SwansTo Be Kind

Vordergründig scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Michael Gira verfolgt auf „To Be Kind“ die auch auf dem Vorgängerwerk „The Seer“ eingeschlagene Wirkung von „viel hilft viel“ und versammelt auf dem zweistündigen Doppelalbum Gastsängerinnen (St. Vincent, Little Annie, Al Spx) von erlesener Güte, klaustrophobische Voodoobeschwörungen und enorme Krachcollagen. Lebte „The Seer“ von nokturner Stärke und somnambuler Beschwörung, erweckt „To Be Kind“ die Urgewalten zum Leben und lädt zum Tanz mit dem Teufel und seinen Spießgesellen ein.

Repetition als stilbildendes Element. So lassen sich Swans<' epische Titel schon seit Jahrzehnten auf ein gewisses Maß berechnen, die scheinbar endlosen Schleifen aus mäandernden Mantras kennzeichnen den ureigenen Sound auch auf „To Be Kind“. Aus langsam übereinander geschichteten und aneinandergereihten Rhythmusfolgen und Melodiebögen entstehen zumeist monumentale Stücke, die trotz allen Hangs zur Wiederholung nichts von ihrer Kraft und Gewalt verlieren. Es herrscht eine gewisse Endlosigkeit auf dem Album. Nicht nur deswegen, weil Gira mit „Bring The Sun/Toussiant L'Ouverture“ einen massiven Monolithen mit 34 Minuten Spielzeit in den Mittelpunkt rückt, auch die restlichen neuen Stücke erzeugen Eindrücke von Weite und Raum. Nimmt man nur das mit dräuender Bassmotivik eröffnende „Screen Shot“, das wie aufs Stichwort beschwört und hypnotisiert zugleich und dem Hörer eine inszenierte Bewusstseinserweiterung vorgaukelt. Der mit orientalischen Klangarabesken verzierte Song versetzt nahezu konstant in eine Art Schockstarre und greift erst kurz vor Schluss ohne Rücksicht auf Verluste zu. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass das folgende „Just A Little Boy“ ähnliche Muster verwendet und trotzdem in Klang, Erwartung und Atmosphäre völlig anders erscheint. Spielt sich die Weite von „Screen Shot“ ausschließlich im Kopf ab, dringt Gira bei „Just A Little Boy (For Chester Burnett)“ tiefer ins Innere vor. Beinahe zärtlich bettet er einen kryptischen Text in den verschleppten Schlagzeugrhythmus und die klagenden Gitarren ein, bis er von geiferndem Lachen scheinbar in den Wahnsinn getrieben wird. Kein Stück für schwache Nerven, aber die müsste der geneigte Hörer dann spätestens bei „Bring The Sun/Toussiant L'Ouverture“ in Anspannung versetzen. Das ähnlich wie „The Seer“ als Suite im Album angelegte Stück beschreibt eine Revolution im Geiste, ein eruptives Aufbäumen, eine Sinfonie des Wahnsinns. Aus- und Aufbruch zu gleichen Teilen, nimmt der erste Teil Swans-typisch Wucht und Gewalt auf, um sie nach halbstündiger Irrfahrt durch nie befahrene Klangwelten in einem Schwall als Lärm und Krach münden zu lassen. Trotz aller dabei empfundenen Enge sorgt hier vor allem der stimmliche Einsatz im Hintergrund für Raum und Fläche und lässt das Werk nicht vollends in seine Bestandteile zerfasern. Wenn man Swans oder generell das musikalische Schaffen Giras erst mit den letzten beiden Alben kenngelernt hat, ist „To Be Kind“ eine konsequente Weiterführung, die aber eben nicht mehr mit dem druckvollen Überraschungsmoment von „The Seer“ punkten kann. Dafür rückt sie den düsteren Folkanteil noch stärker in den Hintergrund, was dem Album zwar weniger Abwechslung, dafür aber ein höheres Maß an Stringenz beschert. Egal ob die seltsamen Field Recordings inmitten von „Bring The Sun/Toussiant L'Ouverture“, die selbst Scott Walker die Haare zu Berge stehen ließen, oder der wagemutige Jazz-Funk des Todes im herausragenden „Oxygen“: Gira lässt nichts unversucht, neue Herausforderungen zu erschaffen und sie dennoch komplett in den Dienst des Albums zu stellen. „To Be Kind“ ist komplex, verkopft und unzugänglich und somit Musik für nahezu keine Gelegenheit. Es gibt eben keine Verschnaufpause, selbst in den seltenen Momenten der Ruhe, wie im ganz an den Schluss gesetzten Titeltrack, geistert eine stetige Anspannung umher und verlangt nach immer mehr Raum. Raum, der sich in alle Richtungen öffnet und eben doch an seine Grenzen stößt. Bis die allerdings erreicht sind, hat Gira schon längst eine neue geniale Teufelei entdeckt und lässt sie mit aller Gnadenlosigkeit auf seine Hörer einprasseln.

Ein Kommentar zu “Swans – To Be Kind”

  1. ich hab mich dann doch für die doppel-cd + dvd entschieden und nicht für’s vinyl und wow! was für ein album und sowas von weit weg von einem alterswerk.

    „to be kind“ lässt in meinen augen auch die tolle „the seer“ hinter sich.

    michael gira erfindet swans gerade permanent neu… wo will der mann mit uns noch hin?

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