ShuraNothing's Real

Nichts ist echt? So philosophisch, wie der Titel suggeriert, wird es auf Shuras Debütalbum nicht. So viel sei vorweggenommen. Immerhin ist der Erstling der Manchesterin schon mal Wirklichkeit geworden: „Nothing’s Real“ klingt nach Zeiten, als Madonna noch von Jungfrauen sang und Im-Kreis-Rollschuhfahren der heiße Scheiß in den USA war. Zehn funkelnde Popjuwelen mit 80er-Touch, unsagbarem Ohrwurmfaktor und doppelter Zuckergussschicht.

Während sich das Titelstück noch mit einer Art Medienkritik aufhält, hat schon Song Nummer zwei nichts als gute Laune, Happiness und Überschwang im Gepäck. „I don’t wanna give you up/ I don’t wanna let you love somebody else but me/ So what’s it gonna be?“, tausendmal durchgespielt, tausendmal abgehandelt und wahrscheinlich ist „What’s It Gonna Be?“ auch genau deshalb so unfassbar eingängig. Keine Ecke, keine Kante, stattdessen mitten rein in alle Hirnregionen und ordentlich Endorphine ausschütten. Spätestens in Kombination mit dem dazugehörigen Musikvideo droht akute Überzuckerung, aber die nivelliert sich im Albumverlauf dann doch wieder etwas.

Der Sound bleibt zwar aalglatt, aber die Stimmung wird melancholischer. Die (zugegebenermaßen zwei Jahre alte) Debütsingle „Touch“ handelt von einem Moment, in dem sich Ex-Partner wiedertreffen und erkennen, dass da zwischenmenschlich noch etwas ginge, sich aber zu viel verändert hat („There’s a love between us still/ But something’s changed and I don’t know why“). Dieses Sentiment bestimmt den Großteil von „Nothing’s Real“. Schon Songtitel wie „Indecision“, „What Happened To Us?“ oder „Make It Up“ zeugen davon, dass hier vor allem Persönliches aufgearbeitet wird. Dabei reiht sich Shura neben Troye Sivan oder Carly Rae Jepsen in eine Reihe neuer Popsternchen ein, die sich mindestens in den Musikvideos und oft auch in den Songtexten abseits von Heteronormativität positionieren.

„Kidz ’n‘ Stuff“, dessen grauenhafter Titel eher nach Disney Channel und Nachmittagsfernsehen auf Super RTL klingt, entpuppt sich als der Song des Albums, der noch am ehesten eine Nuance vom Schema abweicht. Gerade das progressive Outro, das in die Cupcake-mit-extra-Frosting-Explosion namens „Indecision“ („Tell me why/ we can’t make this work?/ It may be over but there’s something you should know/ You’ve got my love, boy/ you’ve got my love.“) mündet, ist eine interessante Wendung.

Nach fünfzig Minuten mit Shura sind die Gehörgänge weichgespült wie ein Frotteehandtuch und glatt wie ein Kinderpopo. Aber jeder Versuch von Häme ist zwecklos, denn mit ihrer unschlagbaren Trias aus catchy Songwriting, liebenswerter Persönlichkeit und einem trotz oder gerade wegen aller Widrigkeiten unerbittlichen Optimismus hebt sie die Messlatte für elektronischen Pop auf ein neues Level. Um den Retrocharme zu komplettieren, endet das Album dann auch nicht mit der sieben Minuten langen Albumversion von „White Light“, sondern mit einem Hidden Track. Wer kann, der soll.

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