„Sie kommen. Sie kommen Dich zu holen. Sie werden Dich nicht finden. Niemand wird dich finden. Du bist bei mir!“. Das war 1985. „We know who you are, and we know where you live and there is no need to forgive”. Das ist 2013. Subtiles Drohen, Bangemachen. Falco hat vor einem guten Vierteljahrhundert vorgemacht, wie Angst funktionieren kann und in diesem Jahr schickt sich Nick Cave an, mit seinen erneut veränderten Bad Seeds ein weiteres Kapitel über die Angst, die hier jedoch viel eher Mittel zum Zweck ist, zu eröffnen.

„We No Who U R“, seine vermutlich kontemplativste, von sperrigem Grusel durchzogene Albumeröffnung, spielt nicht nur im hervorragend von Gaspard Noé in Szene gesetzten Video mit Licht und Schatten, auch die übrigen Titel des mittlerweile fünfzehnten Albums flimmern zwielichtig zwischen Nacht und Nebel.

Nicht dass Cave sonst den frohgemuten Zeitgenossen geben würde, doch es scheint, als hätten ihn sowohl die Grinderman-Jahre als auch das Loslassen langjähriger Bandkollegen endgültig verändert. Ruhig, ja geradezu stoisch erzählt Cave von Meerjungfrauen, blutenden Bäumen und leichten Mädchen, inszeniert mit traumwandlerischer Hingabe, tiefgründig, schmutzig, ehrlich.

Genau dieser Schmutz ist es nun, der „Push The Sky Away“ anhaftet und sich nur schwerlich von den kompakten, sperrigen Arrangements lösen lässt. Von jeher mit der nötigen Portion Schwermut ausgerüstet, erzeugen die Bad Seeds, die sich aktuell aus Thomas Wydler, Martyn P. Casey, Conway Savage, Jim Sclavunos und Warren Ellis zusammensetzen, dieses Mal eine dräuende, immer von unterschwelliger Kraft durchzogene Atmosphäre, die mal Angst, mal Trost, meistens aber irgendetwas dazwischen erzeugt. Die Gewalt des stilistisch komplett anderen Vorgängers erreicht „Push The Sky Away“ zwar nicht, wenn sich aber im grantelnden „Water’s Edge“ der Bass zum wogenden Wall erhebt und die Violine wie ein giftiges Insekt um den Sänger schwärmt, ist das angsteinflössend ehrlich und schafft Raum für Gefühle, die sich auf früheren Alben in dieser Komplexität nur vereinzelt wiederfinden.

Beherrscht Cave in der Eröffnung noch diesen Raum, der sich durch die Instrumentierung nur allmählich eröffnet, gönnt er seinen Kumpanen vor allem an Violine und Bass erheblichen Einfluss, der nicht nur im kargen „Finishing Jublilee Street“ durch die Wiederholung seiner instabilen Muster vom flüchtigen Beiwerk zum wichtigsten Begleiter wird. Immer wieder konkurrieren die nahe beieinander liegenden Klänge um die Vorherrschaft im Hintergrund, verdrängt durch den nur noch sanft knurrenden Cave, der sich im herrlichen „Higgs-Boson-Blues“ manisch, mystisch und morbide gibt und die frühen Teufelsblues-Balladen wie frischen Morgenwind vorbeiwehen lässt. Es wird choral, perkussiv, ein Stück Bombast, doch erreicht er mitnichten die Intensität eines „Fifteen Feet Of Pure White Snow“ von seinem am ehesten vergleichbaren Werk „No More Shall We Part“. War dieses jedoch trotz aller vordergründiger Düsternis von allerlei gospelnder Frömmigkeit durchzogen, entpuppt sich „Push The Sky Away“ vielmehr als von Sucht und Sühne erfülltes, altersweises Manifest, tiefgründig, schmutzig, ehrlich.

Das Frösteln vor Angst bei „We No Who U R“ bleibt offensichtlich, gibt den offensichtlichen Charakter des Albums aber nur in Teilen wieder. Oder schiebt Cave den Himmel etwa nur beiseite, um etwas viel Grauenerregenderes zu offenbaren? Und wo ist nun die Angst? Das Bild, das eben in diesem ersten kurzen Moment hypothetisch entstanden ist, schürt sie. Vielleicht. Ehrlich.

3 Kommentare zu “Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Ein wahrlich beeindruckendes Werk: Nimmt man nur mal die zweite Albumhälfte, da schaffen Cave & Co. mit „We Real Cool“, „Higgs Boson Blues“ oder dem Titelsong eine solch faszinierende Atmosphäre. Vielleicht so, als würde man nach vielen Jahren einen ganz vertrauten Ort besuchen, der von nebliger Dunkelheit durchzogen die komplette Sicht verweigert und immer nur unterbrochene Konturen (und somit einzelne Teile früherer Momentaufnahmen preisgibt) – ohne Chance, den Ort (und die Erinnerungen) jemals wieder in Gänze einfangen zu können.

  2. Meine Güte, ich hatte den Herrn ja schon unter „vergangene Helden, von denen nicht mehr viel zu erwarten ist“ abgelegt und jetzt das!
    Sehr feine Platte mit echt „faszinierende(r) Atmosphäre“, die sich derzeit zum echten Grower entwickelt… wenn jetzt der Herr Bowie auch noch so ein Ding raus haut – könnte 2013 das Jahr der „Comebacks“ werden.

  3. Pascal Weiß sagt:

    Dann können wir uns ja die Hand reichen, mir geht es jetzt mit der „mbv“ so;)

    Allerdings hat Cave doch auch in letzter Zeit, insbesondere etwa mit Grinderman, echt gute Sachen gemacht. Wahrscheinlich auch wichtig, damit er mit den Bad Seeds jetzt solch ein Feld beackern kann. Und, ja, bin völlig auf Deiner Seite: ein echter Grower!

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