AUFTOUREN 2016 – Das Jahr in Tönen

Nur wenige kommen im ersten Ansatz zum Meisterwerk , denn da steckt schließlich auch das Wort „Meistern“ drin. So muss man in diesem Jahr schon jenseits unserer Top 10 schauen, um ein Debütalbum zu finden, was nicht bedeutet, dass hier bloß Stammgäste eine souveräne Ehrenrunde drehen.

Neben bislang eher weniger bekannten Namen wie The Body, Mitski und Ian William Craig zeigen sich so einige vertraute KünstlerInnen dieses Jahr besonders mutig, schonungslos, ambitioniert, politisch, emotional im Vollbesitz ihrer künstlerischen Möglichkeiten und Motivationen – selbst wenn es für mehrere darunter ihr letztes Werk war. Das möchten wir würdigen und hiermit unsere fünfzig Konsensalben aus 2016 anführen – und wie immer natürlich auch selbst ein paar Worte dazu verlieren. Wir hoffen, ihr lest sie euch durch und findet dabei auch noch die eine oder andere Neuentdeckung. Los geht’s:


50

School Of Seven Bells

SVIIB

[Full Time Hobby]

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Es ist wahrscheinlich unvorstellbar, wie viel Kraft es Alejandra Deheza gekostet haben muss, dieses Album zwei Jahre nach dem Tod ihres Mitstreiters und Expartners Benjamin Curtis doch noch aus dem Archiv zu holen und zu vollenden. Dabei ist „SVIIB“ auch ohne den traurigen Hintergrund ein wunderbares Statement: Die Sounds klingen taufrisch, vor allem die Synthies blitzen geschickt platziert hartnäckig und funkelnd auf und lassen so etwas wie Stillstand erst gar nicht vorkommen. Überhaupt überrascht das Album mit etlichen explosiven Momenten, die perfekt mit der nie nachlassenden Aufrichtigkeit in Dehezas Stimme harmonieren. Selbst in dunkleren Minuten verliert „SVIIB“ nie diesen Faden. (Felix Lammert-Siepmann)


49

EXEC

The Limber Real

[Tambourhinoceros]

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2016 zeigte sich nicht selten von seiner wirklich unschönen, um nicht zu sagen: schrecklichen Seite. Da passt es nur zu gut, dass auch die pessimistischen, verbitterten Stimmen in diesem Jahr die Oberhand hatten. Troels Abrahamsen hat dieses Gefühl auf die Spitze getrieben. Auf „The Limber Real“, dem Debütalbum seines Solo-Projekts EXEC, ist der Sound auf zwei Dinge beschränkt: ein Piano und Abrahamsens markerschütternde Stimme. In diesen Miniaturen ist gute Laune Fehlanzeige, vielmehr vertont EXEC seine Vorstellung, dass jeder Mensch letztendlich allein auf der Welt ist. Wer danach nicht eingerollt und wimmernd in der Ecke liegen möchte, sollte den Nihilismus der Platte in kleinen Dosen genießen. Denn dann ist er nicht nur bedrückend und tiefschürfend, sondern vor allem wunderschön. (Benedict Weskott)


48

Kaitlyn Aurelia Smith

EARS

[Western Vinyl]

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Wir dürfen vorstellen: Ende 20, Synthesizer-Nerd, Jahrescharts-Kandidatin. Kaitlyn Aurelia Smiths Karriere gewann dabei erst an Fahrt, nachdem sie ihre Folkband gegen unzählige Retro-Synthies eintauschte. Sechs Jahre ist das nun her, unlängst an Sicherheit gewinnend. So mäandert „EARS“ selbstsicher durch die vielen Relais und Kabel, die hier einen verzückend-organischen Sound produzieren, der in seiner psychedelischen und meditativen Verschwurbeltheit nicht nur an „early electronics“ erinnert, sondern diese fast 1:1 nachahmt. Es wäre ein Leichtes, diesen Ansatz als unzeitgemäß und überholt zu klassifizieren, wäre nicht da auch diese lebensfrohe Leichtigkeit in den verspulten und geradezu liebenswürdigen Klangminiaturen, deren Fortsetzung Smiths gemeinsames Album mit Suzanne Ciani bildet. Nicht minder großartig. (Markus Wiludda)


47

Tindersticks

The Waiting Room

[City Slang]

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Nachdem Stuart A. Staples und seine Begleiter schon immer ein großes Faible für Soundtracks gehabt haben, gab es genau genommen ja keine näherliegende Idee, als den Spieß umzudrehen und kurzerhand alle Songs auf „The Waiting Room“ mit einem eigenen kleinen Film auszustatten. Das Material ist jedenfalls vorhanden, denn lange klang die Band nicht mehr so erhaben cineastisch wie hier. Und das mag etwas heißen, schließlich haben sich Tindersticks ihren Ruf als britische Gentlemen hart erarbeitet und konstant ausgebaut. Vor allem die Duette erweisen sich fast so wie in den ersten Alben als Salz in der Suppe. Wenn Jenny Beth von Savages in „We Are Dreamers“ zurückhält, aber doch kraftvoll einsetzt, klingt das jedenfalls schon wie im schönsten Lynch-Albtraum. (Felix Lammert-Siepmann)


46

Sturgill Simpson

A Sailor’s Guide To Earth

[Atlantic]

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Vielleicht ist Sturgill Simpson einer der Heilsbringer moderner Countrymusik, ganz bestimmt aber einer ihrer größten Hoffnungsträger. Mit einer herausragenden Stimmfarbe gesegnet und beseelt vom familiären Nachwuchs, entwirft er auf „A Sailor’s Guide To Earth“ einen wahrhaft begeisternden Bilderbogen, seinem Sohn einen Weg in die Welt zu weisen. Soulige Motown-Momente wie im grandiosen „Welcome To Earth (Pollywog)“ treffen auf weiche Westcoast-Fantasien, doch überzieht Simpson jeden Song mit einer merkbaren Country-Firnis, die dem geschlossenen Charakter des Albums erheblich zu Gute kommt. Mit dem bestechenden Nirvana-Cover „In Bloom“ und „Brace For Impact (Live A Little)“ hält „A Sailor’s Guide To Earth“ zudem ein gewaltiges Doppelbiest aus Bombastblues und Power-Pop der besten Sorte bereit. (Carl Ackfeld)


45

Dedekind Cut

$uccessor

[NON Worldwide]

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Unzählige Veröffentlichungen pflasterten 2016 den Weg von Fred Welton Warmsley: Ein Outtakes-Album unter dem Alias Lee Bannon, eine rattenscharfe EP mit Rabit und eben das Dedekind-Cut-Debüt mit Beats aus der Waschküche. Eine zerstoben-diffuse Angelegenheit mit raumtiefem Hall und Melodien, die wie Wollmäuse in der Ecke liegen und per Bass-Boost auf- und abwippen, während der dauersummende Staubsauger schon im Anflug ist. Kurzum: Eine der interessantesten Ambient/Experimental-Platten des Jahres, die sich sowohl auf die Komfort-Zonen als auch die abseitigen Wendungen verlassen kann, die bei jedem Hördurchgang noch eine weitere Facette darbieten. (Markus Wiludda)


