Amerikanischer Country und Folk muss sich häufig zwischen Wohl und Wehe entscheiden. Gleitet er mit mehr oder weniger stark hervorgehobener Pop-Affinität durch die Charts und entpuppt sich dabei nicht selten als zukünftiger Garant dafür, auch bei den Grammys von der Bühne zu winken, bleiben die eher ruppigen und rohen Vertreter weitgehend am Rand der Wahrnehmung zurück. Seit geraumer Zeit bewegen sich beide Parteien jedoch zusehends aufeinander zu und schaffen so Raum für solch bemerkenswerte KünstlerInnen wie Margo Price, Eric Church, Chris Stapleton und seit nunmehr drei Alben auch Sturgill Simpson.

Letzterer hatte ja bereits den Vorgänger zu „A Sailor’s Guide To Earth“ selbstbewusst „Metamodern Sounds in Country Music“ benannt und bleibt dieser Marschrichtung auch auf seinem dritten Album treu. Mit dem übergeordneten Konzept eines Briefes an seinen 2014 geborenen Sohn, der sich durch die neun Songs des Werks zieht, lässt Simpson eine schiere Unzahl an Kombinationen von Country, Classic Rock, Soul und barockem Pop zu. Maritime Motive wie Schiffsglocken und Möwenkreischen leiten zum sonor croonenden Simpson, dessen kraftvolle Stimme fabelhaft zu den opulenten und reichhaltig herausgeputzten Songs passt. Gewichtig wie die stetig auf- und abschwingenden Pleuel einer Dampfmaschine erscheinen Songs wie der bereits vorab veröffentlichte Bombastblues „Brace For Impact (Live A Little)“ oder auch das komplett in den Kontext des Albums integrierte Nirvana-Cover „In Bloom“. Leicht entschleunigt, mit deutlich mehr Soul, verfängt sich die unverhohlene Kritik des Originals in der Takelage und wird mit weichen Streichern und der ergänzten Textzeile „But he knows not what it means to love someone“ in ein weicheres Licht gerückt.

Simpson färbt seine Countryvision in allen Farben des Meeres und liegt damit goldrichtig. Die aufbrausenden Momente von Gischt und Gezeiten kontert er mit Slow-Motion-Doo-Wop im Hintergrund und geschmackvollen Streicher- und Bläserrahmen, das gefühlvolle „Oh Sarah“ fängt er mit seiner wiegenden Charakteristik butterweich auf. Vergleiche mit Otis Redding oder Father John Misty liegen hier genauso nah wie Verweise auf den losgelösten Westcoast-Sound eines Jonathan Wilson, doch immer wieder kehrt Simpson auch zurück zu seinen Countrywurzeln. Wie weitreichend das sein kann, lässt sich im hinreißenden Abschluss „Call To Arms“ wunderbar erkennen. Schmissige Bläsersätze treffen auf wilde Pianokapriolen, die sich nicht zwischen Rock’n’Roll, Boogie und Honky-Tonk entscheiden wollen und Simpson lässt der wilden Jagd freien Lauf, ohne das Ruder beziehungsweise seine Stimme vollends aus der Hand zu geben.

Häufig jedoch ist Simpson auch der zärtliche Ratgeber und lässt der weichen Seite seines Gesangs merklich Spielraum zukommen. Im sanften „Breakers Roar“ etwa, das erheblich weniger Wellengang aufweist als der Titel weismachen will: „Breathing and moving are healing/ and soothing away/ all the pain in life holding you down“. Keine drei Minuten später umranken Simpson aber schon wieder die zickigen Bläser der Dap Kings, die man durch ihre Zusammenarbeit mit Sharon Jones kennt und „Keep It Between The Lines“ wird zum zappelnden R’n’B-Feuerwerk, ehe „Sea Stories“ irgendwo zwischen frühem Billy Joel und Zac Brown dem konventionellen Line-Dance-Country am Nächsten kommt. Das ist beileibe kein schnöder Kompromiss – vielmehr zeigt es, welche Großartigkeiten sich aus dem Zusammentreffen ergeben und lässt „A Sailor’s Guide To Earth“ in seiner erhabenen Schönheit zu einem wahren Leuchtfeuer werden.

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