Die Gratwanderung zwischen zu viel Pathos und einfach gutem, überzeugendem Songwriting ist immer eine riskante. Wenn aber mit Feingefühl eine Balance gefunden wird und die lyrische Kraft die Wogen glättet, so kann etwas Großartiges entstehen. Und wenn dieser Künstler dann auch noch John Grant heißt und gleich all dies auf „Grey Tickles, Black Pressure“ vereint, dann kann es nur überzeugen. Entstanden sind 14 musikalisch sehr unterschiedliche Songs, die dennoch auf eine nicht zu greifende, bizarre Art verbunden sind.

Tausendsassa Grant konnte durch seine zwei vorherigen Alben eine große Fangemeinschaft für sich gewinnen – wahrscheinlich, weil er zu der Sorte Songwriter gehört, die schonungslos ihre ganz persönliche Geschichte verarbeitet – und dies mit jedem Werk auf eine neue, noch rohere Weise. So sind wir nun bei einem Album angekommen, das zwischen elektronischen Uptempo-Nummern mit meist bissigen Texten, zwischen Lustigkeit, Zynismus und Sarkasmus sowie schwermütigen Balladen, gesungen mit ergriffener Stimme und groß aufgefahrener Instrumentierung wechselt. Egal wie der Sound ist, in allen Arrangements findet sich immer ein persönlicher Teil von Grant wieder.

Hinzu kommt noch, dass er prominente Unterstützung erhält. Einmal von Dresden-Dolls-Sängerin Amanda Palmer, der wohl kantigste und mit viel Bass wummernde Track des Albums „You And Him“ zeichnet sich insbesondere durch seine sarkastischen Lyrics aus: „You and Hitler oughta get together/ You oughta learn to knit and wear matching sweaters […]/ You and Hitler oughta tie the knot/ You could do it at Taco Bell to spice up the plot“. Mit Tracey Thorn hingegen zaubert Grant eine funkige Elektro-Pop-Nummer („Disappointing“), in der sich beide Parteien auf Augenhöhe begegnen und galant harmonieren. Und das bei einem Musiker, der sich sonst gerne selbst inszeniert – immer jedoch auf eine kunstvolle und emotional erwachsene Weise.

Was in seinen vorherigen Alben vielleicht noch als (Selbst-)Zweifel oder Verzweiflung anklang, ist nun auf seinem Drittling zwar nicht unbedingt hoffnungsvoller, aber selbstreflektierter und auch selbstsicherer (wie bei der elegischen und pompösen Ballade „Magma Arrives“). Ein Mann, der in seinem Leben schon so einiges erleben musste an Homophobie und Diskriminierung, Depressionen, Alkohol- und Drogensucht. Die Schwere der Themen könnte nach unten ziehen, dennoch ist „Grey Tickles, Black Pressure“ ein Album der Hoffnung. Wie es Grant schafft, lässt sich nicht unbedingt in Worte fassen, es ist eher ein Gefühl. Wenn das „Outro“ – ein Auszug aus dem biblischen Hohelied der Liebe – von einer kindlichen Mädchenstimme zu Ende rezitiert wird, fühlt sich dieser Moment trotz der Wucht der vorherigen Lyrics überraschend leicht an: „It [Love] always protects, always trusts, always hopes […]/ Love never fails“. Man möchte fast romantisch meinen, dass immer irgendwie Hoffnung besteht, auch wenn man an einem dunklen Punkt steht. Gerade John Grant, der oft an dieser Situation zu scheitern schien, zeigt uns was möglich ist.

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