Nach sieben langen Jahren kehren The Knife mit einem Album der Superlative zurück. „Shaking The Habitual“ ist ihr reifstes, politischstes, vielfältigstes und ja, vermutlich auch ihr bis dato bestes Album.

Zumindest in meiner Erinnerung begann alles 2006 mit einer Fernsehwerbung: José Gonzalez coverte für den Spot eines Technikherstellers ein Lied von The Knife. „Heartbeats“ stammte im Original von „Deep Cuts“, dem verheißungsvollen zweiten Album dieses jungen schwedischen Geschwisterduos. Noch im gleichen Jahr erschien The Knifes drittes Album „Silent Shout“ – es sollte seinen Vorgänger merklich in den Schatten stellen und wurde damals nicht nur von Pitchfork zum besten Album des Jahres gewählt.

Seitdem herrschte jedoch eine gewisse Stille im Hause Dreijer. Eine Ausnahme bildete Karin Dreijer Anderssons grandioses Fever Ray-Soloalbum im Jahr 2009, während Olof Dreijer als Oni Ayhun auf seinem gleichnamigen Label sperrigen Techno veröffentlichte. Die 2010er Darwin-Oper „Tomorrow, In A Year“ war das einzige gemeinsame, inzwischen längst verhallte Lebenszeichen der Geschwister, „Shaking The Habitual“ ist folglich erst ihr viertes reguläres Studioalbum. Andere Künstler mussten deutlich mehr veröffentlichen, um einen ähnlich unantastbaren Status und Einfluss zu erlangen.

Aber The Knife waren schon immer mehr als lediglich die Musik hinter diesem griffigen Namen. Daran hat sich auch im Jahr 2013 nichts geändert: Trug in der Vergangenheit neben etlichen monolithischen Einzelstücken auch die medienscheue und gleichzeitig medienkompatible Selbstinszenierung einen gehörigen Teil zu ihrem Erfolg bei, so setzt „Shaking The Habitual“ nun gänzlich neue Maßstäbe in der popkulturellen Verflechtung politischer, gesellschaftskritischer und künstlerischer Standpunkte.

Im Ankündigungstext zum Album heißt es: „Music can be so meaningless. We had to find lust.“ Unter anderem sind es nun die Videos zu „A Tooth For An Eye“ und „Full Of Fire“, die explizit politische Botschaften formulieren. Sie stellen gesellschaftliche Rollenbilder in Frage, üben Kapitalismus- und Rassismuskritik. Nicht zuletzt zeigen sich Olof Dreijer und Karin Dreijer Andersson auch von ihrer selbstironischen Seite, indem die Geschwister sich in „Full Of Fire“ selbst als spießiges Paar inszenieren.

Aber auch in musikalischer Hinsicht gibt es Neues zu verzeichnen. „Shaking The Habitual“ ist das erste The-Knife-Album, dem es trotz seines futuristischen Anstriches gelingt, sich ehrfürchtig vor den eigenen Vorbildern und Einflüssen zu verneigen. Werden in „Raging Lung“ durch eine starke perkussive Grundierung etwa die archaisch anmutenden Ursprünge unseres heutigen Musikverständnisses ausgelotet, so wird in anderen Stücken Technoeinflüssen oder Industrialheroen wie Throbbing Gristle Tribut gezollt.

Bezeichnenderweise ist „Old Dreams Waiting To Be Realized“ das Herzstück dieses Albums: ein fragiler, instrumentaler Koloss von 19 Minuten Länge, gerahmt von jeweils sechs mehr oder minder eingängigen Stücken. „Full Of Fire“ taugt mit seinen ekstatisch ansteckenden Zuckungen zum Soundtrack einer ganzen unzufriedenen Generation. „Stay Out Here“ bietet durch die Unterstützung von Shannon Funchess (Light Asylum) eines der schönsten Duette dieses Musikjahres. Jedes Lied hat seine ureigene Qualität, keine Idee wird zweimal umgesetzt.

Es verwundert durchaus, wie radikal sich The Knife mit „Shaking The Habitual“ vom klassischen Popalbum verabschieden. Fast alle Stücke sind ausufernd, überbordend und dennoch von einer Klarheit, die ihresgleichen sucht. Es ist das weltlichste und gleichzeitig das erhabenste Album dieser großen Band. Es ist trotz seiner 98 Minuten Länge homogen, in sich geschlossen und dank seiner konzeptuellen Tiefe, politischen Ausrichtung und einer Fülle an einzigartigen Songs für ein Elektropop-Album so komplett und doch komplex, wie man es bisher nicht für möglich gehalten hätte. In dieser Hinsicht wird „Shaking The Habitual“ auf Jahre hinaus Maßstäbe setzen.

4 Kommentare zu “The Knife – Shaking The Habitual”

  1. Anonym sagt:

    Tolle Kritik! Macht richtig Lust auf’s Album.

  2. Katja Diehl sagt:

    super Appetizer – klasse zu lesen!

  3. […] dessen Reggae- und Weltmusikeinschlag auch von Victoria Bergsman stammen könnte, oder von The Knife. Habe ich schon erwähnt, dass Young Galaxy nicht nur weiterhin mit dem Produzenten Dan Lissvik […]

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