Nachdem Young Fathers vor knapp einem halben Jahr recht überraschend den Mercury Prize gewonnen haben, muss auch der Mainstream sie jetzt zur Kenntnis nehmen. Denn auch wenn ihre Musik dafür viele Ecken und Kanten besitzt, möchten sie ihre Message so weit wie möglich verbreiten – nun kommen auch Radiosender nicht mehr an Young Fathers vorbei.

Das Kollektiv arbeitet intuitiv und doch reflektiert, sie sind provokant ohne zu provozieren, sie machen keine typische Popmusik und wollen dennoch im Genre Pop verzeichnet werden. Young Fathers sind drei Musiker mit verschiedenen Wurzeln: Alloysious Massaquoi ist in Liberia geboren worden, als das Land vom Bürgerkrieg zerspalten war, durch die Hilfe des Roten Kreuzes rettete sich die Familie nach Edinburgh. Kayus Bankole ist schottischer Sohn nigerianischer Eltern und lebte zeitweise in den USA. Graham Hastings stammt aus einer Sozialwohnbausiedlung in Edinburgh. Mit 14 Jahren lernten sie sich auf einer Partyreihe namens „Lickshot“ in Edinburgh kennen und gründeten kurz darauf die Band Young Fathers – da sie alle nach ihren Vätern benannt wurden. Allein aus dieser kulturellen Zusammensetzung ergibt sich eine besondere Dynamik.

Ihre Themen kreisen um globale und soziale Probleme. „Still Running“ eröffnet die Platte direkt mit der Flucht vor Folter, „Sirens“ greift die Geschehnisse in Ferguson auf und „Nest“ sollte eigentlich nach einem Schweizer Lebensmittel-Großkonzern benannt sein. Nestlé gab Musik für eine Eisteewerbung bei Young Fathers in Auftrag, die dann in ihrem Song subtil und doch verständlich eine aggressive Werbung von Nestlé für Milchpulver in Nigeria kritisierten, bei der den Müttern eingeredet wurde, Milchpulver wäre besser für ihre Kinder als Muttermilch – mit der Folge, dass Kinder an Mangelernährung litten und immer noch leiden. Der Coup hätte auch beinahe geklappt, Nestlé hatte Interesse am Song, wollte aber kleinere Änderungen, die mit Young Fathers jedoch nicht zu machen waren. Jetzt ist der Song halt als Titel auf dem Album gelandet und alle können sich selbst ihre Meinung dazu bilden.

Um Gedanken und Kritik geht es auf „White Men Are Black Men Too“ so oder so. Da steckt die Message direkt im Titel, sodass man diese Worte in den Mund nehmen muss, wenn über das Album gesprochen wird. Die Werke des Trios sind von Wut und Emotionen getrieben, was man der Musik aber nicht unbedingt anmerkt, da die Melodien teilweise dennoch mitreißend sind oder sogar Wohlfühlmomente mit sich bringen. Auch wenn die Platte dichter und düsterer klingt als noch der Vorgänger „DEAD“, ist es ein fantastisches Stück Pop, welches mit viel Kritik, Spannung, Gefühl und den verschiedensten musikalischen Einflüssen zusammen in eine laufende Waschmaschinentrommel gepackt wird, um so ein ruppiges, rohes und darüber hinaus lieblich-leidenschaftliches Album zu produzieren. Es setzt sich vor allem aus Loops, Claps, wabernden Bässen, Gitarrenfetzen und Chören zusammen. Es wird weniger gerappt als auf „DEAD“, die Songs entwickeln sich aus Fragmenten von Gesängen, Schreien und Chören heraus, am Ende werden daraus eingängige Melodien mit Mitsingpotenzial.

Aufgenommen wurde das Album teilweise in Berlin, im Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit bauten Young Fathers ein provisorisches Studio auf. Als der Großteil der Songs in groben Zügen stand, luden sie, ganz nach den „Quality Control Meetings“ des Motown-Labels, verschiedenste vorwiegend fremde Leute zu Abhörsessions ein und erfragten Meinungen und Gefühle zu den einzelnen Stücken. Young Fathers provozieren diese intimen Momente, es geht oft darum, die eigene Komfortzone zu verlassen, über Grenzen zu gehen – und sei es nur das Gespräch über die Hautfarbe, über welches ihrer Meinung nach in der Öffentlichkeit ungern gesprochen wird. Sichtbarkeit ist ihnen wichtig: Als Vorsichtsmaßnahme, und damit wirklich niemand mehr an ihnen vorbei kommt, klebt auf jedem Tonträger ein Sticker „File under Rock and Pop“.

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