AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen

Sigur Rós

„Kveikur“

[XL/Beggars]

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Ganz eitel Sonnenschein waren die Isländer eigentlich noch nie. „Ný Batterí“ bot schon einen Blick in den Abgrund inmitten von „Ágætis Byrjun“, ganz zu schweigen vom Nachfolgewerk, doch selbst die ausgedehnte Angespanntheit von „( )“ wirkt fast harmlos vor dem beklemmenden „Kveikur“. Im Strudel gewichtigen Bassbrodelns könnte man das Titelstück schon bald für einen Remix aus den Händen Ben Frosts oder Tim Heckers halten, selbst ein leichteres Stück wie „Stormur“ knackt und knistert zu ungemütlich, als dass Jón Þór Birgissons lichterne Stimme sich gänzlich darüber hinwegsetzen könnte. Das Ausscheiden ihres langjährigen Keyboarders hat Sigur Rós anscheinend nicht nur zum Trio schrumpfen lassen, sondern auch zu einer aufregenden neuen Intensität ihrer Musik geführt. (Uli Eulenbruch)


Holden

„The Inheritors“

[Border Community]

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Nur wenigen Veröffentlichungen von Technoproduzenten wurde dermaßen entgegen gefiebert wie dieser. Sicher auch, weil James Holdens Debüt „The Idiots Are Winning“ schon sieben Jahre zurückliegt. Ob jetzt alle auf Anhieb in „The Inheritors“ das musikalische Meisterwerk entdecken, sei einmal dahingestellt. Aber was Holden weit über andere Genrevertreter hinaushebt, ist sein ganz eigener Ansatz, der sich noch nie um zeitgeistige Entwicklungen, Moden oder irgendwelche Schulen geschert hat. Genau hier liegt auch sein wichtigstes Kapital und sein augenfälligstes Alleinstellungsmerkmal: Holden versteht es wie kein Zweiter, die unterschiedlichsten Hörer, vom Indierocker bis zum Technonerd, vom weltoffenen Folkie bis zum Aficionado „Neuer Musik“ anzusprechen. Ihnen allen, so unterschiedlich die persönliche musikalische Sozialisation auch gewesen sein mag und egal wo sich die aktuellen Hörgewohnheiten befinden, bietet er Bezugs- und Zugangspunkte an und nimmt sie gebannt auf seine akustischen Exkurse mit. (Mark-Oliver Schröder)


Stellar OM Source

„Joy One Mile“

[RVNG Intl.]

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Es erscheint nicht abwegig, dass gemütlich dahinfließende Drones sich gut mit einer stetig pochenden Bassdrum paaren. Schließlich greifen Dance-ProduzentInnen ebenso gerne zu derartigen Texturen, wie umgekehrt Ambient-Gruppen wie die späten Emeralds in Kraut- oder Techno-Gewässer waten. Aufregender war 2013 aber die Transformation, die Christelle Gualdis Schaffen als Stellar OM Source vollzog: Ihre ohnehin freigeistigen Synthläufe, Synthwolken und Synthflächen gehen auf „Joy One Mile“ eine Symbiose mit ebenso komplexen Beat-Einfällen ein, können unerwartet von komischer Weite in nervöses Acid-Peitschen kippen und halten doch eine endlos variable Balance aus Chaos und Geschmeidigkeit. (Uli Eulenbruch)


Jungbluth

„Part Ache“

[Vendetta]

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In seinen besten Momenten kann Hardcore wie keine andere Musik das kanalisieren, was tief im menschlichen Inneren liegt. Genau dies schaffen Jungbluth auf ihrem Debütalbum „Part Ache“, schleudern Selbstzweifel und Schmerz heraus in einem Sound, der voluminös groß und weit klingt aber so scharf verzerrt ist und mitreißende Dynamikwechsel inszeniert, dass er einschneidend statt poliert wirkt. Das Trio sucht nicht nur musikalisch die Brüche und Risse, statt eines naiven Schwarzweißbildes wagen Jungbluth Texte, die sich nicht vor Unsicherheit scheuen, die Düsternis porträtieren und dennoch Hoffnung finden. An ihrer politischen Überzeugung lassen sie unterdes keinen Zweifel, ebensowenig wie an der Wirkung dieses mit jedem Anhören mehr beeindruckenden, einfallsreichen Posthardcore-Meisterstücks. (Uli Eulenbruch)


