AUFTOUREN 2015Das Jahr in Tönen (Platz 50-1)
10 |
Jenny Hval Apocalypse, girl [Sacred Bones] |
| Ein Album beginnt mit einer Spoken-Word-Passage über langsam bräunende Bananen in einer norwegischen Küche und lässt ein meditatives Synth-Pop-Irgendwas folgen, auf dem die Sängerin immer noch kaum ein Wort singt: Vielmehr rhythmisiert sie ihren Sprechfluss über seltsam kryptische Reflexionen, die mal mehr mal weniger autobiographisch und/oder soziologisch gefärbt zu sein scheinen. Komfortzonen kennt Jenny Hval auf ihrem Album „Apocalypse, girl“ nicht, auch wenn sie dann spätestens bei „That Battle Is Over“ der Konvention frönt und das Experimentelle zumindest hier und im noch stärker songorientierten „Heaven“ einen Hauch nach hinten gedrängt wird. Mit Hingabe und dem Gespür für unmöglich scheinendes Zusammenklingen meistert sie ein medial wie ideell versponnenes Werk, dessen Dichte und Einflussreichtum in diesem Jahr seinesgleichen suchte. (Carl Ackfeld) |
9 |
Bilderbuch SCHICK SCHOCK [Maschin ] |
| Team Bilderbuch oder Team Wanda? 2015 waren Österreichs Bands nach Jahren der Abwesenheit endgültig zurück auf der Bildfläche und polarisierten. Wanda mit Schlagerästhetik, Amore und doppelbödigen Texten, Bilderbuch mit der ganz großen Austropop-Geste à la Falco und Songs über Autos, Softdrinks, Hintern und Spliffs. AUFTOUREN schlägt sich klar auf die Seite von Maurice, Michael, Peter und Philipp und dem „Neuen Wiener Soul“, wie Bilderbuch ihre Musik selbst nennen. Alles stimmt hier: die Pose, der Gestus, die Klamotten und vor allem die Selbstironie. „Aus Brot mach ich Cake/ Nenn mich Maurice Antoinette/ Sparkling, sparkling in meinem Glas/ Sag wer ist der Schönste an der Bar“ – unterhalb der Diagnose „manischer Narzissmus“ geht es bei Bilderbuch nicht. Und genau deshalb sagen wir: Schick Schock! (Benedict Weskott) |
8 |
Algiers Algiers [Matador / Beggars] |
| Es ist ein vehementer Post-Punk-Gothic-Gospel-Moloch, den das Trio aus Atlanta auf seinem Debüt bis zum Exzess zelebriert. Neben querverweisenden Bezügen auf den wütenden Protest der Black-Power-Bewegung, die nicht nur im perkussiven Kettenrasseln niederschlagen, nehmen die Musiker auch bei anderen kontroversen politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Themen kein Blatt vor den Mund. Das Ganze verpacken sie in rhythmisch komplexe und einhämmernde Songs wie „Black Eunuch“ oder das giftig eröffnende „Remains“, das gleich wie eine Feuerwalze losdampft und das Feld für den nachfolgenden Donnerschlag bestellt. Roh, unbehauen, anstrengend – gerade das macht „Algiers“ zu einem der spannendsten Erstlingswerke des Jahres. (Carl Ackfeld) |
7 |
Tame Impala Currents [Caroline] |
| „Let It Happen“ als Fanal: Auf einem spacigen Synthie-Teppich breitet sich der Eröffnungssong auf acht Minuten unaufhaltsam aus. Es ist der endgültige Abschied von Gitarren- und Bandstrukturen und die Manifestation der One-Man-Show des Kevin Parker. Bass, Gesang und eben Synthesizer sind klar positioniert und verschaffen der Band, die ihren Zenit bereits erreicht zu haben schien, eine vollkommen neue, weil eigenständige Identität. Es geht weg von der großen Rockmanege auf eine ebenfalls große Bühne gefüllt mit glitzerndem Funk, Disco und nicht selten einfach himmlischem Pop. „Currents“ darüber hinaus auch noch autobiographisch zu nennen, wäre vielleicht etwas übertrieben, doch Kevin Parker findet einigen Gefallen daran, die musikalische Wandlung auch mit persönlichen Eingeständnissen zu unterfüttern. Greifbar, mit einfachsten Worten beschrieben („Yes I’m Changing“, „‘Cause I’m A Man“) entpuppt sich das als perfekte Begleitung. (Felix Lammert-Siepmann) |
6 |
Joanna Newsom Divers [Drag City] |
| Auf kaum ein Album wartete die Welt wohl sehnsüchtiger als auf den Nachfolger zu „Have One On Me“ („25“ mal ausgenommen). Joanna Newsoms „normalstes“ Album strotzt trotz allen formalen Konventionalismus‘ (elf Titel, ein Tonträger, Spielzeit um die 50 Minuten) nur so vor Einfällen und Erfindungsreichtum. Sicher, ihre Stimme und ihr Hauptinstrument werden weiterhin Nationen spalten, doch wer solche Kleinodien wie den schwerelosen Titelsong oder das überschwängliche „Sapokanikan“ mit ihren zahlreichen instrumentalen Kapriolen fabriziert, ist von der Muse beseelt. Das sie überdies deutlich reifer klingt und die Harfe zugunsten eines behutsam erweiterten Klangspektrums in den Hintergrund stellt, kommt den feinen Kompositionen deutlich zugute und hebt „Divers“ zu Recht in unsere Top Ten. (Carl Ackfeld) |
5 |
Susanne Sundfør Ten Love Songs [Sonnet Sound] |
