Nach der „Berlin-Trilogie“ ging es für Tocotronic erneut mit Produzent Moses Schneider in die Hauptstadt. Um genauer zu sein: in das Candy Bomber Studio, das sich im ehemaligen Flughafen Tempelhof befindet und unter anderem über Raritäten wie eine „Telefunken T9“-Vierspur-Tonbandmaschine verfügt. Was das nun konkret mit dem zehnten Studioalbum der Band zu tun hat?

Digital muss eben nicht immer besser sein: „Wie Wir Leben Wollen“ klingt oftmals sehr warm, melodisch zugänglich und ist simultan doch von einer gewissen Distanz durchdrungen, die vor allem durch viel Hall und echohafte Sequenzen erzeugt wird. Hinzu kommt, dass das Klangspektrum der Band breiter geworden ist: Neben vereinzelt wahrnehmbaren Bläsern äußert sich Experimentierfreudigkeit auch in Verwendung eines Chorduns und eines Theremins – Instrumente, die die neblige Klangästhetik garantieren. Die erste Singleauskopplung „Auf Dem Pfad Der Dämmerung“ präsentiert sich im verwaschenen Shoegaze-Klang, „Warm Und Grau“ explodiert hingegen nach sphärisch und bedrohlich wirkendem Intro in brachialen Gitarrensound, „Chloroform“ gibt sich mit Percussion und Midtempo eher dezent minimalistisch, während die „Höllenfahrt Am Nachmittag“ wiederum an Titel der frühesten und rauesten Bandphase erinnert.

Inhaltlich befindet sich „Wie Wir Leben Wollen“ ebenfalls in der für die Band so charakteristischen Schwelle inmitten von Kontradiktionen. Von Lowtzow – der am Operetten-Gesangstil nach dem letzten Phantom/Ghost-Album hörbar Gefallen gefunden hat – sehnt sich gleichzeitig nach Freiheit und Ergebung, will „high sein und doch auf dem Boden kleben“ (aus „Ich Will Für Dich Nüchtern Bleiben“). Was für das Musikalische gilt, gilt ebenso für die Texte. Auch sie pendeln zwischen Nähe und Distanz, jonglieren mit Widersprüchen, sind gewohnt kryptisch, abstrakt und doch unglaublich bildreich geraten. War auf „Kapitulation“ und vereinzelt auch auf „Schall Und Wahn“ noch eine aufbegehrende Attitüde spürbar, steht in den neuen Songs vor allem der Körper und mit ihm das Unbekannte und Begrenzende im Mittelpunkt. „In meinem Körper nisten die Viren“, haucht von Lowtzow in „Die Revolte Ist In Mir“, suggeriert referenzreich Ohnmacht und Schwäche mit „Ich bin kein Mensch in der Revolte, die Revolte ist in mir“ („Der Mensch In Der Revolte“ ist der Titel einer Sammlung politischer Essays des französischen Philosophen Albert Camus – nicht umsonst hängt dieser Band der „Diskursrock“-Begriff an).

Doch selbst das Älterwerden führt bei Tocotronic nicht zu einem Richtungs- oder Prinzipienwechsel: Auch „Wie Wir Leben Wollen“ ist eine Platte, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt, sich dabei nicht in plumper Befindlichkeit erschöpft und in ihrer nur scheinbaren Bedeutungslosigkeit etwas ganz Bedeutendes vollbringt, was man bei Pop leider all zu oft vermisst: geheimnisvoll und berührend zugleich zu sein.

16 Kommentare zu “Tocotronic – Wie Wir Leben Wollen”

  1. Lennart sagt:

    Ich hab’s noch nicht gehört (vom unbefriedigendem Vorabstream mal abgesehen) und kann dennoch überhaupt nicht nachvollziehen, wie das nur 70& zusammenkommen… nun, als ob das wichtig wäre. Das ist dann wohl der Fan in mir. Und mehr Fragen als Antworten? Gut, denn die Herrschaften werden schon die richtigen Fragen stellen.

  2. Nee, das reicht mir nicht aus. Eine beschreibende Rezension, okay, aber „Auch sie pendeln zwischen Nähe und Distanz, jonglieren mit Widersprüchen, sind gewohnt kryptisch, abstrakt und doch unglaublich bildreich geraten.“, sind sie nicht eher kryptisch und abstrakt, weil bildreich, nicht „doch“, also obwohl?

    Entschuldigung, ist gar nicht böse gemeint, ganz und gar nicht. Aber ich erwarte mir immer noch sehr viel von dem Album und glaube, hier wurde Großes übergangen. Womöglich. So als Fan. Nächste Woche weiß ich mehr.

  3. Ich meinte weiter oben natürlich: „Ich hab’s noch nicht gehört (vom unbefriedigendeN Vorabstream mal abgesehen) und kann dennoch überhaupt nicht nachvollziehen, wie da nur 70% zusammenkommen…“ … ich schlaf mal lieber.

  4. 70 ist doch sehr gut, würd ich sicher nicht jedem Tocotronic-Album geben. Bin aber wohl auch schon länger kein Fan mehr, der sich von einem neuen Album viel verspricht (und hab dieses noch nicht gehört, erst recht keine Sekunden-Schnipsel).

  5. Doc sagt:

    Nur das die Bewertung (70%) und die Rezension nicht so ganz zusammenpassen wollen.
    Wie der Autor zu dieser Punktzahl kommt, bleibt gänzlich schleierhaft. Zumal sich sein Text deutlich euphorischer liest, als das folgende Ergebnis dann ausfällt.
    Ansonsten schöne Rezension.

