AUFTOUREN 2015 – Das Jahr in Tönen

20

Kurt Vile 

b’lieve i’m goin down…

[Matador / Beggars]

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Kurt Vile hält es aus, wenn mal nicht viel passiert – eine Kunst, die nicht mehr viele vermögen, weil das Leben immer mit möglichst viel Inhalt gefüllt werden will und keine Zeit für Muße ist. So nerdig er optisch auch daherkommt, so sehr ist er doch ein guter Beobachter und richtet mit seinem sechsten Album auch den Blick auf sein verändertes Leben als Vater zweier Kinder. Er ist in der Lage, eine Nähe zu generieren, zwischen die sich manchmal nur der nasale Murmelfaktor schiebt, der es unmöglich macht, alle Texte auf Anhieb zu verstehen.  (Katja Diehl)


19

Ibeyi 

Ibeyi 

[XL / Beggars]

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Naomi und Lisa-Kaindé Diáz alias Ibeyi haben nicht nur die kubanische Percussion-Legende Miguel „Angá“ Díaz zum Vater, sondern auch ein Höchtsmaß an musikalischer Kreativität gepachtet. Auf ihrem Debütalbum vermischen die Zwillinge traditionelle westafrikanische Musik mit kontemporären Einflüssen. So finden Chants vom Volk der Yoruba mit Post-R’n’B und HipHop à la Frank Ocean, James Blake oder King Krule zusammen – ein musikalisches Alleinstellungsmerkmal. Altes gehen lassen, alles neu machen, dieses Credo zieht sich durch die vielseitigen Songs auf „Ibeyi“, das in Sachen musikalischer Bandbreite, Gefühlstiefe und Eindringlichkeit schon zu Beginn des Jahres die Messlatte hochlegte. Ein großartiges Debüt, das dringend nach mehr verlangt. (Benedict Weskott)


18

Miguel 

Wildheart

[RCA Int.]

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„Adorn“, nein eigentlich „Kaleidoscope Dream“ in seiner ganzen schummrigen Güte war aus der Rückschau betrachtet nur ein Aufgalopp für das, was Miguel sich für sein drittes Album „Wildheart“ aufgespart hat. Der potentielle Erneuerer nahezu sämtlicher Spielarten souliger Musik verdichtet seine nicht immer ganz jugendfreien Gedanken zu einem glitzernden Potpourri der Lust. Nicht selten ertappt man sich dabei, an der Stimme des Musikers zu hängen, die genau so lieblich wie aufreizend die höchsten Klippen erotischer Klangkunst zu umschifft. Sexualisiert und trotzdem „sophisticated“ klingt „Wildheart“ nie anrüchig, vielmehr schüttet Miguel ein wahres Füllhorn an fühlbarer Ekstase zusammen und lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass er die Lust an Leben und Liebe wie ein König über sein Reich beherrscht. (Carl Ackfeld)


17

Kamasi Washington 

The Epic

[Brainfeeder]

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Kendrick Lamar hat mit „To Pimp A Butterfly“ nicht nur selbst ein (halbes) Jazzalbum aufgenommen, sondern auch Kamasi Washington, der den MC als Arrangeur und Saxofonist unterstützte, einem eher Jazz-unkundigen Publikum erschlossen. Doch obwohl der 34-jährige Tenorsaxofonist aus Los Angeles bereits mit Rap- und Soulkünstlern wie Snoop Dogg und Lauryn Hill zusammenarbeitete und sein Album auf Flying Lotus‘ experimentellem Label Brainfeeder erschien, fusioniert er auf „The Epic“ Jazz nicht mit Rap und elektronischer Musik, sondern hat mit seiner zehnköpfigen Band, einem 32-köpfigen Orchester und einem 20-stimmigen Chor im Gegenteil ein eher klassisches, am politisch engagierten Jazz der Sechziger orientiertes Werk aufgenommen. Nicht nur die Zahl der beteiligten Musiker sowie die Länge dieses fast dreistündigen Dreifachalbums, sondern vor allem die sich auftürmenden und ausschweifenden Arrangements der 17 Stücke überwältigen mit Masse und Klasse. (Daniel Welsch)


16

Courtney Barnett

Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

[Marathon Artists / House Anxiety ]

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Obwohl ihre Sozialisation im Grunge und Indie-Rock auf ihrem Debütalbum sofort herauszuhören ist und geschickt ausgespielt wird, ist Courtney Barnetts eigentliches Erfolgsrezept ihr unglaubliches Talent als Geschichtenerzählerin. In den Momenten, in denen sie sich am wohlsten fühlt, ist sie keine Sängerin im Wortsinn mehr, vielmehr eine Freundin von nebenan, aus der die Wörter mit unnachahmlicher Lässigkeit nur so heraussprudeln. Alltägliche Beobachtung, Witz und Sarkasmus gehen hier Hand in Hand. Fast erinnert diese Herangehensweise an Bob Dylan zu seinen Glanzzeiten. Ähnlich rasant spuckt Barnett die Wörter aus, ähnlich treffend ist jedes einzelne von ihnen. (Felix Lammert-Siepmann)


15

Protomartyr 

The Agent Intellect 

[Hardly Art]

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Wer Sänger Joe Casey auf der Bühne sieht, muss womöglich ebenfalls unweigerlich an Matt Berninger denken – obwohl er ihm unähnlicher kaum sein könnte: Zwei verschmierte Sixpacks Bier hier, das gerade gespülte Glas Rotwein da. Das Jackett: hier uselig, dort piekfein, Und doch: Auch die Drums spielen auf „The Agent Intellect“ eine ähnlich wesentliche und vordergründige Rolle, wie es bei The National der Fall ist, insgesamt sind diese beiden Bands gar nicht so weit voneinander entfernt. Dazu gehören dann eben auch zwölf lupenreine Singles. Postpunk vom Zapfhahn. (Pascal Weiß)


14

Titus Andronicus

The Most Lamentable Tragedy

[Merge]

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Titus Andronicus, soviel sollte inzwischen feststehen, fühlen sich auf der großen Bühne der Weltgeschichte am wohlsten. Dass sie das etwas in Vergessenheit geratene Konzept der Rock-Oper dabei wieder hervorkramt haben, ist daher nur folgerichtig. Alles schmeckt noch ein bisschen nach „The Monitor“, dem letzten großen Wurf der Band. In seiner Umgebung könnte auch die Geschichte des Helden aus „The Most Lamentable Tragedy“ spielen, der ein ständiges Auf und Ab durchläuft, bevor es schließlich zur Katastrophe kommt. Dazu spielen Titus Andronicus groß und vor allem wild auf. Ungestüm und schweißtreibend wählen die Mannen aus New Jersey auch mal ganz bewusst den einfachen Akkord, um den entscheidenden Schritt nach vorne zu machen. (Felix Lammert-Siepmann)


13

Sleater-Kinney

No Cities To Love

[Sub Pop]

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So viele Erinnerungen es 2015 auch daran gab, wie unnötig Rockband-Reunions doch meistens sind (*ähem* Refused *ähem*), so triumphal erwies sich die Rückkehr von Sleater-Kinney. „No Cities To Love“ ist mehr als eine Ehrenrunde, mit neuem Ernst und einer spielerischen Intensität, die live mittlerweile auch Katie Harkin als dritte Gitarristin hinzubringt, sind Abgesänge wie „No Cities To Love“ und „No Anthems“ das kreative Ventil für Frustrationen über kapitalistisch motivierte und mediale Fehlentwicklungen in den zehn Jahren seit ihrem letzten Album. Dem entsprechen die nervösen Gitarrendynamiken und Janet Weiss‘ muskulöses Schlagspiel ebenso wie die harmonischen Momente das einfordern, was den dreien als Band gelungen ist: Stärke durch Zusammenhalt. (Uli Eulenbruch)


12

Jamie xx

In Colour

[Young Turks / XL / Beggars]

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Ich gebe es unumwunden zu, anfangs war ich vom Solodebüt von Jamie xx gar nicht so begeistert. Umso erstaunter war ich darüber, dass ich irgendwie immer wieder auf „In Colour“ zurückkam. Richtig „Klick“ gemacht hat es dann an einem der heißen Tage des Sommers, im überhitzten Auto bei kaputter Klimaanlage, wo auf einmal schien alles am rechten Platz erschien: Die Oldschool-Jungle-Samples, aber die Verweigerung ihrer völlige Abfahrt versprechenden Prophezeiung, die bekannten Steel Drums, das Auftauchen seiner Bandkollegen in maßgeschneiderten Anzügen und der komische R’n’B, der dem Gastsänger ungefähr so viel Raum zugestand wie den anderen verwendeten Vocal-Samples – „In Colour“ ist ein Versprechen, nicht seine Einlösung, aber dieses Versprechen ließ und lasse ich mir gerne ins Ohr säuseln. (Mark-Oliver Schröder)


11

D’Angelo And The Vanguard

Black Messiah

[Def Jam]

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Als das Jahr 2014 eigentlich schon musikalisch abgehakt und alle Bestenlisten geschrieben waren, erschien mitten im traditionell eher veröffentlichungsarmen Dezember und ohne große Ankündigung D’Angelos lang ersehntes Comebackalbum. Die triumphale Rückkehr wurde medial zu einer Auferstehungsgeschichte hochstilisiert, was der Albumtitel „Black Messiah“ in gewisser Weise provoziert. In den Liner Notes klärt D’Angelo aber auf, dass er weder sich selbst, noch eine andere Person damit meint, sondern ein kollektives Gefühl heraufbeschwören möchte: „We should all aspire to be a Black Messiah. It‘s about people rising up in Ferguson and in Egypt and in Occupy Wall Street and in every place where a community has had enough and decides to make change happen.“ Dass es ihm nach fast 15 Jahren nicht nur gelingt, trotz der klaren Verwurzelung im klassischen Soul, Funk und R’n’B zeitgemäß zu klingen, sondern „Black Messiah“ auch die gegenwärtige Stimmung der (schwarzen) US-Bevölkerung einfängt und als Kommentar zu den Protesten und Unruhen verstanden werden kann, zeigt einerseits die Aktualität und andererseits die Zeitlosigkeit dieses grandiosen Comebacks. (Daniel Welsch)


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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2015 – Das Jahr in Tönen”

  1. e. sagt:

    sehr interessant bislang.

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