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Dass „Ten Love Songs“ kein gewöhnliches Popalbum mit gewöhnlichen Popsongs ist, merkt man spätestens dann, wenn „Accelerate“ nicht in orgelndem Unheil endet, sondern sein gefasstes Schlagzeugspiel direkt in „Fade Away“ übergeht. Nicht nur das elaborierte Arrangement einzelner Stücke mit barocken Outros oder beatlosem Vangelis-Grandeur, auch die Gesamtdramatik ihres gesamten Songzyklus behält die Norwegerin im Auge und sorgt so für phänomenale Erlebnisse, wie wenn die kosmisch-elegische Synth- und Streicher-Suite „Memorial“ ihren letzten Atemhauch im Raum hält und ein einminütiges THX-Crescendo-Intro den treibend-eingängigen Synthpop von „Delirious“ umso majestätischer auftreten lässt. Niemand sonst hat dieses Jahr gleichermaßen viel Sorgfalt und Durchdachtheit in einzelne Songs und das Album als größeres Gesamtwerk gelegt, im Pop oder anderswo. (Uli Eulenbruch) |
4 |
Kendrick Lamar To Pimp A Butterfly [Interscope] |
| In gewisser Weise ist „To Pimp A Butterfly“ sowas wie Kendrick Lamars „In Utero“. Was sich im vergangenen Jahr mit der damals eher enttäuschenden Vorabsingle „i“ (auf dem Album übrigens in runderneuerter A-cappella-Variante) mal so überhaupt nicht angedeutet hat: Das Werk nach dem Jahrzehnt-Album ist ein Jahrzehnt-Album, waghalsig und auf seine Art brachial. Lamar etabliert hier eine ganze Schar von Stimmen, mal Ohrwurm des Jahres („King Kunta“), mal Abgrund („The Blacker The Berry“). In den gesamten 80 Minuten fällt das Werk trotz seines Ideen-Potpourris kein einziges Mal in sich zusammen. Im Gegenteil: Angefangen vom mächtigen Albumcover bis hin zu gleich mehreren herausragend inszenierten Videos (allein schon „Alright“, hey!) und einem unnachahmlichen Live-Medley bei Stephen Colbert beweist der inzwischen 28-Jährige auch auf allen flankierenden Ebenen sein Ausnahmetalent. Davon ist auch Obama offiziell Fan. (Pascal Weiß) |
3 |
Sufjan Stevens Carrie & Lowell [LABEL] |
| Dass Sufjan Stevens nach dem knallbunten „The Age Of Adz“ irgendwann zu besinnlichen Klängen zurückkehren würde, war keine große Überraschung. Die Konsequenz jedoch ist bemerkenswert. Denn das hier ist selbst im Vergleich zu seinem bis dato zurückgezogensten Album „Seven Swans“ harte Kost, der Kloß und im Hals und betretendes Schweigen sind jedenfalls dauerhafte Begleiter auf „Carrie & Lowell“. Mit der Erfahrung aus 40 Lebensjahren und der Unschuldigkeit eines 20-Jährigen sehnt sich Stevens nach Hause, zu seiner Familie, in seine Vergangenheit. Wünsche, die sich nicht mehr erfüllen lassen. Umso desillusionierter, aber auch heilsam entwickeln sich seine Songs, ganz so wie Blicke durch ein Fenster, das für immer geschlossen bleiben wird. (Felix Lammert-Siepmann) |
2 |
Destroyer Poison Season [Dead Oceans] |
| Dan Bejar verabscheut die zeitgenössische Popmusik. Das gab er in Interviews zu dem neuen Album seiner Band Destroyer zu Protokoll und entschuldigte sich beinahe für die Popmomente auf „Poison Season“. Bejars Pop hat freilich nichts mit aktuellen Strömungen gemein, sondern ignoriert gekonnt jegliche Musik, die nach den frühen Achtzigern aufgenommen wurde. Im Vergleich zum gefeierten Vorgänger haben Destroyer wenig an ihrem Rezept verändert, gehen aber noch verschwenderischer mit den Zutaten um. Das süffige Saxophon von „Kaputt“ hat nun einen kompletten Bläsersatz im Rücken, die Streicher schwelgen und seufzen noch eleganter und kunstvoller. Das Ergebnis kann man Softrock, Artrock und Jazz-Pop nennen. Oder einfach: Pop. (Daniel Welsch) |
1 |
Julia Holter Have You In My Wilderness [Domino] |
| Den endgültigen Beweis dafür, dass mehr manchmal auch mehr sein kann, hat in diesem Jahr Julia Holter erbracht. Nachdem ihre ersten Alben bereits eher von experimenteller Strahlkraft waren, lässt sie auf „Have You In My Wilderness“ genau die Menge an Pop zu, die sich mit ihrer Ätherik und Soundästhethik vertragen. Ein Mehr an vokaler Raffinesse tut ihr Übriges und lässt Holter nicht nur im schwelgerischen „Betsy On The Roof“ nach den Sternen greifen. Ihre raffinierten Klangexperimente entpuppen sich darüber hinaus mehr und mehr als idealer Nährboden für funkelnde Popmelodien, und so schimmern Stücke wie das fabelhafte „Lucette Stranded On An Island“ oder „Feel You“ deutlich weniger dezent durch das tonale Geäst als zuvor. Unnahbar und trotzdem unfassbar persönlich: so sinnlich war Pop in diesem Jahr nirgendwo und wie kann es anders sein, damit unser Album des Jahres. (Carl Ackfeld) |



sehr interessant bislang.