SavagesSilence Yourself

„Savages“ bedeutet im Englischen bekanntlich „Wilde“, ist eigentlich eine diskreditierte Vokabel aus der kolonialen Mottenkiste, aus der Zeit als das weiße, christliche Europa die Welt „entdeckte“. Dabei wurden die „Wilden“ wahl- und bedarfsweise zu blutrünstigen Monstern mit kannibalistischen Tendenzen bar jeglicher Kultur, oder zu edlen, aber leider heidnischen Wesen mit kindlichem Gemüt verklärt. So oder so wurde es gerechtfertigt, ihr Land zu rauben, sie zu unterwerfen, auszubeuten, abzuschlachten und natürlich zum einzig wahren Glauben zu bekehren.

Eine neuere, aber ebenfalls interessante Variante subjektiver Aneignung und Umdeutung des Begriffs liefert Don Winslows Roman „Savages“. Dort bezeichnen sich die beiden Parteien (coole Drogendealer bzw. uncoole Drogendealer) gegenseitig als solche und unterstellen einander so Kulturlosigkeit und die Unfähigkeit, sich „angemessen“ zu verhalten. The Slits posierten barbusig in Baströckchen als „Savages“ auf dem Cover ihres Debütalbums „Cut“, Adam & The Ants verkleideten sich in einer Mischung aus indigener nordamerikanischer und Jolly-Roger-Folklore, „wildes“, tribalistisches Schlagzeugspiel findet sich auf zahllosen Post-Punk-Veröffentlichungen (Siouxsie & The Banshees, Adam & The Ants, Sex Gang Children …) als Zurückweisung des Beat- und Rockschemas.

Warum diese Vorrede? Weil sich die Savages, um die es im weiteren Verlauf gehen soll, sicherlich Gedanken bei der Namenswahl ihrer Band und der damit einhergehenden Konnotationen gemacht haben werden – abgesehen davon, dass er natürlich auch noch toll klingt. Jene Savages kommen aus London und sind natürlich laut britischer Presse – muss man es noch erwähnen – die Band! Bestes Debüt seit … seit wem eigentlich? Naja, uns soll es egal sein, nähern wir uns der Band und ihrem Album „Silence Yourself“ über das erstmal augenfälligste Merkmal: den Gesang.

Der Gesangsstil von Siouxsie Sioux wird ja seit Längeren wieder gepflegt, man muss sich nur Florence oder Marina anhören, daher erscheint die Stimme von Jehnny Beth zunächst nicht unbedingt als das Alleinstellungsmerkmal der Band. Die Inbrunst ihres Vortrags hat zwar den geforderten Hang zur Theatralik, aber da wo Florence sich auf Bombast und elfenhaftes Geflöte in wallenden Gewändern kapriziert und Marina über die materiellen Unzulänglichkeiten trällert, wo man doch „Big In USA“ sein möchte und deshalb auch musikalisch auf dicke Hose produziert, bekommen wir bei Savages das existentialistisch monochrome Gesamtkunstwerk.

Das fängt an beim Cover, das annähernd dem Goldenen Schnitt folgt. Auf der linken Seite, die nicht ganz ein Viertel der Fläche einnimmt, findet sich in einer modernen Type der Bandname. Darunter, kursiv, über zwei Zeilen der Albumtitel, unterhalb der Mittellinie schließlich folgt ein manifestartiger Text. Auf der rechten Seite ist die vierköpfige Band in strenger Schwarz-Weiß-Photographie zu sehen. Ihre Ästhetik, die so gut wie keine nuancierenden Grautöne zulässt, rekurriert auf den frühen Anton Corbijn und seine ikonografischen Arbeiten für Joy Division. Sie zeigt vier junge Frauen, deren Köpfe kaum in die obere Hälfte des Covers hineinragen. Eine schaut direkt in die Kamera, in Profilierung und Blickführung an Jan Vermeers „Das Mädchen Mit Dem Perlenohrring“ erinnernd. Hier wird eine vage Andeutung von Nähe erzeugt, aber durch den leicht abschätzenden und abschätzigen Gesichtsausdruck wieder relativiert. Zwei Bandmitglieder weiter im Bildhintergrund blicken mit geschlossenen Augenlidern nahezu schüchtern zu Boden bzw. fordernd am Betrachter vorbei. Die vierte, am nächsten zur Kamera und beinahe im Vollprofil abgebildet, lässt ihren ernsten Blick nahezu parallel zur Bildebene verlaufen. Durch ihre Positionierung wirkt ihr Blick wie eine strukturelle Grenze, die nicht undurchdringlich, sondern porös erscheint.

Ganz nebenbei echot das Cover das von „Colossal Youth“, dem Debütalbum der Erfinder des Auslassungs- und Introspektivpops: Young Marble Giants. Allein seine Gestaltung und die dadurch implizierten Konnotationen kommunizieren schon alles – Introspektivität, Verletzlichkeit, Ambivalenz, vage Gesellschaftskritik, Aggressivität und ein irgendwie sublimer Hang zum Romantizismus – was später auch musikalisch umgesetzt wird. Beiläufig ruft es somit prinzipiell die gesamte Ikonographie eines Glam-Gothrocks ab, wie er zum Beispiel von Bauhaus geprägt wurde, eine Faszination für die klassische Moderne (Typographie, Manifestismus) bei einer nicht zu unterschätzenden Irritation gegenüber ihren Auswüchsen und Deformationen. Konsequentermaßen kann schon allein das Cover als Gesamtkunstwerk, welches perfekt den Inhalt kommuniziert, aufgefasst werden.

Jetzt wäre doch fast die Musik untergegangen. „Silence Yourself“ bietet großartigen – Gothrock! (Kaum zu glauben, dass ich das hingeschrieben habe.) Fay Miltons Schlagzeug ist flexibel, versiert und druckvoll, die Rhythmik abwechslungsreich, der Bass von Ayşe Hassan übernimmt auch schon mal die Führung und Gemma Thompson spuckt mit der Gitarre gerne atonale Splitter über den ausgebreiteten Soundteppich, darüber tobt sich der Gesang von Jehnny Beth facettenreich aus. Dabei erreicht die freigesetzte Dynamik und Energie eine Intensität, wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat. Und wenn bei „She Will“ in meinem Kopf „Knights Of The Jaguar“ von The Aztec Mystic widerhallt, dann komme ich aus der Freude und dem Staunen gar nicht mehr raus.

4 Kommentare zu “Savages – Silence Yourself”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Mann, da ist Dir aber echt eine facettenreiche Rezi gelungen, Mark;) Sehr gerne gelesen. Über das Album selbst werden wir sicher noch das eine oder andere Mal reden dieses Jahr, da bin ich mir sicher. Noch irgendwer von euch beim Konzert in Köln in zwei Wochen?

  2. Pascal Weiß sagt:

    Achja, und alles Gute zum Geburtstag natürlich! Echt nicht der schlechteste Zeitpunkt, in dieser gerade ohnehin trunkenen Stadt.

  3. René sagt:

    Ich bin evtl da. :)

  4. […] Rockbands in Großbritannien, zeigten sich in den letzten Jahren beeindruckt und beeinflusst, Savages-Sängerin Jehnny Beth bezeichnete Homme außerdem kürzlich in einem Interview als „den Elvis […]

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