14. Dezember 2015
AUFTOUREN 2015Das Jahr in Tönen (Platz 50-1)
30 |
Erfolg Erfolg [Staatsakt] |
| Johannes von Weizsäcker kennt man als Sänger der Londoner Experinentalpopband The Chap. Auf deutsch und mit Damenchor singen, das kann er allerdings auch. Erfolg nennt er sein Projekt, denn Logo, wenn man sich selbst Erfolg nennt, dann halt man nun mal auch immer Erfolg, wie auch gleich der Eröffnungssong des Albums verrät. Mit viel Leichtigkeit und einem wunderbaren Sprachgefühl, gepaart mit schlichter Lässigkeit ironisiert Weizsäcker so ziemlich alles zeitgenössische: angefangen mit der allgemeinen Annahme, dass heutzutage jedermann Erfolg haben kann, bis hin zu diesem Typen mit Brille, der sich auf jeder Party, jedem Konzert und jeder Kunstausstellung herumtreibt und überall gleichzeitig zu sein scheint. Erfolgs Erfolg besteht aus diesen grandios dadaistisch, rythmisch anspruchsvollen Sprachfragmenten, die mit unverschämt catchy Rythmen und Melodien unterlegt sind. Weizsäcker lügt nicht, er und sein Damenchor wissen anscheinend ganz genau, wie das mit dem Erfolg funktioniert. (Julia Seegers) |
29 |
Sun Kil Moon Universal Themes [Rough Trade / Beggars] |
| Mark Kozelek hat kein einfaches Jahr gehabt – zugegebenermaßen ganz und gar nicht unverschuldet, ließ er doch praktisch kein Fettnäpfchen unangetastet. Doch die Wucht, mit der so manches vermeintliche Leitmedium zur Jagd blies, sprengte den Rahmen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass „Universal Themes“ unter diesen Vorzeichen in den Hintergrund geriet oder in der Rezeption einfach auf Kozeleks ungezügeltes Verhalten umgeschrieben wurde. Wurde der brillante Vorgänger „Benji“ vor einem Jahr zu Recht abgefeiert, so war diesmal eher von lustlosem Sprechgesang und Ideenarmut die Rede. Zu Unrecht, denn auch „Universal Themes“ lässt den Hörer durch engmaschige Erzählungen unglaublich nah an sich rankommen, auch musikalisch hält es permanent erwärmende Momente bereit. Man muss sich nur aufs Wesentliche konzentrieren können. (Felix Lammert-Siepmann) |
28 |
Grimes Art Angels [4ad / Beggars] |
| Wie alternativ oder mainstreamig Claire Bouchers Popvision nun genau ist – Pillepalle. Was „Art Angels“ zeigt ist, dass kein Produzent eine Stimme so fantastisch klingen lassen kann wie Grimes ihre eigene. Kehlig, aber mit viel warmem Schmelz senkt sie sich abwechselnd wehmütig und sehnsüchtig über den durchknarzten Country-Pop von „California“, während sie im tollkühn bliepigen und thrashenden „Kill V. Maim“ eine wahre Tour de Force zwischen diversen Heliumpitches und gutturalem Fauchen aufführt, in einem Song geerdet im Vordergrund und anderswo dann wieder ätherische (oder auch schneidend intensive) Schwebepräsenz. In ihrer grenzenlos experimentierfreudigen DIY-Popwelt vermag sich Grimes so facettenreich zu zeigen wie persönlich. (Uli Eulenbruch) |
27 |
Jlin Dark Energy [Planet Mu] |
| Daft Punk und Jamie xx haben es bewiesen: Retro und Nostalgie machen Dance-Alben massentauglich. Ein wenig bringt auch die Footwork-Produzentin Jlin über Videospiel- und Filmsamples persönliche Nostalgie ein, aber die ist so spezifisch und idiosynkratisch wie die Konstruktion ihrer polyrhythmisch zuckenden Musik: Wo im Footwork die meisten anderen Soul und Rap samplen und neben wolkigen Synths zum Melodieträger machen, kreiert sie ihre eigene Basis von hämmernden, dampfenden und zischenden Industriegeräuschen, wie sie ihr bei der Schichtarbeit in einer Stahlfabrik alltäglich begegnen. Dabei nutzt Jlin nach eigenem Bekunden Trauer und Wut als kreativen Impetus, doch ventilieren ihre Stücke sie nur selten rein aggressiv oder oppressiv. „Dark Energy“ ist mindestens ebensoviel kühne Soundskulptur wie Perkussionsgeflecht – und alles andere als retro. (Uli Eulenbruch) |
26 |
Viet Cong Viet Cong [Jagjaguwar] |
| Nachdem sie schon das Vorjahr mit der brillanten Single „Continental Shelf“ abschlossen, gehörte der Januar 2015 endgültig den Kanadiern von Viet Cong. Im dichten Nebel lässt sich zwar noch irgendwie erahnen, dass die Band ihre Wurzeln im Post-Punk und Noise hat, doch „Viet Cong“ stapelt gleich mehrere Schichten verschiedener Richtungen aufeinander. Ob nun stakkatoartig abgebügelt, scheinbar hoffnungslos in Kakophonie versinkend (im Finale „Death“ mehr als auf die Spitze getrieben) oder im anderen Extrem sehr tanzbar und sich direkt an den New Wave schmiegend, besitzen Viet Cong eine extrem breit geformte Arbeitsfläche, die sich den wackeligen DIY-Charme durch eine permanente Ruhelosigkeit wie selbstverständlich erhält. (Felix Lammert-Siepmann) |