Youth Lagoon

„Wondrous Bughouse“

[Pias UK/Fat Possum]

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Vom ersten Anschlag an versprüht Trevor Powers‘ zweites Album eine seit seinem vielversprechenden Debüt gewachsene Selbstsicherheit. Die braucht er auch, um das unstete Innenleben seines psychedelischen Pop zu bändigen, welcher als zuckende Geräuschwelt über irreal verformter Perkussion den verirrten Neuronenimpulsen eines unfokussierten Gehirns entsprungen scheint. Insbesondere die offenherzige Stimmführung weist einen Weg aus niemals zu morastigen und verwaschenen Klangschichten, in denen Düsenjäger durch zwitschernde Vogelschwärme brettern oder in „Raspberry Cane“ eine Natter im Gras zischelt, während Powers eine unwiderstehliche Melodie nach der anderen vom Stapel lässt. „Wondrous Bughouse“ besitzt eine gewaltige emotionale Tragweite, dank derer all seine oberflächlichen Schrägheiten sich zu einem überaus nahbaren Diorama zusammenfügen. (Uli Eulenbruch)


Perfect Pussy

„I Have Lost All Desire For Feeling EP“

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Das Beste an Perfect Pussy kann man eigentlich gar nicht verstehen: Die Texte von Sängerin Meredith Graves gehen unter im chaotischen Noisepunk-Gitarrenkrach auf der ersten Demo-Kassette der Band aus Syracuse, New York, der Sound spielt sich ungefähr auf Thermals-Debüt-Niveau ab. Trotzdem sind Graves‘ Texte groß- und schlagwortartige Abhandlungen über Neid und Verlust und die alles heilende Erkenntnis, dass nur im absoluten Desaster die Hoffnung liegt. Jede zweite Zeile ist ein potentielles Tattoo, jedes Wort ein Stein durchs Glashaus der eigenen Genügsamkeit. „I Have Lost All Desire For Feeling“ kriegt jeden wach, garantiert, und seine Synthie-Melodien sind auch sehr schön. (Daniel Gerhardt)


My Bloody Valentine

„m b v“

[mbv]

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Nach jahrelangem Warten war es dann unverhofft über Nacht soweit: My Bloody Valentine veröffentlichten im Eigenvertrieb endlich ein neues Album. Für alle, die über ein Jahrzehnt auf den Nachfolger des Meisterwerks „Loveless“ gewartet hatten, war dies ein unwirklicher Moment, war doch jedem bei aller Vorfreude klar, dass „m b v“ im Vergleich zum Vorgänger irgendwie scheitern musste. Doch obwohl die Band genau dort weitermacht, wo sie 1991 aufhörte, kommt zu keinem Zeitpunkt Enttäuschung auf. Dafür ist auch dieses neue, alte Material einfach zu einnehmend. Das letzte Drittel des Album glänzt mit neuen Experimenten, bricht die heimelige Stimmung auf und überzeugt mit forscheren Klängen. (Felix Lammert-Siepmann)


The Drones

„I See Seaweed“

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„Well, I see seaweed on the lawn, there’s no point coming here no more.” Es braucht nur wenige Sekunden der ersten Drones-Veröffentlichung seit fünfjähriger Studioalbum-Pause, bis klar wird, dass Gareth Liddard auch im Jahre 2013 nicht unbedingt zum unbeschwerten Lächeln zumute ist. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen hat er ein älterherrendes Noise-Blues-Werk abgeliefert, das sich genauso unabwendbar durch schmuddelige Eckkneipen schleppt wie Friedrich Anis Romanfigur Tabor Süden – und dabei unverhältnismäßig unterhält. Wer erst jetzt zu den Drones stößt, hat einen denkbar günstigen Zeitpunkt erwischt. Denn auf „I See Seaweed“ findet die wilde Frühphase der Band mit dem Garage-Bastard „A Moat You Can Stand In“ genauso Berücksichtigung wie das mit etwas mehr Bremslicht durch den Nebel torkelnde „How To See Through Fog“, das sicherlich auch auf dem im Heimatkontinent Australien vielfach gekürten „Havilah“ (2008) seinen Platz gefunden hätte. Nur ein Album aus 2013? Dann dieses! (Pascal Weiß)


Bill Callahan

„Dream River“

[Drag City]

