AUFTOUREN 2014 – Das Jahr in Tönen


Cymbals Eat Guitars

LOSE

[Tough Love]

Rezension | Homepage

Vom ersten Hören an fühlt sich das dritte Album von Cymbals Eat Guitars wie eines jener persönlichen Indie-Rock-Juwelen an, mit denen man sich mehr beschäftigen möchte. Umso bestechender ist es, wenn klar wird, wie die Musik die Erfahrungen von Joseph D’Agostino widerspiegelt und intensiviert, die er mit leicht nasalem Gesang bis in die Falsettwolken von „Jackson“ trägt. „LOSE“ verarbeitet den Tod eines Jugendfreundes und wie D’Agostino daran erst zerbricht, dann reift, springt dabei punkig-roh in Teenager-Jahre („XR“), synthig gemildert in die Mittzwanziger („Chambers“) und piano-streicher-akzentuiert dazwischen mit dem Modest-Mouse-igen „Child Bride“. Jene kürzeren Songs stehen in Intensität den vier Mehr-als-sechs-Minütern nicht nach, doch eben „Laramie“ und „Jackson“ sind so herrlich weit angelegte Gitarrenwand-Herzensstiche, wie sie dieses Jahr keiner anderen Band gelangen. (Uli Eulenbruch)


Wanda

Amore

[Problembär]

Rezension | Facebook

Es war einer der letzten großen Hypes des Jahres. Die Wiener Band Wanda wurde in den vergangenen Wochen einhellig gelobt, die Kritik und das Feuilleton sind entzückt, die Fans nicht minder, schließlich sind viele Konzerte ausverkauft. Erklärt sich aber doch auch von selbst: Das Debüt ist eine Platte voller Hits und schlauer Slogans, die man wahlweise durch die Nacht brüllen oder sich auf die Unterlippe tätowieren möchte. „Weil Du weiße Zähne hast, obwohl Du ständig rauchst, ist der Thomas in Dich verliebt und ich auch.“ Einmal angefixt, kommt man auch vom knackigen Sound kaum mehr los. Die Gitarren erinnern an den kaputten Junkie-Rock von The Libertines, Frontmann Marco Michael Wanda palavert in seinem charmanten Wiener Schmäh über Schnaps, Liebeskummer und seine Cousine, mit der er leider nicht schlafen, reden, leben und tanzen kann, weil die beiden sich nicht trauen. Insgesamt: leiwand! (Kevin Holtmann)


Freddie Gibbs & Madlib

Piñata

[Madlib Invazion]

Rezension

Wäre dem Duo aus Sampledreher Madlib und Wortfeuerzeug Gibbs ein Filmregisseur beizuordnen, so böte sich wohl am ehesten Neo-Noirist Michael Mann an: „Piñata“ ist stimmungsvoll im Nachtlicht gehalten, voll cinematisch-stylischem Flair und doch erzählerisch höchst effizient und tiefgängig. Gibbs zieht aus persönlicher Erfahrung auf den Straßen, ohne darin übermäßig zu schwelgen und bloß sich selbst an die große Glocke zu hängen, tritt aber auch nicht gerade bescheiden auf. Vielmehr ergießt sich sein Flow in „High“ energisiert mit Danny Brown doppelt so schnell, wie es die Beattaktung vorschlägt, während er über dem Soul-Funk von „Broken“ wehmütig zurückblickt. Wer Run The Jewels auf Dauer zu einseitig aggro empfand, fand 2014 sein Rap-Traumduo an der Westküste. (Uli Eulenbruch)


Swans

To Be Kind

[Mute]

Rezension | Homepage

Michael Gira hatte sein Geheimrezept für das neue Jahrtausend spätestens mit „The Seer“ gefunden. So ist es auch kein Wunder, dass sich für „To Be Kind“ auf den ersten Blick gar nicht so viel verändert hat. Mantrahafte Wiederholungen auch über Songgrenzen hinaus, bebende Soundwände und und kaum gezügelter Lärm bilden abermals die Säulen. Dennoch verfängt das Album wieder ähnlich wie sein Vorgänger – erstens, weil man sich Giras fatalistischen Aura kaum entziehen kann und zweitens, weil es eben doch mehr ist als eine einfache Version 2.0. Die knallenden Überraschungsmomente sind zugunsten langsamer, folkigen Passager etwas zurückgedrängt worden. Ruhe bedeutet dies freilich nicht, denn der Monolith Swans gibt in seiner Undurchdringlichkeit nach wie vor keinen Zentimeter Platz frei. (Felix Lammert-Siepmann)