44

Chance The Rapper

Coloring Book

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Das Warten bis zum offiziellen Debütalbum gestaltet sich bei Chance The Rapper zur endlosen Hängepartie, bevor es 2017 dann soweit sein soll. Sein Mixtape „Acid Rap“ von 2013 und sein diesjähriges nähren die Gewissheit, dass der 28jährige sogleich in die 1. Riege der amerikanischen Popstars aufsteigen wird. Eingängigkeit, Lässigkeit und Varianz über Genregrenzen hinweg – das sind die Zutaten, die wie Gummibänder „Coloring Book“ zusammenhalten. So übersieht man auch leicht manch zynische Zeile, manch augenzwinkernde Selbstbeschau, die auch inhaltlich das Werk säulenartig stützen. Manche mögen sich an den religiösen Gospel-Beschwörungen stören, entziehen kann man sich der stimmungs- und salbungsvollen Soul-Rap-Melange nicht, die sich wie ein universalistisches Gut der Friedlichkeit und Gemeinschaft verbreitet. Kein Wunder, dass selbst Jay Electronica als Muslim hier gerne im Background-Chor singt. (Markus Wiludda)


43

Weyes Blood

Front Row Seat To Earth

[Mexican Summer]

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Da gibt es wenig drum herum zu reden: Weyes Bloods „Do You Need My Love“ ist einer der ganz großen Songs dieses Jahres. Scheinbar mühelos schlägt Natalie Mering hier mit einer unfassbaren Hingabe einen Bogen vom Piano-Rock der Siebzigerjahre in die vertrackte Neuzeit und lässt ihre grobe Noise-Vergangenheit fast komplett hinter sich. Mehr denn je in ihrer Solokarriere ist „Front Row Seat To Earth“ dann auch ein Album, das eher von seinen etlichen starken Songs lebt, als dass es ein homogenes Gesamtbild abgibt. Doch das scheint aktuell genau das richtige Rezept für Mering zu sein: weniger Experimente, weniger Lärm und dafür umso mehr Harmonie. (Felix Lammert-Siepmann)


42

Shura

Nothing’s Real

[Polydor]

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Kaum ein Album navigierte dieses Jahr die emotionalen Grauzonen feinfühliger. So weich beklatscht und saitenbehaucht sich der Groove von „Touch“ auch anschmiegt, ist die Intimität des Songs nur ein Echo der Vergangenheit, das wie ein Instinkt noch im Körper verweilt. Wo Shura hier „I want to touch you but I’m too late“ singt, konkretisiert sich in „2Shy“ auch nur die physische Umgebung einer zaghaften Annäherung („Walking home down the Uxbridge Road/ Headphones on, I got a cigarette rolled“), doch ihr Electro-Pop funkelt dazu mit ungleich schärferen, sich der eigenen Stärken bewussten Melodien auf. Dass sie in „Tongue Tied“ abermals die Worte „too shy“ verwendet, oder wie bei „Indecision“ auch mal von ihren hadernden Gegenübern eine Entscheidung einfordert, untermauert nur noch mehr, wie undurchsichtig dieses ganze Miteinandersein für alle Beteiligten sein kann. „Nothing’s Real“ ist Pop mit Vorsicht, zum Genießen. (Uli Eulenbruch)


41

Kamaiyah

A Good Night In The Ghetto

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Eigentlich keine gute Idee, im März ein so offensichtlich für den Sommer prädestiniertes Debüt in den reißenden Strom neuer Mixtapes zu werfen, doch die Anlaufzeit hat „A Good Night In The Ghetto“ keinen Deut geschadet. Neben schonungslos ernster Erzählung paart Kamaiyah gleichermaßen Hedonismus und alberne Selbstbeschreibungen mit treibendem Mustard-Wave, gläsernem Funk-Hop und geht mit „One Love“ oder „Break You Down“ sogar einen Schritt Richtung mitternächtlichem Electro-Pop, ohne den Fokus zu verlieren. Dabei besitzt die Westküsten-Rapperin eine stimmliche Intensität, die nicht einmal der stechenden Intonation von „Freaky Freaks“ bedarf, trotz gesangsmäßig langgezogener Vokale ist so der Tonfall wie bei „Ain’t Going Home Tonight“ ein lässig-konversationeller. Auch wenn der Sommer vorbei ist: Kamaiyah bleibt die Spitzenkandidatin für ein Mixtape mit Albumqualität. (Uli Eulenbruch)

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