JlinDark Energy

Als Planet Mu vor dreieinhalb Jahren mit der zweiten Ausgabe seiner Footwork-Compilation „Bangs & Works“ den Fokus ganz auf Chicago legte, ragte gleich zu Beginn neben Tracks von – damals dem Großteil der Welt noch ebenso unbekannten – großen Namen wie DJ Rashad, RP Boo und Traxman das völlig einzigartige „Erotic Heat“ von Jlin hervor. Mit ihrem Debütalbum „Dark Energy“ festigt dessen Macherin ihren Status als Beatvisionärin, die dafür ebenso aus ihrer eigens erstellten Industrial-Klangpalette schöpft wie aus Ballett, Horrorfilmen und Beat-’em-up-Spielen.

So weitab, wie ihre östlich von Ost-Chicago bereits in einem anderen US-Bundesstaat liegende Heimatstadt Gary von der Footwork-Metropole ist, stehen auch Jlins Kompositionen von den weiter verbreiteten Herangehensweisen der Szene. Wo viele andere Produzenten sezierten Soul und Rap samplen und neben wolkigen Synths zum Melodieträger machen, kreiert Jlin ihre eigene Basis von hämmernden, dampfenden und zischenden Industriegeräuschen, wie sie ihr bei der Schichtarbeit in einer Stahlfabrik alltäglich begegnen. Zugleich zielen ihre Perkussionsgeflechte trotz aller Footwork-typischen Anschlagsfrenetik nicht primär auf den verstolpergefährdeten Beinarbeits-Battle. Sie erzeugen abstraktere Kopfmusik-Räume, deren polyrhythmische Querschläger nicht den Fluss unterbrechen, in dem Jlin Impulsschübe aus Snare, Bass, Hi-hat und hölzernem Klöppeln voneinander abrollen lässt.

Weitaus popkultureller sind die Samples, mit denen sie ohnehin schon evokative, (gesellschafts-)politisch geladene Titeln wie „Guantanamo“ enger an ihren Alltag bindet. So bereichern dort beunruhigende Dialogfetzen und Entsetzensschreie aus dem amerikanischen „Ringu“-Remake die krächzende, schabende Beklemmung, operesk losgelöste Vocals hingegen geben Eröffnungsstück „Black Ballet“ so viel Eleganz wie Dramatik. Gemein mit der Tanzdarbietung ist dem Kampfsportfilm die Choreographie und während Holly Herndons ätherisch verfremdetes Raunen zu Bruce Lees Kampfphilosophie-Dialog aus „Enter The Dragon“ das durchaus aggressive „Expand“ meditativ balanciert, streut „Infrared (Bagua)“ mehr als nur so vereinzelt wie „Black Diamond“ die montrösen Ansagen aus „Mortal Kombat“ ein. Hier peitschen und fegen die Snares von einer Duellantenseite zur anderen wie die Schlag- und Trittgeräusche aus dem überbrutalen Beat-em-up-Klassiker, die am Anfang des Tracks zu hören sind, als würde das Stück die Dynamik der Kampfszene eines Actionfilms oder -spiels nachempfinden.

Zwar nutzt Jlin nach eigenem Bekunden Trauer und Wut als kreativen Impetus, doch ventilieren ihre Stücke sie nur selten rein aggressiv oder oppressiv. Mag „Black Diamond“ rhythmisch auch eng angespannt sein, ist es dennoch elastisch genug, um hölzerne Pads nur so von der Zunge rollen zu lassen wie auch albern gepitchte Vocals, während „So High“ erst recht von jedem Ernst losgelöst dahintorkelt. Im Finale schließlich lockert „Abnormal Restriction“ die emotional geladenen Szenen aus „Mommy Dearest“ mit einer quäkenden „sad trombone„, die Hauptattraktion des Tracks ist jedoch sein mechanisches Sirren, das die Gelenkbewegungen eines Roboters erst in monotoner Repetition, bald aber rhythmisch immer tollkühner nachempfindet. „Dark Energy“ ist mindestens ebensoviel kühne Soundskulptur wie Beatteppich, hier jedoch will das Maschinenleben auch einmal Tanzluft schnuppern.

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