Woods Of Desolation

As The Stars

[Northern Silence]

Rezension | Facebook

Als letztes Jahr Deafheaven unsere und diverse andere Charts stürmten, hätte man erwarten können, dass ihnen ein Heer von Epigonen auf den Fuß folgen würde. Geschehen ist allerdings nichts dergleichen und auch der große Schritt Richtung breiterer Aufmerksamkeit für (Post-)Black Metal blieb aus. Dabei war 2014 alles andere als ein schlechtes Jahr für Metal und unsere Jahrescharts spiegeln das nur bedingt wieder. Nichtsdestotrotz hat es „As The Stars“ der Australier Woods Of Desolation – oder besser des Australiers, denn streng genommen hat die Band nur ein konstantes Mitglied – verdientermaßen geschafft, in unserer heterogenen Redaktion über die Grenzen hinweg geliebt zu werden. Und der Grund scheint mir eindeutig, denn, um es blasphemisch zu sagen, mehr „Indie“ konnte man dieses Jahr im Black Metal nicht finden. Ein über seine gesamte Laufzeit schlicht großartiges Album. (Mark-Oliver Schröder)


Angel Olsen

Burn Your Fire For No Witness

[Jagjaguwar]

Rezension | Homepage

„Just when you thought you would turn all your lights out it shines/ Some days all you need is one good thought strong in your mind.“ Angel Olsen kann es eben immer noch. Gut, sie ist auf ihrem zweiten Album „Burn Your Fire For No Witness“ tatsächlich nicht mehr so folkig wie in der Vergangenheit. Die Attribute einer Kratzbürste, die ihr dank ungestümer Nummern wie „Forgiven/Forgotten“ oder „High & Wild“ anhaften, sind aber nur ein Teil des Puzzles. Dass auch sie nicht frei von Wehmut und Trauer ist, beweist der Blues von „Dance Slow Decades“ nur allzu gut und zu „White Fire“ möchte man mit ihr gemeinsam auf dem Boden liegen und eine Runde mitschluchzen. Aber auch das ist nur eine Facette Olsens – und es bleibt spannend zu sehen, welche anderen sie in der Zukunft noch offenbart. (Jennifer Depner)


The Peep Tempel

Tales

[Wing Sing]

Facebook

Angefangen beim beeindruckenden Plattencover, mit dem The Peep Tempel aus Melbourne sowas wie ihr eigenes Game Of Thrones inszenieren, über das herrlich absurde Glimmstängel-Pudel-Video in „Big Fish“ bis hin zu jedem einzelnen exzellenten Song auf ihrem zweiten Album „Tales“ – diese Band könnte eine Lücke schließen, die mclusky trotz Future Of The Left hinterlassen haben. Und das nicht unbedingt musikalisch, denn bis auf „Vicki The Butcher“ deutet erstmal nicht viel in diese Richtung. Nein, es ist vielmehr dieser Wahnwitz, diese selige Unberechenbarkeit, mit der The Peep Tempel offensichtliche Punkhymnen wie „Carol“ gegen Ende kreischen lassen, mit der sie beim albumeröffnenden „Whooooo!“ in „Gettin‘ On By“ wahlweise zur Abrissfeier oder doch eher zum Blair Witch Project einladen. Wer auf Nummer sicher gehen will, ist hier falsch. Wer das Punkrockalbum des Jahres haben will, nicht. (Pascal Weiß)


Aphex Twin

Syro

[Warp]

Rezension | Facebook

Nein, „Syro“ erfindet die elektronische Musik nicht neu und Richard D. James alias Aphex Twin würde das wohl auch nie behaupten. Im Gegenteil, er gibt auch noch freimütig zu, die versammelten Tracks seien über einen Zeitraum von sieben Jahren entstanden – eigentlich ein Affront in diesem selbst im Retrobereich nach vorn strebenden Musiksegment. Warum können sich dennoch so viele Leute darauf einigen? Man könnte es mit Gertrude Stein sagen: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ und Aphex Twin ist Aphex Twin ist Aphex Twin. James ist noch nie irgendwelchen Trends hinterhergehechelt und er versucht es auch auf „Syro“ nicht. Dafür liefert er Tracks, wie irgendwie nur er sie kreieren kann. Nichts Weltbewegendes, aber so „neu“ vertraut, dass man sich mehr als freut, „Neues“ von ihm zu hören. (Mark-Oliver Schröder)