  6. Wie gesagt, eine 7er-Wertung mag kein Ausdruck restloser Begeisterung sein (die lese ich zumindest aus dem Text auch nicht heraus), aber steht schon für ein sehr gutes Album. Ich glaube, wir hatten bei den letzten 30 „langen“ Rezensionstexten drei- oder viermal eine Wertung von 80 aufwärts, und das sind schon selten auch nur mittelmäßig gute Alben. Nur um das mal ins Verhältnis zu setzen.

  7. Anna sagt:

    Also etwa auf einer Höhe mit Yo La Tengos neuem Album – das ist doch vielversprechend. Schöne Rezension auch.

  8. Pascal Weiß sagt:

    Was die Punktezahl angeht, bin ich nicht ganz unschuldig. Vielleicht deshalb mal kurz zur Erklärung unserer Wertungsskala: Alles ab 70% müssen wirklich schon richtig gute Alben sein, alle Platten ab 80% zudem eine breite Zustimmung innerhalb der Redaktion finden.

    Im Fall von Tocotronic konnten vorab leider nur drei von uns das Album hören: Einer findet es „wirklich gut“, die beiden anderen „so ok“, aber keiner „herausragend“.

    Da gerade eh schon Yo La Tengo im Raum stehen, der Vergleich passt sehr gut. Denn deren blitzsauberes neues Album hat nicht nur dem Rezensenten gut gefallen, sondern zudem einigen anderen auch – wenn auch wieder keiner „herausragend“ zücken würde. Da stehen dann 72% drunter. Und darüber beschwert sich komischerweise keiner;)

  9. Lennart sagt:

    Quatsch, ich beschwere mich ja gar nicht und weiß ja auch, wie’s hier läuft (-:

    Das ist nur der Fan, der mosert. Mehr nicht. Und der freut sich jetzt weiterhin auf das Album, so.

    Ansonsten finde ich schon, dass etwas Aufbegehrendes darin liegt, wenn der eigene Körper selbstbewusst betrachtet, benannt und behandelt und nicht über Zuschreibungen definiert wird. Aber: Erst mal hören.

  10. Watzlaff sagt:

    „70 ist doch sehr gut“. Eine Wertung von 70% oder schlechter gibts bei euch in etwa einmal pro Jahr, glaube nicht, dass man so eine Wertung dann noch als „sehr gut“ bezeichnen kann.

  11. Ein kurzer Überblick über die Rezensionsspalte sagt da was anderes. „Sehr gut“ ist vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt, aber wie gesagt, wir rezensieren eben zum größten Teil nur diejenigen Platten, die wir selbst gut finden. Für den großen Rest fehlen uns einfach die Kapazitäten.

  12. Besonders empfohlen sei dazu ein Blick in unser Plattenpanorama, dort waren letzte Woche zum Beispiel drei von vier Wertungen unter 70.

  13. Pascal Weiß sagt:

    @Watzlaff: Auch hier gebe ich gerne ein paar interne Abläufe preis: In der Regel stimmen wir uns bereits eine ganze Zeit vor dem Erscheinen der Rezensionen intern ab, welche Alben im Fokus stehen sollten und welche nicht. Am Ende bleiben dann meist nicht mehr als 4 Platten pro Woche übrig, die uns sehr interessieren und die mit einer ausführlichen Rezension gewürdigt werden – und damit in unseren Augen eh schon sehr im Vordergrund stehen. Dass diese sich dann auch häufig zwischen 65 und 80 einpendeln? Klar.

    Würden wir Werbung schalten und könnten Schreiber hier entlohnen, würden sich sicher auch einige finden, die sich die Zeit nehmen, Platten zwischen 20-60% abzuarbeiten. Da die meisten von uns aber mit Familie, Arbeit, Studium etc. viel um die Ohren haben, ist es in meinen Augen absolut nachvollziehbar, dass da keiner Lust hat in seinen wenigen freien Stunden irgendwelche beliebigen Alben zu besprechen.

    Da wir – wie auch schon von Uli angemerkt – aber selbst gerne noch mehr Alben auf die Liste nehmen wollen, haben wir im letzten Quartal 2012 das Plattenpanorama ins Leben gerufen. Da sieht der Schnitt schon ganz anders aus. Aber auch dort werden wir vermutlich nicht dazu übergehen können, reihenweise langweilige Alben ins Programm zu hieven – das würde euch ja auch nichts bringen, oder?

    Sieh es am besten so: Wenn große Portale 25 Alben pro Woche besprechen, bewegen sich ca. 6-10 im Bereich 70+. Wir müssen aufgrund unserer Kapazitäten eben filtern und schmeißen die Alben 11-25 bereits vorab vom Tisch;)

  14. Watzlaff sagt:

    Nee klar, ist schon ok so. Ab und zu ein „Verriss“ wäre aber sicher auch nett zu lesen, was nicht heißt, das ihr angfangen sollt, Silbermond und Konsorten zu besprechen, aber die ein oder andere größere Enttäuschung kommt ja auch bei ernstzunehmenderen Künstlern mal vor. Aber schon klar, dass bei begrenzten Ressourcen das Augenmerk erstmal auf den wirklich spannenden Veröffentlichungen liegen muss.

  15. @watzlaff:
    du hast recht: ein richtiger verriss wäre echt mal was tolles… nur hat man leider keine oder kaum zeit für „schlechte“ musik.
    aber wenn ich die reaktionen auf diese rezi sehe, scheint eine 70 für tocotronic für viele schon nahe an komplett verriss oder blasphemie zu sein.
    jetzt heißt es bei jeder neuen rezi auf der hut sein, damit nicht sogleich tocotronic als referenz in stellung gebracht werden ;-)

  16. […] und seinen Kollaborateuren nahe. Tracks wie „Das Wort“ beginnen minimalistisch, die Stimme des Tocotronic-Sängers Dirk von Lotzow hat genug Raum, um wiedererkennbar zu sein. Sie richtet das Wort an die […]

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