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Mit angenehmer Regelmäßigkeit veröffentlicht Bill Callahan unspektakuläre und spröde kleine Meisterwerke, die dank ihrer unzeitgemäßen Stilistik im schnelllebigen Popzirkus eine beruhigende Zeitlosigkeit und Verlässlichkeit ausstrahlen. Auch auf „Dream River“ hat es Callahan nie eilig, wählt seine wenigen Worte mit Bedacht und entwirft mit einfacher Sprache detaillierte Szenarien und Geschichten. Musikalisch werden diese zurückhaltend untermalt – nur ein einziges Mal drängen sich die Instrumente bei „Summer Painter“ für eine kurze lautmalerische Beschreibung des Sturms in den Vordergrund. Meist sind es stattdessen die Stille zwischen den Tönen und die Pause zwischen zwei Worten, die der Musik ihre Bedeutung und Erhabenheit verleihen. (Daniel Welsch)


Earl Sweatshirt

„Doris“

[Columbia]

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Von Anfang an gehörte Earl Sweatshirt zusammen mit Tyler, The Creator zu den interessantesten Charakteren der Odd-Future-Posse. Dass Earl auf dem Gipfel des Hypes für zwei Jahre spurlos verschwand, hat seiner Popularität nicht geschadet, sondern ihn vielmehr zu einem mythenumwobenen Hoffnungsträger des Rap werden lassen. Ziemlich viel Druck für einen 19-jährigen, der die Erwartungshaltungen der Fans auf „Doris“ zwar thematisiert, sich aber ansonsten einen Dreck um sie schert. An Hooks und eingängigen Melodien ist Earl nicht interessiert, stattdessen reimt er seine Zeilen stoisch über düster-minimalistische Beats und zeigt sich gereifter, aber auch verletzlicher als auf „Earl“ – sein Talent für ausgefallene Wortakrobatik konnte man dagegen schon damals bestaunen. (Daniel Welsch)

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9 Kommentare zu “AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen”

  1. Stefan sagt:

    Stark, Banque Allemande in den Top10.

  2. Nihil sagt:

    „You’re nothing“ von Iceage hat es nicht mal in die Top 50 geschafft? WTF!

  3. Ravin sagt:

    Irgendwie haben mir HAIM in meinem desaströsem Sommer das Leben gerettet! Keiner mochte die richtig, keine ahnung warum?

  4. yyyyyyyy sagt:

    Weil die einfach scheiße sind.

  5. yyyyyyyy sagt:

    Dass Iceage es nich geschafft haben will mir auch nicht recht einleuchten. Auf jeden Fall wäre es ein Kandidat für die Top 10 gewesen.

  6. Pascal Weiß sagt:

    Mir persönlich ist irgendwie der Reiz an der Band flöten gegangen, seit ich sie zweimal live gesehen habe.

  7. HAIM sind auf jeden Fall ne bessere Liveband als Iceage, haha.

    Aber für mich hat vor allem die Platte mit dieser aufgeblasenen Produktion nicht so ganz funktioniert, dafür war an manchen Stellen das Songwriting zu unterentwickelt, auch wenn sie sicherlich kompetenter im Spiel geworden sind.

  8. yyyyyyyy sagt:

    Sind natürlich sehr gut zu vergleichen, Iceage und HAIM.

    Die Kritik an den Livequalitäten von Iceage kann ich nicht bestätigen, auch wenn ich diese schon oft gehört hab. Im UT in Leipzig Anfang des Jahres haben sie top abgeliefert, was sich in Verbindung mit der großartigen Umgebung des Veranstaltungsortes zu einem sehr guten Konzerterlebnis entwickelt hat.

    Naja, genug Fanboy-Gedöns, zurück zu HAIM: Wenn ich Fleetwood Mac will, geb ich mir auch Fleetwood Mac. Und die waren schon scheiße.

  9. Der Vergleich war nicht ganz ernst gemeint, das sind natürlich etwas unterschiedliche Bands. Bei Iceage scheint aber durchaus die Tagesform zu schwanken, ich hab auch schon von Leuten gehört, dass sie von einem Auftritt hellauf begeistert waren und nach dem nächsten ein wenig ratlos, ob sie da die gleiche Band gesehen hatten.

    Dass HAIM genau die gleiche Musik wie Fleetwood Mac machen, würde ich stark verneinen, ansonsten machen Iceage nämlich genau die gleiche Musik wie Wire. Kann aber verstehen, dass man ohne ein Herz für Fleetwood Mac wahrscheinlich auch kein Herz für HAIM haben wird.

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