KralliceYears Past Matter

Mehr als vier Jahre, nachdem Wolves In The Throne Rooms „Two Hunters“ auch von bis dato unverdächtigen (und oftmals auch eher unerwünschten) Seiten großes Lob einheimsen konnte, nach vier Jahren also, in denen Black Metal kurzzeitig einmal – nunja – das neue Schwarz war, scheint vom Hype nur wenig hängengeblieben.

Klar, Liturgy kennt mittlerweile auch der durchschnittliche Pitchfork-Leser und sogar Bloc Party ließen sich für ihr jüngstes Album angeblich von besagten Wolves In The Throne Room inspirieren. Im Großen und Ganzen bleibt Black Metal aber auch im Jahr 2012 das schwervermittelbare Underground-Phänomen, das auf Seiten wie dieser höchstens einmal am Rande behandelt wird. Schade eigentlich, denn die Kreativität vor allem der US-amerikanischen Szene scheint ungebrochen. Abseits achso böser Images, alberner Verkleidungen und des Kokettierens mit menschenverachtenden Ideologien arbeitet derzeit eine Vielzahl von Bands an ihrer eigenen Variante des wohl extremsten und gleichzeitig romantischsten Genres der Metal-Historie.

Krallice erfüllen alle Tatbestände, um von Trueness-Fanatikern als „Hipster Black Metal“ verachtet zu werden. Auf bisher drei Alben verband die New Yorker Band, deren personelle Verknüpfungen sich von Zach Hill bis Liturgy erstrecken, klassischen Black Metal mit virtuos ausufernden Prog-Elementen und eiskalter, technischer Präzision. Die Ergebnisse waren zwar stets beeindruckend, aber in ihrer technokratischen Geschlossenheit nicht gerade leicht zugänglich.

Mit „Years Past Matter“, dem erstmals im Eigenvertrieb veröffentlichten vierten Langspieler, könnte Krallice auch jenseits einer übersichtlichen Szene der Durchbruch gelingen, denn es ist nicht nur ihr bisher bestes, sondern auch ihr abwechslungsreichstes und zugänglichstes Album geworden. „Years Past Matter“ stemmt dabei genau die richtige Balance aus sinfonischer Urgewalt und technischer Vertracktheit. Krallice überziehen die oftmals leider in klinischer Virtuosität erstarrte Spielfreude des Prog-Metal mit einer dreckigen, schwarzen Schicht, gleichzeitig veredeln sie den musikalisch mitunter dilettantischen Black Metal mit ungeahnter Spielfreude. Auf den von „IIIIIII“ bis „IIIIIIIIIIIII“ durchnummerierten Tracks türmen sich Blastbeats und ein wirklich furchteinflößend grollender Bass zu immer eindrucksvolleren Wänden auf, die nur von den sich duellierenden Berserker-Gitarren Mick Barrs und Colin Marstons weniger im Zaum gehalten als niedergerungen werden. Die Vocals kommen inmitten all des Tosens ungefähr dem Überlebenskampf eines angeschossenen Wildschweins gleich.

Aufgelockert wird dieses Chaos, wenn gegen Mitte des Albums der Lärm kurzzeitig ambietem Synthienebel weicht, der sogar vorsichtig ein paar helle Glockenschläge durchscheinen lässt, bevor er nach einem zaghaften Gitarrenintro gnadenlos niedergeknüppelt wird. Den Höhepunkt von „Years Past Matter“ stellt aber eindeutig das fulminante Schlussstück dar. Nach einem kurzen Sludge-Intermezzo kulminiert in diesem 17-minüter alles, was die Band vorangegangen bereits andeutete. Ohne große Umwege zu nehmen spielen sich Krallice hier in einen virtuosen Rausch, brechen immer wieder ab, nur um das Stück im nächsten Augenblick noch irrsinniger und mächtiger auferstehen zu lassen. Kakophonie reiht sich an Sinfonie. Black, Prog-, Avantgarde Metal? Spätestens hier spottet „Years Past Matter“ jeder möglichen Beschreibung.

Auch wenn Black Metal als hippes Distinktionsmerkmal mittlerweile ausgedient haben dürfte: Für Bands wie Krallice dürfte zwischen Liturgys „transzendentalen“ Genre-Dekonstruktionen und Wolves In The Throne Rooms postrockender Naturromantik auch jenseits sektiererischer Szene-Zirkel noch jede Menge Platz sein, auf dem es sich nach Herzenslust austoben lässt.

81

Referenzen: Liturgy, Wolves In The Throne Room, Weakling, Emperor, Ash Borer, Absu

Links: Facebook | Bandcamp | Bigcartel

VÖ: 25.08.2012

3 Kommentare zu “Krallice – Years Past Matter”

  1. Danke für diese Rezi, Bastian!

    Ich fand die Scheibe beim ersten Durchgang, als Stream, eher durchschnittlich. Deine Schreibe hat mich dann allerdings bewogen Krallice eine zweite Chance zu geben…

    Und siehe da, als kostengünstiger Lossless-Download über die Anlage geblasen… WOW!

  2. […] wie lange nicht mehr. Der Ausstoß an Alben, zum Beispiel von Wolves In The Throne Room, Krallice, Blut Aus Nord, Boris, Sunn O))) oder Bell Witch, die auch außerhalb von eingefleischten […]

  3. […] genannt wird und zu der beispielsweise auch Altar Of Plagues, Liturgy, Krallice oder Blut Aus Nord gezählt werden können. Jene Bands zeichnen sich durch die Öffnung des Genres […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum