Forest SwordsEngravings

„Was sich in Schmuck und Gestein einprägen lassen muss, hat keinen Platz in der Erinnerung“, müsste es im Volksmund heißen. Heißt es aber, soweit ich weiß, nicht. Die Leute lieben ihr Geschmeide. Die bleibenden Gravuren in Körper und Seele sind resistent und tief genug, um ein ganzes Restleben bestehen zu lassen, zum Beispiel Narben und Erinnerungen. Was aber macht sie aus? Was bleibt? Die emotionalen Extreme, der Schmerz, das Liebesglück, die Demütigung und der Erfolg, der Jubel, die Buhrufe … Alles das und viel Willkür. Was wissen wir schon über uns?

Musik kann sich in uns hineingraben und fest einmeißeln. Mit lautem Tamtam und auf leisen Sohlen, mit der rechten Stimme für die passende Stimmung. Aber deswegen muss sie sich noch lange nicht fassen lassen. Wir Plattenrezensenten versuchen das zwar gern, aber auch wir stochern im Dunkeln.

Wir können Fakten zusammentragen: Forest Swords ist Produzent Matthew Barnes aus Liverpool und „Engravings“ sein Debütalbum, nachdem die „Dagger Paths EP“ 2010 Jahresbestenlisten erklomm. Der Sound ist eingebettet in nebulöse Wälle aus entfernten, entschleunigten und knarzigen Beats, choralartig arrangierten Vocal-Samples (besonders hervorzuheben: „Gathering“) und fordernder Einsamkeit. Langsam nehmen die Songs Gestalt an, ob mit schwerem Klavier und nachdenklich hallender Gitarre („The Plumes“) oder umrankt von scheppernden, agilen Beats („The Weight Of Gold“, oder, noch edler: „Anneka’s Battle“). Oft brauchen die Songs geradezu quälend lange, um sich klanglich zu finden und melodisch auszubreiten. Der monotone Rhythmus von „Onward“ fällt unter diese Kategorie, doch wer die nötige Geduld mitbringt, den entschädigt ein durch breitgefächerte Synthesizer-Flächen erzeugtes Durchatmen für alle Mühe (bei „Irby Tremor“ übernimmt das eine versetzte Gitarre mit Hang zum Noise).

Denn eine Gravur ist nicht ohne Arbeit möglich, drei Jahre brauchte Barnes für „Engravings“. So könnte auch ein Waldspaziergang klingen: wechselhaft, lebendig und voller Rascheln und Raunen. „Engravings“ lechzt nach Kopfhörern und kann seinen Four Tet durchdeklinieren. Kleine Besonderheiten und kleine Stimmigkeiten warten darauf, entdeckt zu werden: Der slawische Einschlag von „Ljoss“, die dröhnende Mystik von „Thor’s Stone“ (klängen Esoteriker so, dann müsste man sie nicht mal mehr sonderlich verlachen), das R’n’B-Sample über glockenspielerische Beats in „An Hour“ und noch mehr. (Gut, für temporäre Soulsample-Manierismen bin ich nicht zu haben, aber monastisch aufgehübscht stört es auch mich nicht.) „Mehr“ meint vor allem das abschließende, ausufernde und sich ins verkratzt Hymnische steigernde „Friend, You Will Never Learn“, wie ein verdammt weit entfernter und guter Remix von Lionel Richies „All Night Long“. Aber so richtig sinnführend und naheliegend ist diese Assoziation nicht. Vielleicht habe ich einfach in letzter Zeit zu viel Lionel Richie gehört (nämlich ab und an spätabends …). Derlei prägt, wenn auch nicht gewollt.

„Engravings“ prägt ebenfalls. Es könnte zum Beispiel den Dubstep prägen, Minimal Techno, Industrial, an beliebigen Stellen kann ein „Post-“ als Präfix hinzufefügt werden. „Engravings“ prägt elektronische Musik, aber schwer und unklar, manchmal erdrückend, oft langatmig, immer atmosphärisch. Ein guter Soundtrack für dunkle Stunden und ein genussvolles Verschwimmen von Strukturen. „Für die Jahrescharts!“ steht eingraviert über allem.

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