Zuvorderst und Knall auf Fall (nicht nur, damit der überraschte Leser fragen kann: Huh?), die Konklusion: „Sweet Heart Sweet Light“ ist ein super Album mit tollen Songs. Die Sounds sind leicht verdrogt, versoult und durch und durch Rockmusik, ohne in irgendeiner Form hart oder testosterongeschwängert daherzukommen. Dazu: Sinnsuche und Jesus und Weltschmerz.

Eher weinerliche Themen, auf die Jason Pierce, früher J. Spaceman (einer der Spacemen 3) und im Prinzip Spiritualized, sich spezialisiert hat. Da haben auch überlebensgroße Hymnen ihren Platz und wenn das Streichensemble Amiina aus dem Sigur-Rós-Umfeld kommt und der Chor engagiert wurde, weil er so schön nach Cohens „So Long Marianne“ klang, dann bezeugt das nicht weniger als einen enormen Willen zum Pop.

Wobei zur musikalischen Verortung der neuen Spiritualized-Platte nun auch salopp gesprochen werden könnte: Nun ja, Spiritualized halt. Die können doch sowas, sollen sie machen. Das ist nicht von der Hand zu weisen und noch mehr: Fast nostalgisch ragen die Songs in die Vergangenheit der Rockmusik hinein, mahnen an die Beatles des weißen Albums, an Velvet Underground und die Rolling Stones Ende der 60er/Anfang der 70er, an die mittleren und späten Blur, an „Ladies And Gentlemen… We Are Floating In Space“, den größten Wurf von Spiritualzed selbst von 1997. Nichts ist gegenwärtiger als das Gestern.

Obwohl: Wie schlimm finden wir das, wie gut sind die Verweise? Wie häufig lässt sich „You Can’t Always Get, What You Want“ spielen? Als „Little Girl“, als „Hey Jane“: Eine „White Light, White Heat“-getränkte Rocknummer, die sich nach drei Minuten kakophonisch verabschiedet, nur um als hektisch holpernde Hymne neu zu erstehen. Als „So Long You Pretty Thing“: Pierce und seine Tochter Poppy im Duett hangeln sich an Piano und Streichern zu schunkeligem Bombast vom Schlage der Blur-Hymne „Tender“ hinauf. Es wird hart und schamlos an der Grenze zum Schmalz gekratzt. Bei den langsamen Stücken der Platte, der Fast-Country-Ballade „Freedom“, bei der mit Geigen zugekleisterten Anrufung Jesu’, „Life Is A Problem“ (was Lou Reed schon kann …), bei „Too Late“, diesem köstlichen Stück Edelschmalz über vergehende Liebe, in dessen zuckersüßer Streicherwolke sich die eigene Sehnsucht verliert und von Gänsehaut umhangen wiederfindet.

Die schnelleren Songs funktionieren dann am besten, wenn sie sich unter Kratzen und Zischen zu repetitiven Gitarrenmotiven auftürmen (eingängig genug, um auch mal jammen zu dürfen, aufgepasst, Bradford Cox: „Heading For The Top Now“). Sie basieren aber auch mal größtenteils auf Geräuschen („Get What You Deserve“) oder sind dreckiger Soul mit viel Noise („I Am What I Am“).

Ein Punkt sei noch erwähnt: „Sweet Heart Sweet Light“ ist ein in sich geschlossenes Album, dessen Songs atmosphärisch aneinander anknüpfen und dessen Sound stimmig und geschlossen ist. Darüber darf man sich ruhig freuen. Nichts Neues unter der Sonne, aber immerhin: Geschichtsbewusstsein. Geigen. Hymnen. Und doch: delikate Rockmusik.

76

Label: Domino

Referenzen: Velvet Underground, Beatles, Blur, Deerhunter, Mercury Rev

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VÖ: 13.04.2012

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