HAIMDays Are Gone

Es ist, als hätte diese Band zwei Gesichter. Live besitzen HAIM einen druckvollen Rocksound, tauchen tief in ihre Grooves mit minutenlang ausgedehntem Gitarren- und Trommel-Jammen. Ihre Studioaufnahmen hingegen zeigen sich auf glatten, synthdominierten Sound und popökonomisch kompakte Songformate fokussiert. Die Frage, ob eines davon das „bessere“ oder „wahre“ Gesicht der drei Schwestern ist, sollte sich mit ihrem Debütalbum aber erledigen. Die Essenz seiner Pop-Rock-Songs liegt in Rhythmus und Stimmen.

„Tchaka!“, schnalzt Danielle Haim über meilenweit nach unten hallender Kickdrum und zerfrästen Claps, die zum Fingerschnippen werden. Ihre Schwestern Este und Alana fallen mit ein in den stetig sicheren Pre-Refrain (bloß dreimal Strophe + Refrain liegt dem Trio eher fern) von „The Wire“, eine Gitarre jault auf und die Vocals kippen zwischen die Anschläge, werden nervös unregelmäßig unter einem gigantischen dramatischen Pianoanschlag, bis sich die gesamte Anspannung im befreienden „It felt right“-Refrain löst. Beim finalen Stück „Running If You Call My Name“, das mit seiner runterperlenden Perkussionsverzahnung am meisten von allen an die luftigen Schwedenpop-Produktionen Dan Lissviks erinnert, heben und senken sich die Vocals wie ein warmer Herzschlag zu ätherischen Synths und reduziertem Saitenspiel.

Noch deutlicher kontrollieren Rhythmus und Stimme „Don’t Save Me“. Ohne tatsächlich das Tempo zu erhöhen, beschleunigt der Song, wenn Danielle Haim einmal mehr möglichst viele Silben in einen Vers quetscht. Dass sie damit mitten im Takt beginnt, bringt die Dynamik umso mehr ins Taumeln und lässt die nahtlos übergehenden, langgezogenen Worte des titelgebenden Refrains diese Dringlichkeit beibehalten. Erneut sind die dazu funkelnden Synths mehr Anstrich als Melodieträger, dafür schnalzt und peitscht es heftig, dass sich hier wiederum durch die Menge der Rhythmusanschläge das gefühlte Tempo erhöht. Doch was HAIMs Songs von exzellentem Handwerk zu ohrwurmigem Pop macht, ist natürlich das Melodiegespür des Trios aus Los Angeles. Damit glänzen nicht nur die bisherigen Singles, sondern auch das westküstensonnige „Honey & I“ oder „If I Could Change Your Mind“, dessen Refrain in den daran angelegten Synths eine zusätzliche Dimension gewinnt.

Vor allem im letzteren Song und dem Titelstück von „Days Are Gone“ klingt neben dem softem 80er-Poprock von Fleetwood Mac auch damaliger Latin-R’n’B wie Lisa Lisa & Cult Jam als signifikanter Einfluss auf HAIMs Musik durch, „My Song 5“ lässt Prince zur selben Zeit von einer monströsen Tuba peinigen und gibt ihm nur einen kurzen, umso himmlischeren Lichtblick. Wo sich ein Ariel Pink im Zusammenführen und retromanen Rekreieren vergangener Sounds und Stilschrulligkeiten erschöpft, haben HAIM zusammen mit Produzent Ariel Rechtshaid das Potential neuer Produktionsmöglichkeiten und Klangästhetiken zu einem metikulösen, hochmodernen Klangbild genutzt.

Statt schematischer Einheitpolitur ist jedes Element individuellen Manipulationen unterworfen, manche Saitenanschläge werden scharf verpitcht und gläsern verbogen, andere basslos ausgehöhlt und metallisch verknittert. Fern eines physischen Analogs lassen Gated Drums die 80er-Klangvisionen von Bush und Gabriel wieder aufleben, doch sind sie nur einer von Unmengen verschiedener Perkussionssounds, die mal nur aus Bassvolumen zu bestehen scheinen, anderswo geschmälert und abgewürgt oder digital hyperpoliert werden. Auch das Arrangement der Sounds unterliegt keiner rein schematischen Funktionalität, was sich besonders über Kopfhörer entfaltet: Schier schräg erklingen da plötzlich noisige Wellen einmalig inmitten eines Songs, um danach nie wieder aufzutauchen. Das geschieht nicht aufdringlich, aber macht das Vertiefen in diese Klangwelt nur noch aufregender.

Auf Songebene ist „My Song 5“ der einzige echte Ausfall. Seine dröge Stimmung ist zwar beabsichtigt, um die spätere Lichtexplosion zu kontrastieren, wirkt jedoch von Grundkonzept aus nicht genügend ausgearbeitet. Dafür funktioniert sie im generell sehr gelungenen Albumarrangment als Sprungbrett für das anschließende „Go Slow“, dessen Vocalgefüge in sukzessiver Dichte anwächst. Ja, HAIM sind eine Rockband, aber eine, die Pop als Kunsthandwerk versteht und sich diesem akribisch gewidmet hat. Das Ergebnis hätte ein trockenes Experiment werden können, doch „Days Are Gone“ ist das, was man sich von einem Popalbum erhofft: Musik, die den Puls schneller schlagen lässt.

6 Kommentare zu “HAIM – Days Are Gone”

  1. Nightcab sagt:

    hää?
    eiskalt kalkulierter mainstream radiopop mit drei noch nicht mal sooooo hübschen schnuckelchen zieht so ein hochtrabendes geschreibsel nach sich ?

    und noch was zum lachen : man schaue sich mal auf yt „haim bei letterman“ an und achte da auch mal auf das posen der bassfrau^^

  2. Peter sagt:

    85% ist aber schon ein wenig arg hochgegriffen, oder?

  3. Peter sagt:

    Weiß nicht, ich habe das Gefühl, da redet spätestens in einem halben Jahr keiner mehr drüber.

  4. Darüber, wovon in einem halben Jahr von irgendwem geredet wird, kann man nur im Voraus spekulieren, das halte ich aber auch aus anderen Gründen für unwichtig. Wobei: Die älteren Songs davon haben auch nach mehr als einem Jahr nicht an Klasse eingebüßt, im Gegenteil.

  5. Ravin sagt:

    Ich wette sie werden Phoenix die Show stehlen!

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum