9. Dezember 2013
AUFTOUREN 2013Das Jahr in Tönen
40 |
Kanye West „Yeezus“ [Def Jam] |
| Kein Ruhen auf dem Thron: Mit lärmendem “Jetzt erst recht”-Gestus wirft Kanye West alles bisher Dagewesene über den Haufen und verfasst seinen Neuentwurf als fordernde, nur aufs erste Ohr völlig konfuse Mischung aus allen möglichen Unvereinbarkeiten. „Yeezus“ ist ein waghalsiger Cut-Up aus Skrillex-geschultem EDM, Industrial- und Suicide-Referenzen, Dancehall-Samples, herzzerreißenden Soul-Breaks, chemischen Drogen und tonnenweise Autotune. Und auch wenn der Rest des Albums das Energielevel der ersten vier Stücke nicht ganz halten kann, auch wenn Wests wenig raffinierte Lyrics zwischen Genie und Wahnsinn schwanken: Gerade wegen all seiner Ungereimtheiten und Provokationen zementiert Kanye West kompromisslos seinen Status als größter männlicher Popstar unserer Zeit. (Bastian Heider) |
39 |
Prefab Sprout „Crimson/Red“ [Embassy Of Music] |
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Ein Überraschungscomeback, das dann doch keines war, weil „Crimson/Red“ schon monatelang im Netz rumgeisterte: Aus der Zeit gefallen und in einem Wolkenmeer aus Streichern und Zuckerwatte erzählt Paddy McAloon Geschichten von Romeo und Julia, dem Teufel und abgehobenen Juwelendieben, von der Liebe, der Jugend und dem Tod – den ganz großen Themen eben, drunter macht einer wie er es eh nicht mehr. Aus Archivmaterial hat McAloon mal eben eines der besten Werke seiner Karriere zusammengebastelt, so dass auch spät Geborene noch einmal allerhand Gelegenheit bekommen um nachzuhören, warum ihm das Songschreiben auch in den nächsten 30 Jahren so schnell niemand nachmachen wird. (Bastian Heider) |
38 |
Young Fathers „Tape One“ & „Tape Two“ [Anticon] |
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Die sollen aus Schottland kommen? So richtig mag das beim ersten Hören dieser beiden EPs nicht einleuchten, hat man doch direkt New York und TV On The Radio vor Augen. Zumindest der vom Sonnenlicht nicht gerade verwöhnte „G“ Hastings sieht – wie kürzlich beim höchst spielfreudigen Liveauftritt des Trios im Rahmen des Le Guess Who? zu beobachten – im Gegensatz zu seinen beiden Bandkollegen mit liberianischen und nigerianischen Wurzeln nach schottischer Straßengang aus, die Crowd mit finsterem Blick auf Distanz haltend. Diese explosive Kombination verschiedener Charaktere ist es, von der Young Fathers profitieren und die sich unweigerlich auf ihren ideenüberfluteten Psychedelic–HipHop auswirkt. Einmal allerdings wird es auch eingängig, wenn auf „Tape Two“ der famose Abschlusssong „Ebony Sky“ noch zwei, drei Extrarunden dreht. (Pascal Weiß) |
37 |
Tocotronic „Wie Wir Leben Wollen“ [Vertigo Berlin] |
| Sie kamen, um sich zu beschweren. Sie postulierten ein Manifest wider die Vernunft und riefen zur allgemeinen Kapitulation auf. Und sie konnten und wollten nicht in Germany relaxen. Tocotronic waren lange Zeit eine Band, die in wort- und fintenreichen Songs vieles anprangerte und verteufelte. 2013 fand im Kosmos der Band ein Paradigmenwechsel statt. Dirk von Lowtzow und Co. komponierten mit ihrem zehnten Album ein Statement des Fürs, was bereits von der unzweideutigen Titelwahl unterstrichen wird. Im Zentrum von „Wie Wir Leben Wollen“ stehen folglich Gedanken und Ideen, die Tocotronic befürworten und die sie wie nebenbei mit der gewohnten Präzisionslosigkeit verhandeln. Ihre transgressive Grammatik zieht sich durch alle 17 Stücke dieses tiefgründigen und facettenreichen Albums. Als Meister vieler Disziplinen beherrschen Tocotronic kurze Rocksongs („Exil“) genauso wie ausufernde Elegien („Warte Auf Mich Auf Dem Grund Des Swimmingpools“) und bleiben ein Fels in sämtlichen Brandungen. (Kevin Holtmann) |
36 |
Natasha Kmeto „Crisis“ [Dropping Gems] |
| Mag sein, dass andere Musikrichtungen in diesem Jahr mehr Spuren in den Endjahreslisten hinterlassen als Natasha Kmetos souliger Elektro-Pop. Und trotzdem, oder gerade deswegen wäre es ein Jammer, wenn man dieses Album ignoriert. „Crisis“ überzeugt durch zehn wunderbar austarierte Elektro-Kleinode, voller pulsierender Beats und Handclaps, voller emotionaler Tiefe, vorbeihuschender Schatten und langsam aufkeimender Nachdenklichkeit. Kann man getrost Freunden von Cooly G, Laurel Halo („Quarantine“), Mount Kimbie oder Jessy Lanza ans Herz legen. (Constantin Rücker) |
35 |
Parquet Courts „Light Up Gold“ [Mom+Pop] |
| Wohl kaum eine Band musste im vergangenen Jahr so obligatorisch als Aushängeschild des neuen US-Slacker-Punk herhalten wie Parquet Courts, wobei man anfangs gar nicht so genau wusste, was das überhaupt sein sollte. Denn eine richtige Szene oder nennenswerte Bewegung ließ sich auf Anhieb nicht ausmachen. Dieser Umstand schmälert allerdings in keiner Weise die Frische, mit der „Light Up Gold“ auf einmal im Raum stand – allerdings nicht brutal die Tür eintretend, sondern nahezu liebenswert anklopfend. Die Band aus Brooklyn kam, um zu bleiben und die Herzen zu erobern, und das mit nerdig anmutendem Checkertum und Musikalität, die nie in Verbindung mit Angeberei kommen. Vielmehr gelingt es, alles fast zufällig, beiläufig, lässig und lakonisch erscheinen zu lassen, als wäre es das Einfachste der Welt, mal eben ein großartiges Album aufzunehmen. (Mark-Oliver Schröder) |
34 |
Run The Jewels „Run The Jewels“ [Fool’s Gold] |
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Man kann „Run The Jewels“ getrost als das zweite Album von Killer Mike und El-P ansehen, denn die beiden MCs führen hier fort, was sie mit Mikes „R.A.P. Music“ begonnen haben – mit dem Unterschied, dass sie sich den Platz am Mikro nun durchgängig teilen. Doch nur weil der Ton hier weniger ernst und politisch als auf „R.A.P Music“ oder „Cancer For Cure“ ist und das Album als Gratis-Download erschien, sollte man „Run The Jewels“ nicht als Resteverwertung oder halbgare Veröffentlichung abtun. Stattdessen ergänzt sich das ungewöhnliche Paar hier perfekt und feuert über die geradlinigen Beats von Jaime Meline ein wahres Gag- und Punchline-Feuerwerk ab. (Daniel Welsch) |
33 |
Dean Blunt „The Redeemer“ [Hippos In Tanks] |
| Gefühlte 100 Anekdoten könnte man zur Kunstfigur Dean Blunt und seinem ehemaligen Projekt Hype Williams inzwischen wohl erzählen. Und dennoch scheint man weder ihm als Künstler, noch seiner Musik dadurch auch nur einen Schritt näher zu kommen. „The Redeemer“ ist sein Debütalbum als Solokünstler und strotzt nur so vor Ideenreichtum, Streicherarrangements und losen Assoziationsketten. Seien die besten Momente vielleicht auch nur geklaut (unter anderem von Fleetwood Mac oder Pink Floyd) oder von anderen Musikern beigesteuert (Joanne Robertson), „The Redeemer“ sucht dank seiner Stimmung, seiner atemberaubenden Klarheit und seiner assoziativen Erzählstruktur seinesgleichen in diesem Jahr. (Constantin Rücker) |
32 |
Savages „Silence Yourself“ [Matador/Beggars] |
