Joanna Newsom, Sharon Van Etten, Torres, Angel Olsen, Natalie Prass, Jessica Pratt, Julia Holter … und nun auch noch Weyes Blood. Musikerinnen, denen der wohltemperierte Klang am Herzen liegt und denen je nach Temperament, Experimentierfreude und Stimmfarbe etwas Eigenes innezuwohnen scheint. Was sie eint, ist die Güte, mit der sie gerade in den vergangenen fünf Jahren mit Leichtigkeit Alben aus den Ärmeln schüttelten.

„Front Row Seat To Earth“ ist Natalie Merings drittes Album als Solokünstlerin Weyes Blood. Von ihrer Arbeit mit den lauten Noise-Rockern Jackie-O-Motherfucker ist nichts geblieben, die Energie ihrer ersten beiden Alben stark kanalisiert. Feinsinnig eröffnet das grandiose „Diary“ mit aufgebrochenen Klavierakkorden ein Album, dessen Stärke ganz klar in der Gesangsgestaltung liegt. Die Kalifornierin singt nicht flüchtig, selten süßlich, niemals scheu. Mit beeindruckender Kraft erschafft sie Klangräume, die sie zuweilen opulent inszeniert: Streicher, Chöre, Pianomotive kennt man sicherlich auch von den weiter oben genannten Geistesverwandten, doch setzt Weyes Blood andere Kontrapunkte.

Besonders gut gelingt ihr das im nahezu formfreien „Can’t Go Home“. Ein Bordun erhöht das Stück, ein Frauenchor setzt die Basis und schon flirrt man mit Sack und Pack in den Äther. Sich treiben lassen, nicht zurück zu kommen, den Blick von oben zu wagen – beinahe schwerelos fließen hier angetäuschte Melodien wie Sternschnuppen vorbei und lassen den Gesang so entrückt wie möglich erscheinen. Im folgenden „Seven Words“ dann der Gegensatz. Mering wird klar und prägnant und betört beinahe sirenenhaft: „These seven words/ I say to you/ one by one/ I love you/ and you have to know“, nur um kurz danach mit ähnlich süßer Stimme zu folgern: „These seven words/ are no longer mine/ Who am I/ but a stranger/ who took you down.“

Merings Stimmumfang ist dabei ebenfalls erstaunlich. Während sie bereits im erwähnten „Diary“ weder vor Höhen noch Tiefen zurückschreckt, überwiegen beim folgenden „Used To Be“ vor allem in den Strophen abgetönte Momente, denen sie doch mit opulenten Bläsern einen ebenso rauschhaften Rahmen zu erschaffen vermag. Zum Ende hin wagt sie darüber hinaus in „Away And Above“ ein wenig leise Zerbrechlichkeit, die vor allem auf das abschließende instrumentale Titelstück wie ein sanfter, aber bestimmter Übergang in andere Sphären zu deuten wäre.

In ganz selten Fällen verliert sich Mering ein wenig in ihrem Wohlklang. Ohne Höhepunkt steuert das wiederum wundervoll gesungene „Be Free“ blockflötenumrankt voll patinierter Schönheit in Richtung Niemandsland und auch „Away And Above“ fehlen eben so ein paar Quäntchen mehr Zugzwang, um sich gegenüber den starken Melodiefolgen von Songs wie „Do You Need My Love“ mit einem fast schon aufreizend experimentellen Mittelteil durchzusetzen. Dass es dann dennoch deutlich reicht, um in die Riege der oben genannten Wegbegleiterinnen aufgenommen zu werden, liegt auf der Hand und lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass für Weyes Blood auch ein Platz in der ersten Reihe reserviert ist.

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