugeht, hat uns der werte Kollege Uli Eulenbruch letztes Jahr schon am Beispiel der einzigartigen Lower Plenty verdeutlicht. Dies ist auch bei den Bed Wettin‘ Bad Boys (der Name ist Mist, ich weiß) nicht [...]

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