Von hinten aufgerollt ist das dritte? Album von Kaitlyn Aurelia Smith ein kosmischer Brocken. Wellenartig ebben im finalen Elfminüter „Existence In The Unfurling“ gedimmte Sequencer-Pulsare auf und ab, langatmiges Synthraunen breitet sich füllend aus, wiederum abgelöst von schnelleren, lebhaft funkelnden oder flötenden Arpeggio-Flitzereien, aus denen sich schließlich eine glanzvoll erhabene Melodie freiheitssuchend erhebt wie ein ablegendes (Raum-)Schiff.

Soweit die in letzter Zeit wieder durchaus populären Weltraum-Klischees zu instrumentaler Synthesizer-Musik, doch ist dies eben nur das Ende von „EARS“. Was ihm vorhergeht, ist entschieden erd- und vor allem naturverbunden, nicht zuletzt weil sich in all die wubbelnden, flatternden, wabernden Klänge immer wieder die Stimme von Smith legt, wenn auch selten so verbal klar erkennbar wie in „Arthropoda“. Mehr aber noch nutzt die Kalifornierin ein halbes Dutzend verschiedene Blasinstrumente in Textur und Melodie, die ebenso vielfältig – wenn auch nicht so effektmoduliert – wie ihre zahlreichen Synthesizer sind. „Rare Things Grow“ eröffnet knisternd und raschelnd, ein nicht gesampelt wirkendes Tröpfeln lotet die Tiefe des Hintergrunds aus und ein Saxophon führt erst in einer abwärts rutschenden Tonfolge zum mittigen Umbruch des Stückes, stimmt dann in ein flinkmelodisches Call-And-Response mit Smith und einem weiteren Saxophon ein und vermengt sich schließlich mit Klarinette und einer auf einmal nicht mehr stetigen, sondern anschlagsförmigen Bassnote.

Die lebhaften Mikro-Melodien vor allem seitens der Flöten, das komplex warme Zusammenspiel elektronischer und analoger Texturen – wenn man diesem Klang synästhetisch eine Farbe zuordnen würde, so wäre diese ein sattes, wasser- und chlorophyllgetränktes Grasgrün. Mit diesem naturverbundenen Kreuchen und Fleuchen von Pflanzen, Insekten und Feld- bis Waldgetier erinnert „EARS“ durchaus an den Forstlertechno eines Dominik Eulbergs, ist aber größtenteils ambient im Sinne einer Abwesenheit von Beats. Die zweite Hälfte des mystisch beschwörenden „Wetlands“ geht ähnlich wie „Rare Things Grow“ in eine Art sanften Groove über, dessen Pochen ebenso wie die Vocals vage aus dem gegenwärtigen Moment gefallen scheinen, zugleich die waberige Qualität einer rückwärts abgespielten Aufnahme und die einer pitchverschobenen Schwefelhexafluorid/Helium-Stimme besitzend.

Das bedeutet umgekehrt nicht, dass der Rest der Stücke unrhythmisch wäre. „Stratus“ ist eine anmutige Meditation, in der die Holzbläser schwerelos, aber stetig im Takt ineinander gleiten wie sequenzierte Elektronik, eher sind es die synthlastigeren Abschnitte wie zu Beginn von „First Flight“, die improvisatorisch frei wirken – und das, obwohl die repetitiven Anschläge mit maschineller Präzision erfolgen. Der Triumpf von Smith ist es, mit all dem ein wundergefülltes Naturerlebnis nachzuempfinden, das sich beim Hören auch wortlos überträgt.

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