| Damit, dass noch einmal eine Gothrock-Platte derart für Furore sorgen könnte, hätten vor Jahresfrist sicherlich die Wenigsten gerechnet. Doch Savages haben tatsächlich einen Weg gefunden, diesem schon seit Jahren etwas angestaubten Genre neues Leben einzuhauchen. Die Bezeichnung „Siouxsie 2.0“ alleine wird der Band um Sängerin Jehnny Beth dabei nicht gerecht. Die elf Songs sind kompakt und imposant vorgetragen, bei allem Minimalismus kommen sehr oft erfrischende, neue Ideen zum Vorschein, die aus „Silence Yourself“ viel mehr machen als ein bloßes Abziehbild: Diese Mischung beschert dem Album eine Anziehungskraft, derer man sich nur schwer wieder befreien kann. (Felix Lammert-Siepmann) |
31 |
Chance The Rapper „Acid Rap“ |
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„Acid Rap“ hält, was Albumcover und –titel versprechen. Auf seinem zweiten Mixtape verquirlt Chance The Rapper Soul-, Gospel-, Footwork-, Pop- und Jazz-Elemente zu einem kunterbunten Mischmasch, der seinen zugedröhnten Singsang-Rap angemessen untermalt. Doch die Sorgenfalten und der paranoide Blick des jungen MCs auf dem Cover verraten auch, dass der traurige Rekord seiner Heimat Chicago als „Mordhauptstadt der USA“ ebenfalls seine Spuren auf „Acid Rap“ hinterlassen hat. „They deserted us here“, beklagt er in „Pusha Man“, doch während Kollegen wie Chief Keef oder Lil Durk auf diesen Umstand mit nihilistischer und gewaltverherrlichender Musik reagieren, wartet „Acid Rap“ mit einer positiveren Aussage auf: „There ain’t nothing better than falling in love.“ (Daniel Welsch) |







Stark, Banque Allemande in den Top10.
„You’re nothing“ von Iceage hat es nicht mal in die Top 50 geschafft? WTF!
Irgendwie haben mir HAIM in meinem desaströsem Sommer das Leben gerettet! Keiner mochte die richtig, keine ahnung warum?
Weil die einfach scheiße sind.
Dass Iceage es nich geschafft haben will mir auch nicht recht einleuchten. Auf jeden Fall wäre es ein Kandidat für die Top 10 gewesen.
Mir persönlich ist irgendwie der Reiz an der Band flöten gegangen, seit ich sie zweimal live gesehen habe.
HAIM sind auf jeden Fall ne bessere Liveband als Iceage, haha.
Aber für mich hat vor allem die Platte mit dieser aufgeblasenen Produktion nicht so ganz funktioniert, dafür war an manchen Stellen das Songwriting zu unterentwickelt, auch wenn sie sicherlich kompetenter im Spiel geworden sind.
Sind natürlich sehr gut zu vergleichen, Iceage und HAIM.
Die Kritik an den Livequalitäten von Iceage kann ich nicht bestätigen, auch wenn ich diese schon oft gehört hab. Im UT in Leipzig Anfang des Jahres haben sie top abgeliefert, was sich in Verbindung mit der großartigen Umgebung des Veranstaltungsortes zu einem sehr guten Konzerterlebnis entwickelt hat.
Naja, genug Fanboy-Gedöns, zurück zu HAIM: Wenn ich Fleetwood Mac will, geb ich mir auch Fleetwood Mac. Und die waren schon scheiße.
Der Vergleich war nicht ganz ernst gemeint, das sind natürlich etwas unterschiedliche Bands. Bei Iceage scheint aber durchaus die Tagesform zu schwanken, ich hab auch schon von Leuten gehört, dass sie von einem Auftritt hellauf begeistert waren und nach dem nächsten ein wenig ratlos, ob sie da die gleiche Band gesehen hatten.
Dass HAIM genau die gleiche Musik wie Fleetwood Mac machen, würde ich stark verneinen, ansonsten machen Iceage nämlich genau die gleiche Musik wie Wire. Kann aber verstehen, dass man ohne ein Herz für Fleetwood Mac wahrscheinlich auch kein Herz für HAIM haben wird.