Owen Pallett

In Conflict

[Domino]

Rezension | Homepage

Der 35-jährige Multiintrumentalist hat längst bewiesen, dass er mehr ist als Final Fantasy, mehr als x-beliebiger Arcade-Fire-Spezi, mehr als ein Oscar-Nominierter, mehr als gewitzter Analyst gegenwärtiger Pop-Hits. Pallett ist ein Phänomen, dem auf seinem vierten Album einmal mehr der Spagat zwischen nüchterner, fast künstlicher Ästhetik und wohliger Wärme gelingt. Die Zukunft trifft auf das Jetzt, im Titeltrack treffen die Synthies der 80er- auf den Pop der 00er-Jahre, in „The Secret Seven“ trifft alltagstaugliche Romantik auf das pompöse Spiel des Czech FILMharmonic Orchestras, in „The Sky Behind The Flag“ trifft anfängliche Reserviertheit auf aufprallende Wucht. Herz trifft auf Schmerz in „I am not afraid“ – und Owen Pallett trifft uns alle, 13 Mal, immer wieder, immer tiefer. Und immer besser. (Jennifer Depner)


Mac DeMarco

Salad Days

[Captured Tracks]

Rezension | Facebook

Für alle Leute, bei denen sich die Pizza-Kartons stapeln, die Aschenbecher überlaufen und die Pfandflaschen eine kleine Armada auf dem Küchenboden bilden, für alle jene Slacker also, die lässig durchs Leben stiefeln, kann es dieses Jahr nur ein Album gegeben haben: „Salad Days“ von Mac DeMarco. Der sympathische Kanadier wurstelte sich auf seiner dritten Platte durch allerhand Alltäglichkeiten. Seine Geschichten handeln natürlich vor allem von den Girls, mit denen er hadert, die er anbetet, loswerden will und dann doch wieder vermisst. Dabei jongliert DeMarco mit lockerflockigen Melodien, die wirken, als habe er sich diese locker aus dem Ärmel geschüttelt. Die elf Stücke erinnern an entspannte Sommerabende an Flussufern, der Geruch von Grillgut und Gin Tonic liegt in der Luft. Braucht man wirklich mehr? Nope. (Kevin Holtmann)

Seiten: 1 2 3 4 5

6 Kommentare zu “AUFTOUREN 2014 – Das Jahr in Tönen”

  1. dEUS sagt:

    Sehr Gute Auswahl und wie letztes Jahr mit Deafheaven auch dieses Jahr wieder volle Übereinstimmung mit meiner Platte des Jahres, „Lost in the Dream“

    Vermisse lediglich die wunderbar melancholische Damon Albarn Platte und die vor allem durch euch entdeckten Harakiri for the Sky.

  2. Crazy Eyes sagt:

    Auf die 1 einigen wir uns sofort! Freut mich zudem auch sehr für Total Control, Human Abfall und Hotelier. Kann sich immer noch auf euch verlassen ;)

  3. saihttam sagt:

    Natürlich mal wieder eine sehr gute Liste von euch, die meinen Geschmack ziemlich gut trifft!
    Ansonsten fehlen mir noch Real Estate und die Wild Beasts. Deren neue Alben sind zwar nicht ganz so toll, wie die direkten Vorgänger, aber dennoch wieder sehr gut. ahja, und vielleicht noch Mr Twin Sister!

  4. billy-walsch sagt:

    feine liste, hab für meine persönliche aufstellung auch reichlich gemopst. dennoch schade, dass ihr andy stott nicht berücksichtigt habt. beinahe ein bisschen empört bin ich aber in dem moment, wo ihr die wild beasts außen vor lasst: nur durch euch konnte ich mich derart verlieben – daher: nachträglich lieben dank, aber auch: WIE KONNTET IHR NUR(ist doch wirklich eine feine platte).

  5. billy walsh (untrunken so geschrieben) sagt:

    mal nebenbei: gibt’s eigentlich den guten alten listen-schabernack der letzten jahre oder hab ich was übersehen?

  6. Oh ja, unser Jahresendprogramm hat gerade erst angefangen. Nach der „Geheimen Beute“ kommen unsere Einzellisten, die Listen anderer Musikmagazine und -Seiten, die EPs und die Musikvideos des Jahres.

    Und Wild Beasts gehörten auf jeden Fall auch dieses Jahr bei uns zu den Favoriten und haben die Top 50 wirklich nur ganz knapp verpasst, glaube sogar in letzter Sekunde – die sind quasi auf Platz 51.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum