Stuart A. Staples verändert nie viel. Mit lang erprobten und bewährten Zutaten eher gediegenen Ursprungs lässt er eine Art von Finsternis in die Songs seiner Tindersticks Einzug halten, die unverwechselbar erscheint. Zitternde und damit umso prägnantere Stimme, ein vollmundiger, eleganter und wogender Soundaufbau, dazu romantisierende Themen, die von Verlust, Aufbruch und Wendepunkten handeln – doch dieses Mal sorgt ein leichter Hauch filigraner Jazzornamente für frischen Wind.

„The Waiting Room“ ist ein durch und durch elegantes Album. Staples und seine Mitmusiker haben die Kunstfertigkeit in Arrangement und Erscheinungsbild seit ihren letzten Alben noch deutlicher ausformuliert. Die durch die Soundtrackarbeit für Claire Denis geschulte Lust am raffinierten Umgang mit dem Instrumentalen und der damit einhergehenden Abstimmung im Kleinen und Feinen merkt man den Songs des mittlerweile zehnten Studioalbum der Band aus Nottingham in jeder Sekunde an. Das eröffnende „Follow Me“ zieht wortlos den Vorhang auf und schon färbt sich die Szenerie in abgetöntes Rot und Gold, lässt Staples und seine Mannen behutsam Einzug erhalten.

Schon erhebt sich das mollene Klanggewand, das den Tindersticks so gut zu Gesicht steht und man beginnt sich einzurichten. „Second Chance Man“ beginnt mit der bebenden Stimme des Crooners, das Schlagwerk samtig im Hintergrund. Doch nicht nur dort und im sanft angefunkt federnden „Help Yourself“ schleicht sich eine neue Facette ein: der kammermusikalische Pop neigt sich ein wenig hin zum Jazz, Saxophon und Blechbläser geben den Songs Tiefe. Ruhig und gemessen, doch nie leidend fragt Staples wiederum nicht nur im nach vorne drängenden „Were We Once Lovers?“ nach Liebe und Sein und erzählt von Sorgen und Hoffnungen, die nur selten durch geschickte Winkelzüge durchbrochen werden.

Interessanterweise passiert das vor allem dann, wenn Staples das gesangliche Alleinsein satt hat und sich namhafte Unterstützung ans Mikrofon holt. Im erstaunlich kraftvollen „We Are Dreamers“ lässt er Jenny Beth von Savages den Titel immer und immer wieder wiederholen, bis sie wie ein albtraumhaftes Echo zwischen seiner Stimme, dem bebenden Schlagzeug und den Glockenklängen des Keyboards langsam verblüht. Doch bereits zuvor sorgt der markante Gesang der 2010 leider viel zu früh von uns gegangenen Lhasa de Sela im langsamen Duett „Hey Lucinda“ für dieses wohlige Schauergefühl. Bereits vor einigen Jahren in anderer Form entstanden, entpuppt sich die neu eingespielte Version als traurig-tröstliches Chanson, das trotz aller Distanz beider Stimmen organisch und zugetan erscheint.

Jedes Stück auf „The Waiting Room“ bekommt einen Film anhandgestellt, der handlungsbefreit eher Stimmungsmacher oder Stichwortgeber zu sein und das Gehörte durch seine Gegenstandslosigkeit in andere Blickwinkel zu setzen scheint. Dadurch verliert sich zwar bisweilen die zuvor beschriebene Eleganz, da jedoch selbst das instrumentale „Fear Of Emptiness“ in seiner feinsinnigen Nuancierung im Endeffekt sowieso auf das eigene Kopfkino und Bauchgefühl setzt, ist die rein auditive Wahrnehmung völlig ausreichend. Vielmehr gibt man sich so eher dem Fluss, dem aufreizend überschwänglichen Umgang mit Schwermut und Romantik hin – und schwelgt.

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