Sich ein bisschen berieseln lassen und Anonymität genießen, können einige sicherlich bei einem regulären Konzertbesuch. Bei Shows von Holly Herndon wird man diesbezüglich eher enttäuscht. Hat man im Vorfeld die Teilnahme am Konzert bei Facebook bestätigt, kann es durchaus sein, dass Herndons Live-Partner durch einzelne Profile scrollt und sie dem Publikum via Projektion präsentiert. Juristisch eine Grauzone? Schon fängt der Diskurs an. Auf jeden Fall ist es ein performativer Akt, der direkt zu Herndons Album „Platform“ führt, das sich konzeptuell der Welt der Digital-Native-Generation widmet. Spätestens seit dem 2012er „Movement“ repräsentiert sie Nervenspagat und innovative Soundschöpfung. Seitdem dürfen sich Musikredakteure auch Geräuschredakteure nennen.

Und als wäre ein Konzeptalbum zum Teil nicht schon immer eine leichte Herausforderung für die Hörerschaft, hat man es im Falle von „Platform“ auch noch mit einem eigenwilligen Konglomerat aus dem Mac-Papierkorbleeren-Sound, wahnwitzigen Samplekarussells, Loops von Messenger-Sounddesigns und Autotune zu tun. So klingt das also, wenn das Innenleben eines Laptops auf Herndons größtenteils apathische Gesangsequenzen trifft. Der inhaltliche Hintergrund ist nicht weniger komplex: Wenn Herndon über das Internet singt, es klangästhetisch quasi performt, ist das nicht als euphorisches Manifest angelegt. Das Flüstern auf dem komplett beat- und klangfreien Stück „Lonely At The Top“ klingt wie ein aufgenommenes Skype-Gespräch, von dem man aber lediglich eine Gesprächsseite vernimmt. Man vermeint hier, einer Angelegenheit zuzuhören, die einen eigentlich überhaupt nichts angeht. Natürlich liegt der Gedanke nicht fern, dass Herndon durch solche Zwischenspiele Überwachungsmethoden der transnationalen Geheimdienste thematisiert. Das geschieht aber äußerst subtil: „Who lasts? Grass lasts/ Who lasts longest? Glass lasts longest.“ Die Zeile könnte Glasfaserleitungen meinen, die die NSA anzapft, wie seit der Enthüllung der PRISM-Programme bekannt geworden ist. Durch das ganze Album schlängeln sich zudem Aufnahmen von Bewegungen und Atemgeräuschen, die gegen den Takt und die eigentlich vermutete Soundtendenz gerichtet sind. Dass jemand von außerhalb theoretisch etwas davon mitkriegen könnte, was vor dem Laptop einer anderen Person so zugeht, ist seit Snowden bekannt. Jenem dankt Herndon im Booklet übrigens neben der Dokufilmerin Laura Poitras, die den Whistleblower in „Citizenfour“ porträtierte.

Der Witz ist aber auch, dass diese Platte gar keine Rückkehr zu einem Prä-Web-Zeitalter zu initiieren versucht. Das in ihren Videos häufig aus verschiedenen Perspektiven in Szene gesetzte Motherboard ist gerade das einzige Instrument, das Herndon kennt. Obwohl die Doktorandin für „Computer Research in Music and Acoustics“ nahezu jede Spur digital erzeugt hat, klingt diese Geräuschmusik jedoch unfassbar organisch. Dafür sorgt mitunter der Soprangesang von Amanda DeBoer Bartlett auf „DAO“, als auch die glitchigen Beats in „Home“, die phasenweise in Richtung Grime, aber auch Trap gehen. Und wenn sie mal mehr Lust hat mitzumachen, bastelt sich Herndon halt einfach einen sakral anmutenden Chor, indem sie einzelne Haucher loopt und diese Aufnahmen mehrspurig laufen lässt. Na dann viel Vergnügen beim Abhören. Die CPU-Auslastung war bei dieser Bastelarbeit bestimmt nicht nur phasenweise hochprozentig. Doch all das bleibt reine Vermutung, denn eines sind die Arrangements ganz sicher nicht: transparent. Und dann kommt auch noch hinzu, dass „Platform“ strukturell weder Song noch Track ist. Obwohl Herndon ihre Wurzeln in Berliner Minimal Music hat, kann man dieses Klangexperiment nicht Techno nennen. Denn der hat sowohl Kontur als auch eine Klimax – „Platform“ nicht. Kompositorisch maschinell und lebendig, das hier ist Grusel-Ambient für Cyborgs. Nur auf „Morning Sun“ klingt Herndon aufgeräumt und virenfrei, beinahe schon sonnig. Das bleibt aber eine echte Ausnahme.

Nach dem letzten Track „New Ways To Love“ steht dann zur Diskussion, was an „Platform“ anstrengender war: der erste Durchlauf oder ihre Produktion. Beides fordert Kraft, dennoch üben diese eigenwilligen Collagen eine hohe Anziehungskraft aus. Etwa dann, wenn neben vorgelesenen Werbetabs für griechischen Joghurt (so eines der Fragmente in „Locker Leak“) Bekenntnisse wie „I don´t know how to be on my own“ vernehmbar werden. So enigmatisch und verschachtelt „Platform“ auch inszeniert ist, immer wieder schwirren persönliche Momentaufnahmen herum. Gleichzeitig wird man Zeuge einer beklemmenden, fast schon dystopisch anmutenden Grundatmosphäre, die Herndon in eine bemerkenswert innovative Soundlandschaft eingebettet hat. Konzept, Oberthema, sperrige Arrangements – Herndon spielt neben Laurel Halo und Fatima Al Qadiri ganz oben in der Liga für obskuren Experimentalpop. Wobei für „Platform“ selbst das Attribut „experimentell“ viel zu niedlich sein dürfte.

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