Young FathersTape Two

Hört man die Musik von Young Fathers, würde man eher New York oder einen anderen popkulturellen Schmelztiegel Amerikas als Heimatort des Trios vermuten. Stattdessen stammen Young Fathers aus dem beschaulicheren Edinburgh, was vor allem der herrliche Akzent verrät, haben aber in Amerika mit Anticon das perfekte Label für ihren Avantgarde-HipHop gefunden.

Denn mit ihrer Mischung aus Rap, Soul, R’n’B, afrikanischen Rhythmen und harschen Synthies passen sie perfekt ins Raster des kalifornischen Labels, das mit Bands wie Why? oder 13 & God schon immer für die etwas abseitigere und experimentelle Seite des HipHops stand. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis Anticon auf Young Fathers aufmerksam wurde: Anfang des Jahres veröffentlichte es die Debüt-EP „Tape One“, welche die Band bereits im November 2011 ins Netz gestellt hatte. Obwohl das Trio nach eigenen Angaben seitdem bereits zahllose neue Songs aufgenommen hatte, folgte zunächst leider nicht das erste Album, sondern eine weitere und folgerichtig „Tape Two“ betitelte EP von Young Fathers.

Die zahllosen musikalischen Einflüsse zeugen von den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der drei Musiker: Alloysious Massaquoi wuchs im westafrikanischen Liberia auf, Kayus Bankole stammt aus einer nigerianischen Einwandererfamilie. Allerdings hört man der Musik der Schotten gleichzeitig auch an, dass es sich bei den drei Bandmitgliedern um Jugendfreunde handelt, die seit vielen Jahren gemeinsam Musik machen. Denn Young Fathers schaffen es stets, die unterschiedlichen Elemente zu einer zwar wilden und abenteuerlichen, aber stets kohärenten Mischung zu verquicken.

Während „Tape One“ eingangs mit dem rumpelnden „Deadline“ überfallartig den Hörer bestürmte, folgt „Tape Two“ einer anderen Dramaturgie und beginnt mit dem ruhigsten Song der EP. Bei „I Heard“ präsentieren sich Young Fathers ungewohnt minimalistisch, lediglich ein metronomartiger Clave-Beat und sanfte Synthieflächen begleiten den flehentlichen Gesang. Doch schon mit dem zweiten Song „Come To Life“ werden die Arrangements und Rhythmen deutlich komplexer und auch die Intensität der Beats nimmt zu. Das Ganze gipfelt in „Queen Is Dead“ in einem völlig wilden zweiten Teil, in dem über Sirenensounds, hysterische Schreie und Snareschläge, die wie Peitschenhiebe klingen, immer wieder das Mantra „Money, money, cash for gold“ wiederholt wird. Danach folgen mit „Bones“, dem wunderschönen „Freefalling“ und „Mr. Martyr“ erneut ruhigere Songs, bevor „Way Down In The Hole“ die lauten und leiseren Momente der EP miteinander versöhnt, dabei jedoch den gewohnten Aufbau eines Popsongs genau umkehrt: Der Refrain erinnert in seiner Reduziertheit an das Eröffnungsstück, während die Strophen mit viel Gepolter zum Tanzen einladen.

Zum Glück hat das Trio der Versuchung widerstanden, nach dem Anticon-Deal auf seiner zweiten Veröffentlichung den Sound aufzupolieren und ist stattdessen der Lo-Fi-Ästhetik des Vorgängers „Tape One“ treu geblieben. Die neun Songs klingen dank der wummernden Bässe und des leicht übersteuerten Sounds nach einem muffigen Kellerloch mit flackerndem Neonlicht im heruntergekommensten Teil einer Großstadt und verbreiten so eine düster-bedrohliche Stimmung, die von den Texten noch verstärkt wird. Mit „Effigy“ haben Young Fathers kurz nach „Tape Two“ bereits einen neuen Song für die Compilation „Friends Of Friends: Show Me The Future Vol. 2“ veröffentlicht, der sich allerdings deutlich von dem Material der beiden EPs unterscheidet und eher an den Industrial-Rap von Death Grips erinnert. Es bleibt also spannend!

4 Kommentare zu “Young Fathers – Tape Two”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Super Album, tolle Rezi! Nur hättest Du das großartige „Ebony Sky“ ruhig noch mit aufzählen dürfen;) Vielleicht sogar der beste Song auf Tape One / Tape Two.

    Auf jeden Fall mit Ka mein bisheriger Favorit aus der HipHop-Ecke dieses Jahr.

  2. Stimmt, „Ebony Sky“ ist großartig und ein fieser Ohrwurm! Kriege den Refrain schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf. ;)

  3. Stephan sagt:

    Finde ich gut. Finde ich sehr gut. Sowohl die Rezension als auch das Mixtape selbst. Allerdings muss ich einfach mal fragen: Was ist Lo-Fi Ästhetik?

  4. Hallo Stephan,
    vielen Dank! Lo-Fi ist die Kurzform von Low Fidelity, das Gegenteil wäre High Fidelity. Lo-Fi-Ästhetik bedeutet, dass Young Fathers hier ganz bewusst einen unsauberen, billigen Klang wählen: Übersteuerte Sounds, Hintergrundgeräusche und – rauschen und Beats, die nach billigstem Equipment klingen.

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