25 |
Young Fathers White Men Are Black Men Too [Big Dada] |
| In my humble opinion: Das Trio aus Edinburgh hat im letzten Jahr vollkommen verdient den Mercury Prize eingeheimst. „White Men Are Black Men Too“ klingt rauer als der Vorgänger und vor allem wie eine Konvergenz aus Rap, Indierock und Trap. Das Album war also prädestiniert dafür, in der von alt-J auf progressiv getrimmten UK-Indie-Szene viel Beifall zu bekommen. Das, was G´ Hastings, Massaquoi und Bankole hier präsentieren, ist zudem Beweis dafür, wieviel Melodie und Pop auch in ungeschliffenen DIY-Arrangements stecken können. Ein großer Wurf. (Philipp Kressmann ) |
24 |
John Grant Grey Tickles , Black Pressure [Bella Union] |
| Wenn man um ein paar sprachliche Ecken denkt, verstecken sich im Titel von John Grants drittem Soloalbum das isländische Wort für Midlife Crisis und das türkische für Albtraum. Trotzdem ist „Grey Tickles, Black Pressure“ das vielleicht positivste und hoffnungsvollste Album des ehemaligen Czars-Frontmanns – in jedem Fall aber sein selbstbewusstestes. Der balladeske Softrock des Debüts schimmert in den ruhigen Momenten zwar noch durch, dennoch dominieren elektronische Klänge das Album, die verführerisch um Grants elegischen Gesang tänzeln („Disappointing“) oder seinen brummenden Sprechgesang mit brachialen Industrial-Beats unterlegen („Guess How I Know“). Und immer wenn der lyrische Seelen-Striptease zu düster zu werden droht, baut der „greatest motherfucker“ ein schwarzhumoriges Witzchen ein, das die Geschichte auflockert und ihr die Schwere nimmt. (Daniel Welsch) |
23 |
Vince Staples Summertime ’06 [Def Jam] |
| In der Antike wäre Vince Staples sicher Stoiker geworden. Deren Lehre von Affektkontrolle und Leidenschaftslosigkeit hat der 22-Jährige auf seinem Debütalbum „Summertime ’06“ bereits komplett verinnerlicht und analysiert seine Heimat Long Beach, Kalifornien mit der unterkühlten Präzision eines Unfallchirurgen. Hoffnung sucht man hier vergeblich, stattdessen bevölkern Junkies, Mörder und Leichen die trostlosen Geschichten. Darunter klöppeln und klappern ebenso mechanische und kühle Beats, deren Perkussivität an die Neptunes-Produktionen für Clipse erinnert. Während Kendrick Lamars Album „To Pimp A Butterfly“ eine positive Botschaft der Selbstermächtigung formuliert, klingt Staples‘ Fazit erwartungsgemäß desillusioniert: „My teachers told us we were slaves/ My momma told me we was kings/ I don’t know who to listen to.“ (Daniel Welsch) |
22 |
Holly Herndon Platform [4ad / Beggars] |
| Es ist so eine Sache, Musik zu attestieren, sie sei „zeitgemäß“. Nicht nur, dass eine ordentliche Definition fehlt, vieles vor einigen Monaten Modernes ist heute schon wieder von gestern. Das ändert aber nichts daran, dass „Platform“ auf vielen Ebenen so futuristisch ist wie kaum ein anderes Album in diesem Jahr. Herndon nimmt sich inhaltlich der NSA, des Konsums, Big Data und des gesamten Kosmos eines Lebens jenseits der Privatsphäre an. Ihr Sound befindet sich schon in diesem Status: Karge Instrumentation, treibendes Sampling und nicht zuletzt ihre Stimme – oder besser Stimmfetzen – erzeugen beunruhigende Visionen über ein überwachtes Leben ohne Rückszugsräume. Einen derart stringenten Einklang von Inhalt und Form gab es zuletzt bei Kraftwerks „Computerwelt“. (Felix Lammert-Siepmann) |
21 |
Panda Bear Panda Bear Meets The Grim Reaper [Domino] |
![]() |
Randnotiz: Animal Collective gehören auf dieser Seite zu den Bands, die am stärksten polarisieren. Während die einen bei der Gruppe ein virtuoses Meisterwerk in Sachen Klanginnovation zu entdecken glauben, fühlt sich der Rest dazu provoziert, den Kopf zu schütteln. Zu den Songs des fünften Soloalbums von Noah Lennox kann man nun aber nicken. Zwar hat er hier alles andere als eine Pop-Platte komponiert, doch für Animal-Collective-Verhältnisse wirkt der Mix aus Psychedelik, Chillout und kratzbürstigem Dub schon fast gemütlich und transparent. Jedenfalls hat Panda Bear hier nicht nur auf einem Track sein Gespür für melodische Harmoniebögen unter Beweis gestellt. (Philipp Kressmann) |




sehr interessant bislang.