AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen

Danny Brown

„Old“

[Rykodisc]

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Wie gemeinhin erkannt wurde, hat Danny Browns „Old“ zwei Seiten. Statt wie gemeinhin von einer reflexiven und einer feierwütigen Hälfte zu sprechen, hätte man das Album aber auch einfach in „krass“ und „sehr krass“ unterteilen können: Brown rappt sich zunächst reumütig und verbesserungswillig durch all seine Verfehlungen, dann durchlebt er sie noch mal in einer ausgesprochen freudlosen Relapse-Inszenierung, an deren Ende man genauso geschafft neben dem Klo liegt wie der Protagonist selbst. „Old“ war eines der deprimierendsten HipHop-Großereignisse des Jahres. Es war aber auch musikalisch und raptechnisch aufregend, ausgereift bis an den Rand der Perfektion und immer wieder entwaffnend lustig. (Daniel Gerhardt)


The National

„Trouble Will Find Me“

[4AD/Beggars]

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Das Problem der stagnierenden Zielgruppe: Diejenigen, die The National nicht mochten, werden „Trouble Will Find Me“ nicht mögen, ja, nicht mögen können. Dafür fehlen die offensichtlichen Hits wie „Bloodbuzz Ohio“, dafür sind die beispiellosen „I Should Live In Salt“ oder „This Is The Last Time“ (diese letzte Minute!) zu sehr Liebe auf den zweiten, dritten, siebzehnten Blick. Grund zu Sorge? Keineswegs, wechselt man erst einmal die Perspektive: „Trouble Will Find Me“ ist vielmehr sowas wie Freibier für all diejenigen, die eh schon die Dauerkarte haben. Das Glas Wein auf die Fans, auf sich selbst. Eine Verneigung unter Freunden, eine intime Veranstaltung. Irgendwann an diesem fies verregneten Novemberabend in Düsseldorf, genauer gesagt zum Abschluss des regulären Sets, spielten The National meinen persönlichen Song des Jahres, meine Zeilen des Jahres: „Said it would be painless. It wasn’t that at all.“ Ein Album werden sie hoffentlich noch machen. (Pascal Weiß)


HAIM

„Days Are Gone“

[Vertigo Berlin]

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Nur wenige Platten spalteten 2013 die Hörerschar so sehr wie das Debüt von HAIM. Drei Schwestern machten sich auf, um eines der bestmöglichen kontemporären Alben zu veröffentlichen. Was war daran so falsch? Letztendlich war das mediale Echo überschwänglich positiv, was einige Hörer nicht nachvollziehen konnten oder wollten und ihrem Frust darüber freien Lauf ließen. Whatever, „Days Are Gone“ ist das Frischeste, was der Pop 2013 zu bieten hatte, da Danielle, Este und Alana Haim Soundelemente von Fleetwood Mac, den Eagles, Michael Jackson, TLC und noch vielen weiteren zu einem neuen, eigenständigen Klangentwurf vermengten, der am Ende des Tages den größtmöglichen Vergnügungsfaktor bot. Auch live waren HAIM eine echte Schau, spielten, gniedelten und trommelten sie sich doch die Seele aus dem Leib. Dass sie sich darüber hinaus im persönlichen Gespräch als äußerst quirlig und smart erwiesen, macht die Musik nicht besser oder schlechter, lässt sie aber noch sympathischer erscheinen als ohnehin schon. (Kevin Holtmann)


The Knife

„Shaking The Habitual“

[Pias Coop/Rabid]

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Etliche Alben hatten in diesem Jahr das Potential, ihre Hörerschaft zu spalten. So auch „Shaking The Habitual“, dieser 98-minütige, zuckende und elektrisierende Koloss. Sicher werden The Knife dafür mit so mancher Nennung in den anstehenden „Most overrated“-Listen bedacht, aber „Shaking The Habitual“ hat fraglos seine Stärken und vereint dutzende Superlative hinter seiner rosaroten Fassade. Es ist maximal facettenreich und dennoch in sich geschlossen; es birgt minutenlange, dronige Experimentalstücke und gleichzeitig eine Fülle großartiger Electro-Pop-Songs. Diesen mutigen Spagat macht ihnen so schnell niemand auf einer solch großen Bühne nach. (Constantin Rücker)


Banque Allemande

„Willst Du Chinese Sein Musst Du Die Ekligen Sachen Essen“

[S-S]

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Mit der wohl derzeit besten deutschen Band, die bei uns kaum jemand kennt, bewahrheitet sich einmal mehr der Spruch vom Propheten im eigenen Land. So sind die Platten von Banque Allemande aus Berlin nur als Import aus den USA, dem Sitz ihres Labels, oder als Download zu haben. Dieser Umstand erscheint noch ein wenig absurder, wenn man sich vor Augen führt, dass Banque Allemande durchweg Deutsch singen, was normalerweise nicht gerade zur Popularität im angloamerikanischen Raum beiträgt (es sei denn, man ist Rammstein oder Einstürzende Neubauten). Vielleicht ist es ihr Noiserock-Ansatz, den man durch seinen Minimalismus und seine krautige Tektonik durchaus im positiven Sinne, wie bei Kraftwerk oder Can, als teutonisch bezeichnen kann, der ihnen außerhalb des deutschsprachigen Raumes Aufmerksamkeit beschert. Wir lieben sie allerdings auch für solche beinahe vom Adorno’schen Kulturpessimismus beseelte Zeilen wie „Wir suchen das Leben in unseren Maschinen und finden den Tod“ oder „Und im Radio läuft Radio – Musik“. (Mark-Oliver Schröder)


Arcade Fire

„Reflektor“

[Vertigon Berlin]

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Als klar war, dass James Murphy das später benannte „Reflektor“ produzieren und dabei auch noch ein Doppelalbum (im klassischen LP-Sinn ist es das von der Länge ja auch geworden) herauskommen würde, waren die Meinungen bereits gespalten, alle Standpunkte geklärt, der Zug abgefahren: „Wird sicher mehr Disco“, also ganz im Stil von „Sprawl II“, als die Kanadier die Richtung schon andeuteten. Bevorzugt auch: „Bestimmt so ein größenwahnsinniges Ding jetzt.“ Wie zufriedenstellend muss es sein, wenn zumindest einmal auch alles genauso eintritt? „Reflektor“ ist tatsächlich das ganz große Musik-Event des Jahres, ein Spalter ganz bestimmt, detailversessen bis in die letzte Rille und damit ein Kopfhöreralbum für die gemeinschaftliche Tanzfläche – der Facebook-Snapshot mit Zeitgeistpotential. Fest steht: No one is losing his edge here. (Pascal Weiß)


Ka

„The Night’s Gambit“

[Iron Works]

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Nicht Kanye, nicht Earl Sweatshirt und auch nicht Danny Brown heißt der Verantwortliche hinter unserem Rap-Album des Jahres. Nach über 20 Jahren im Business und mit eher stillen Tugenden sichert sich Außenseiter Ka den Thron. Dabei reflektiert er gleichermaßen die Rap- als auch seine ganz persönliche Geschichte. „The Night’s Gambit“ versteht sich als Hommage an die goldenen 90er, die anders als bei den jüngeren Kollegen um Pro Era und Co. niemals nostalgisch oder gar verklärend daherkommt. Eingebettet in minimalistische Beats und seinen schleppenden, hypnotischen Flow entwickeln Kas Geschichten ihren Sog. Die Themen sind die üblichen: Gewalt, Drogen, Leben und Sterben in Brownsville, NYC. Durch die zurückhaltende, abgeklärte Art des Vortrags entzieht sich Ka jedoch den auf Entertainment ausgerichteten Regeln des Rap-Geschäfts. „The Night’s Gambit“ ist ein schonungsloses, ja erschöpfendes Meisterstück. (Bastian Heider)


Nick Cave & The Bad Seeds

„Push The Sky Away“

[Bad Seed Ltd.]

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Natürlich ruhen die Bad Seeds nie, schon die ständige Feinjustierung ihrer Besetzung hat sie in den letzten 30 Jahren zur verlässlichsten und zweitberühmtesten Backingband der Welt gemacht. Auf „Push The Sky Away“ aber inszenieren sie sich in Lauerstellung. Das ruhige, von Nick Cave besonnen geleitete Album tänzelt in neun fehlerlosen Songs um alle Ausbrüche und Momente des Kontrollverlusts herum. Es entwickelt sich so zu einer im besten Sinn erwachsenen und ausgereiften Form von Rockmusik, bei der schon die vielen Leerstellen spannender sind als das Meiste, was andere Bands spielen. Cave liefert dazu die Gesangs-Performance seines Lebens. Jedes Wort im Wörterbuch lässt sich aus seinen Vocals heraushören, jede denkbare Gefühlslage wird mit meisterhafter Präzision umgesetzt. (Daniel Gerhardt)


Forest Swords

„Engravings“

[Pias UK/Tri Angle]

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„Für die Jahrescharts!“, signierte unser Redaktionsprophet seine Rezension zum offiziellen Debüt von Forest Swords und stocherte doch so wunderbar hilflos mit Worten im Dunkel. Narbenhafter Versehrtheitsschmerz, jubilierende Darkbeats oder bloß zeitgemäßer Painpop? Alles und nichts von dem trifft zu, denn nur das ureigene Gefühl und die eigene Empfindung vermögen dieser Platte eine umfassende Beschreibung zu geben, die sich sonst allen Formulierungen sonderbar mit Nachdruck verwehrt. „Engravings“ ist als Album durch und durch ein Mysterium. Manchmal stümperhaft zusammengetackert, sodass man Angst hat, die Nadel würde es auf dem Vinyl nicht noch zum nächsten Track schaffen. Manchmal jedoch ebenso fantastisch organisch und repetitiv, dass dieses Album als Dub-Gospel alle Hoffnung auf sich vereint. Diese Zerrissenheit und subtile Tiefe ist das hoch eigenwertige Konzept von Matthew Barnes, der leiernd, verhacktstückt und gänzlich neben der bemoosten Spur musiziert und uns 2013 einfach sprachlos zurücklässt. (Markus Wiludda)


Deafheaven

„Sunbather“

[Deathwish Inc.]

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Ob Deafheavens zweites Album nun ein mutiger kühner Entwurf ist, der auf bornierte Szenekodes pfeift oder eine Anbiederung an den (Indie-)Mainstream, darüber wird man in gewissen Kreisen wohl jetzt erst recht streiten, wo „Sunbather“ auf so mancher Jahresendliste als einziges metallisches Werk auftaucht. Doch was ist es, das es so einer un-metaleingefleischten Menge von Menschen so nah brachte? Dass es von Black-Metal-Tremolo kein weiter Weg zu Shoegaze-Soundwänden oder von wallenden Blastbeats zu postrockigen Himmelexplosionen ist, ist nicht erst seit Alcest, Agalloch oder Liturgy erkennbar, auch bieten die klaren Melodien und George Clarkes kathartische Shouts einen vertrauten Zugang für Screamo-Posthardcore-sozialisierte. Immer noch werden musikalische Szenen oft nur als abtrennendes Distinktionsmittel gesehen, aber gerade dass man sich Deafheavens facettenreicher Musik aus mehreren verschiedenen Perspektiven nähern kann, macht einen Großteil ihres einigenden Reizes aus. Das wirklich Universale an „Sunbather“ ist aber die große Emotionalität, die aus ihm fließt. Dies ist vermeintlich „harte“ Musik, die zugleich passioniert und bedächtig Weichheit und Verwundbarkeit vermittelt, die in jeder berauschenden Faser Momente der Erinnerung auf Ewigkeit festzuhalten sucht und nicht vergessen (werden) will. (Uli Eulenbruch)

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9 Kommentare zu “AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen”

  1. Stefan sagt:

    Stark, Banque Allemande in den Top10.

  2. Nihil sagt:

    „You’re nothing“ von Iceage hat es nicht mal in die Top 50 geschafft? WTF!

  3. Ravin sagt:

    Irgendwie haben mir HAIM in meinem desaströsem Sommer das Leben gerettet! Keiner mochte die richtig, keine ahnung warum?

  4. yyyyyyyy sagt:

    Weil die einfach scheiße sind.

  5. yyyyyyyy sagt:

    Dass Iceage es nich geschafft haben will mir auch nicht recht einleuchten. Auf jeden Fall wäre es ein Kandidat für die Top 10 gewesen.

  6. Pascal Weiß sagt:

    Mir persönlich ist irgendwie der Reiz an der Band flöten gegangen, seit ich sie zweimal live gesehen habe.

  7. HAIM sind auf jeden Fall ne bessere Liveband als Iceage, haha.

    Aber für mich hat vor allem die Platte mit dieser aufgeblasenen Produktion nicht so ganz funktioniert, dafür war an manchen Stellen das Songwriting zu unterentwickelt, auch wenn sie sicherlich kompetenter im Spiel geworden sind.

  8. yyyyyyyy sagt:

    Sind natürlich sehr gut zu vergleichen, Iceage und HAIM.

    Die Kritik an den Livequalitäten von Iceage kann ich nicht bestätigen, auch wenn ich diese schon oft gehört hab. Im UT in Leipzig Anfang des Jahres haben sie top abgeliefert, was sich in Verbindung mit der großartigen Umgebung des Veranstaltungsortes zu einem sehr guten Konzerterlebnis entwickelt hat.

    Naja, genug Fanboy-Gedöns, zurück zu HAIM: Wenn ich Fleetwood Mac will, geb ich mir auch Fleetwood Mac. Und die waren schon scheiße.

  9. Der Vergleich war nicht ganz ernst gemeint, das sind natürlich etwas unterschiedliche Bands. Bei Iceage scheint aber durchaus die Tagesform zu schwanken, ich hab auch schon von Leuten gehört, dass sie von einem Auftritt hellauf begeistert waren und nach dem nächsten ein wenig ratlos, ob sie da die gleiche Band gesehen hatten.

    Dass HAIM genau die gleiche Musik wie Fleetwood Mac machen, würde ich stark verneinen, ansonsten machen Iceage nämlich genau die gleiche Musik wie Wire. Kann aber verstehen, dass man ohne ein Herz für Fleetwood Mac wahrscheinlich auch kein Herz für HAIM haben wird.

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