Man hat sie früher gehasst: Die Streber aus der ersten Reihe. Sitzen akkurat aufrecht in von Mama rausgelegten Klamotten da, setzen ihr altkluges Gesicht auf und wissen einfach auf alle Fragen eine Antwort. Die Wurzel aus 73252? Alle Formen des lateinischen Ablativs? Oder die Bauzeit des Kölner Domes? Kein Problem! Was ihnen an sozialem Profil fehlt, machen sie durch Primus-Wissen wett.

Die Dirty Projectors sind die Streber des Indie-Pops. Ihre Kenntnis der Musikgeschichte hat enzyklopädisches Ausmaß: Von Talking Heads bis Jefferson Airplane, von Simon & Garfunkel bis Zappa. Dazu die gesammelten Motivskizzen des amerikanischen Folks der 60er Jahre, westafrikanischer Klänge der 70er Jahre und dem Besten des Freakfolks von heute. Zur Not geben sich die Fünf einfach selbst untereinander Nachhilfe, wie sie es auf instrumenteller Basis auch tun. Es scheint nichts zu geben, was dieser Freundschaftsbund nicht kann und das hört man dieser Platte an, die randvoll mit eigenem Anspruch gefüllt ist.

Man könnte ihre Musik entsprechend für ihr Besserwissertum und ihre Feuilletonaffinität geißeln – aber nicht nur die Tatsache, dass der Streber-Style samt Hornbrille inzwischen auf der Hipness-Rangliste weit oben steht, sollte stutzig machen: „Swing Lo Magellan“ ist eine der wunderbarsten Streberplatten, die es dieses Jahr zu hören geben wird. Und der Grund dafür ist denkbar einfach: Das musikalische Vagabundentum hat hier schlichtweg bei aller inneren Verkopftheit immer auch ein riesengroßes Herz und genügend Intuition, um gleichermaßen zu fesseln und zu überraschen.

Der Opener ist diesbezüglich richtungsweisend. „Offspring Are Blank“ fängt bedächtig mit einer gesummten Melodie an, wird flankiert von digitalen Handclaps, bricht dann aber auf und E-Gitarren-Gewitter gehen über dem verwinkelten Singsang nieder. Die Dirty Projectors sind meisterhaft im Antäuschen, wissen aber ganz genau, wann sie sich zurücknehmen müssen und lassen dann gerne auch mal einen Popsong Popsong sein. Mit wohlig tristen Untertönen wird über das Leben musiziert und mit romantischem Herzchenblick die süßliche Liebe besungen. Selbst Kitsch klingt bei ihnen erwärmend ehrlich: „You are always on my mind“, heißt es da im wunderbaren „Impregnable Question“, „I need you in my life“. Wer bei diesen Harmonien nicht gerührt innerlich eine Träne vergießt, muss eine verbitterte Person sein.

„Swing Lo Magellan“ ist kein Album der aufgebrochenen Wunden, sondern eher eines der Harmonie und Eintracht, auch wenn sich die Stimmen parallel in den Vordergrund drängeln und einen kleinen Wettstreit um Aufmerksamkeit entfachen. Das Spiel zwischen den hoch affektiven, weil exzentrischen Vocals David Longstreths und der pelzig-kindlichen Stimme Amber Coffmans ist jedoch ein unfaires, gewinnt aber genau daraus seinen unbestimmten Reiz. Wie so vieles, was scheinbar nicht zusammenpasst und durch erstaunliche Gleichlaufschwankungen geprägt ist.

So mag dieses Werk für einige immer noch eher verwirrend denn zugänglich sein, auch wenn es tendenziell befreiter, offener und nicht mehr so knorrig und eigenbrötlerisch wie mancher Vorgänger daherkommt. Die dramatischen Wendungen, knotenbeinigen Gitarrenrhythmen und ständig auf Positionstreue verzichtenden, gegenläufigen Stimmen bleiben jedoch weiterhin Markenzeichen der Band, die sich anscheinend in ihrem Eklektizismus klanglich endgültig gefunden hat.

Ihr sprießender Wildwuchs wirkt dabei aber nie ziellos, wird immer früh genug wieder eingefangen und verleiht so dem offenen Geist dieser Musik eine säumende Kontur, der eine kaum versteckte Pop-Sensibilität entgegensteht. „Just From Chevron“ berührt hinreißend mit seiner zuckergesättigten Melodie, die in Eingängigkeit nur vom tänzelnden „Gun Has No Trigger“ und dem etwas kauzigen „Dance For You“ übertroffen wird. Aber selbst die verdörrtesten der Indie-Folksongs auf diesem Album wirken unglaublich lebendig, was dem kindlichen Entdeckungsdrang der Band geschuldet ist und sicherlich auch dem weltentrücktem Treiben auf der Suche nach Natürlichkeit und der Aktualisierung begrünter Hippie-Ideale.

Kein Wunder also, dass die Kritiker eindeutig positiv urteilen – und auch die Sympathiekärtchen des Publikums sollten hier noch lockerer sitzen als beim gefeierten Vorgänger. Denn selbst dort verliefen die Songs in der Gesamtheit nie so souverän auf dem schmalen Grad zwischen spröder Intimität und wüster Extrovertiertheit, zwischen Gradlinigkeit und struktureller Offenheit und einer leidenschaftlichen Hingabe zur Popmelodie. „Swing Lo Magellan“ versammelt zwölf dieser musikalischen Kleinode, die grenzenlos weitläufig erscheinen und gleichzeitig geerdet und mit akustischem Eigensinn ausstaffiert sind. Die Dirty Projectors bewahren sich dabei immer ihr Geheimnis. Wie machen die das bloß?

91

Label: Domino

Referenzen: Grizzly Bear, David Byrne, Department Of Eagles, Vampire Weekend, Sunset Rubdown

Links:  Label | Webseite | Albumstream

VÖ: 06.07.2012

9 Kommentare zu “Dirty Projectors – Swing Lo Magellan”

  1. Janis sagt:

    Bisher eine der besten Platten des Jahres, hoffe sie schafft es auch in 4-5 Monaten mich noch so zu begeistern, obwohl ich da momentan kein Problem sehe. :-)
    Kann der Rezension nur zustimmen!

  2. Pascal Weiß sagt:

    Super Album, noch ein kleines Stück stärker als sein direkter Vorgänger. Und Plattencover des Jahres, aber sowas von.

  3. Man muss sich schon ziemlich weit zurückerinnern, wann es zuletzt eine so gelungene Mischung aus beseelter und verkopfter Popmusik zu hören gab. Ohne Scheiß, die Band stellt sich damit vielleicht in eine Reihe mit Radiohead, den Talking Heads und wie sie alle heißen. Art Pop oder wie auch immer man das nennen mag at it’s best!

  4. @Pascal: Hast du das Ding mal in groß gesehen? Kam mir so vor, als läge da noch so ein gewölbter Streifeneffekt drüber, als wäre das von nem Fernsehbild abfotografiert.

    Aber überragend musikalisch, zugleich der Texte wegen doch das bescheidenst wirkende Projectors-Album.

  5. @Bastian: wäre es ihr zweites oder drittes Album, dann vielleicht (-:

    Nein, ganz, ganz großes Album, auf jeden Fall.

  6. Pascal Weiß sagt:

    @Uli: Was meinst Du mit „in groß“? An irgendwelchen Litfaßsäulen habe ich es hier in Dortmund noch nicht gesehen;) Wenn Du auf das Vinyl-Cover abzielst – da muss ich mich noch bis morgen gedulden. Aber stimmt, Du könntest richtig liegen mit Deiner Theorie „Fernsehbild“.

    Heutiger Lieblingssong der Platte: das Titelstück.

  7. Ja, halt so groß dass man’s erkennen könnte. Bei dem einen Bild davon, das ich in höherer Auflösung online finden konnte, sah das recht doof aus, aber vielleicht war das auch kein korrektes Abbild des Originals.

  8. […] „Swing Lo Magellan“, das ganz und gar fantastische neue Album der Dirty Projectors, räumte stattliche 91 AUFTOUREN-Prozente ab – der Höchstwert seit Gang Gang Dance im Mai 2011. Wenn ihr ähnlich begeistert seid wie wir, könnt ihr mit ein wenig Glück nun auf simple Art und Weise die Limited-Edition-CD des Albums abstauben! Oben drauf legen wir noch ein Poster des neuen Werks – plus Buttons. Alles was ihr tun müsst: Eine Mail an gewinnen@auftouren.de senden (Betreffzeile: „Maybe That Was It“) und dort bitte Namen und die vollständige Anschrift angeben – gerne auch ein paar Zeilen mehr, da sind keine Grenzen gesetzt. Die Verlosung endet am kommenden Montag, den 09. Juli um 12 Uhr. […]

  9. […] „Centipede Hz“ und „Swing Lo Magellan“ konnten wir schließlich gleich zweimal über die 90%-Marke springen. Auffällig zudem: Während […]

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